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"Dichten, bis ich vom Sessel falle"

Etwas tun wollen, was man nicht mehr kann: Diese Erfahrung ist für Peter Turrini neu - und schmerzlich. Im Gespräch mit Elisabeth Nöstlinger erzählt er vom Altern und von seinem (An-)Schreiben gegen den Wahn.

Niemals hat der Dramatiker Peter Turrini Authentischeres beobachtet als alte Menschen. Er hat dies in einigen seiner 40 Bücher niedergeschrieben, auf die Bühne gebracht. In "Joseph und Maria", in der "Alpensaga", in den "Minderleistern". Nun, da der 1944 Geborene selbst in den Kreis der Älteren eintritt, scheint ihn alles über das Altern Geschriebene, Erfahrene und Gelesene nicht zu berühren. Deshalb hegt er den Verdacht, dass jeder Mensch dem Altern erfahrungslos ausgeliefert ist. Die Schriftstellerei bietet Peter Turrini daher Auseinandersetzung mit seinem Altern und seiner Lebensflucht zugleich.

Peter Turrini: Sie müssen verstehen, ich habe mein Leben lang nach dem Satz "Ich kann, aber ich will manchmal nicht" gelebt. Jetzt, da ich erstmalig mit der Umdrehung dieses Satzes konfrontiert bin, die lautet "Ich will, aber ich kann nicht", holt mich ein nie gekannter Schrecken ein.

Die Furche: Worauf bezieht sich diese Umkehrung? Bedeutet sie, dass Ihnen das Schreiben schwerer fällt als früher?

Turrini: Ich bin ein Mensch, der nur in der Sprache aufgehoben ist. Ich brauche die Überführung meiner Erfahrung in das geschriebene Wort. Es mag merkwürdig klingen, aber über das Beschreiben erfahre ich alles intensiver als über das Erleben. Ich bin aber ganz sicher ein Schriftsteller, der die Vorfindung braucht, um die Erfindung wagen zu können. Sie werden in allen meinen Büchern auch einen erlebten Anteil finden. Den Mut des Schöpfens liefert mir die Erfahrung in der Wirklichkeit. Ich wäre völlig unfähig, aus dem Himmel der Fantasie herabzufliegen. Ich brauche den Anker in der Wirklichkeit, um in den Himmel der Fantasie zu gelangen. Eine Menge Liebesleid und Liebesschmerz und persönliche Katastrophen sind die Mindestvoraussetzung für das Schreiben meiner Liebesgedichte gewesen.

Die Furche: Sie leben in Retz, im Weinviertel. Allein? Zurückgezogen? Sind Sie ganz in Ihr Schreiben für das nächste Theaterstück, das in Kärnten uraufgeführt wird, vertieft?

Turrini: Ich lebe seit zehn Jahren in einer fixen Beziehung mit einer ganz großartigen Frau, Silke Hassler. Sie ist ihrerseits Schriftstellerin und Herausgeberin bei Suhrkamp und trägt einen Großteil jener Wahnsinnigkeiten, die ich in mir trage, ihrerseits in sich. Es gibt also beim Verrücktsein eine große Verwandtschaftlichkeit, und wenn sich der eine zurückzieht, um den Erfindungen zu folgen und die Realität zu verlassen, dann versteht das der andere sehr gut.

Die Furche: Ist diese Gemeinsamkeit auf Dauer angelegt? Wollen Sie mit Silke Hassler alt werden?

Turrini: Ach, was ist schon auf Dauer angelegt in dieser Welt? Ich kann immer nur von dem ausgehen, was im Moment ist. Das ist eine große und tiefe Liebe. Natürlich sehnt man sich immer nach Dauer, aber schon die Vernunft, die Literaturgeschichte und die Menschheitsgeschichte belehren einen, dass wir alle verfallen und zerfallen, und dass das auch auf die Liebe zutreffen kann. Ich wünsche es mir keineswegs, nur - ich habe mein Leben nicht mit Absprachen und Zukunftsprognosen gelebt, sondern versucht, mit größter Intensität in der Gegenwart zu leben. Ich krieg' nicht einmal eine Pension. Ich merke, wie rundherum meine Freunde mir erzählen, sie gehen in Pension - ich muss dichten, bis ich vom Sessel falle, tot, weil es ja gar keine Dichterpension gibt, aber das schafft auch ein mir adäquates Grundgefühl.

Die Furche: Ist daraus zu schließen, dass Sie keinerlei Altersvorsorge getroffen haben?

Turrini: Das war nie ein Thema und ist bis heute kein Thema. Das heißt nicht, dass ich mich über das Bedürfnis vieler Menschen lustig mache. Ich verstehe, dass Menschen nach einem intensiven Arbeitsleben, nach einem Leben der Ausbeutung Ruhe und Schutz haben wollen. Nur, ich kann mein Gewerbe der Schriftstellerei nicht in einer Schutzzone ausführen. Es ist ein schutzloses Gewerbe. Stellen Sie sich einfach einen Arbeitstag vor. Einen Tag, an dem man sich um zwei oder drei Uhr Nachmittag bis Mitternacht vor ein weißes Blatt Papier setzt und jeden Tag die Welt neu erfinden muss. Ob sie dann wirklich neu erfunden wird, sei dahingestellt, aber es gähnt einen mit aufgerissenem Rachen dieses weiße Blatt an. Das ist der tägliche Abgrund. Was soll ich da für Sicherheitsmaßnahmen ergreifen?

Die Furche: Wollen Sie mit dem Schreiben auch dem Altern entfliehen?

Turrini: Es gibt in meinem Leben zwei Geschwindigkeiten. Die eine Geschwindigkeit ist die der Wirklichkeit des realen Lebens. Das ist mir immer schon zu schnell vorgekommen. Ich schreibe also auch, um der Welt meine eigene Geschwindigkeit aufzudrücken. Das gilt für politische Vorgänge, die mir einfach in ihrer Blödheit so unerklärlich sind, dass nur ein Nachdenken nach meinem Zeitbedürfnis mir einiges erhellt. Das gilt auch für Trennungen. Für den Tod meiner Mutter zum Beispiel. Ich hab' diesen schnellen Vorgang menschlichen Sterbens nur durch die literarische Nachstellung nach meiner eigenen seelischen Geschwindigkeit verkraften können. Es erscheint mir immer so, dass der Mechanismus der menschlichen Seele und dessen, was uns umgibt, völlig asynchron verlaufen. Ich brauche diesen Nachstellungsvorgang, um die Welt überhaupt ertragen zu können. Schlichter gesagt: Würde ich nicht schreiben, würde ich verrückt werden. Ich würde mich sofort umbringen.

Die Furche: Sie sind einer der erfolgreichsten österreichischen Dramatiker. Hätten Sie die Schriftstellerei auch Zeit Ihres Lebens betrieben, wenn Sie erfolglos geblieben wären?

Turrini: Das ist eine interessante Frage für mich. Ich glaube, dass mein Wahn, den ich Ihnen beschrieben habe, der in der Pubertät begonnen hat, nämlich die Welt in Sprache verwandeln zu müssen, ziemlich unabhängig von der Frage des Erfolgs funktionierte. Ich habe verschiedenste Berufe ausgeübt, schlicht und einfach, weil ich Geld verdienen musste. Während ich all diese Berufe ausgeübt habe, egal ob das bei der voest am Hochofen oder später in einem italienischen Hotel als Direktor war, habe ich immer geschrieben. Dieser Mechanismus, die Welt in Sprache verwandeln zu müssen, weil ich sie sonst nicht ertragen kann, der lief also sehr unabhängig und läuft bis heute mit der gleichen Vehemenz und Notwendigkeit. Dass es dann irgendwann, ich glaube, ich war 25 oder 26, einmal öffentlich wurde, ein Beruf daraus wurde, das war sehr erfreulich. Den ureigentlichen Mechanismus hat es nicht belangt. Ich hätte wahrscheinlich diesen Wahn weiter betrieben, auch wenn es mich als öffentlichen Schriftsteller nicht gegeben hätte. Schreiben ist nicht nur eine Lebensform, sondern eine Überlebensform.

Die Furche: Hat Ihre Erkenntnis, manchmal zu wollen und nicht mehr zu können wie früher - Sie haben dies bei einem Symposion zu Ehren des Alternsforschers Leopold Rosenmayr gesagt - überhaupt mit dem Schreiben zu tun?

Turrini: Damit war etwas Simpleres gemeint. Ich habe mein Leben lang wie ein Raubritter gegen meinen Körper gekämpft, sei es durch maßlose Trinkereien oder anderes. Ich habe dies als unendliche Möglichkeit empfunden. Nämlich die Unendlichkeit der körperlichen Belastung. Seit einigen Jahren manche ich nun, wie jeder Mensch, der älter wird, die Erfahrung, dass diese Belastbarkeit nachlässt. Dieses Raubrittertum muss ich irgendwann eingrenzen, sonst falle ich einmal tot um. Das ist eine betrübliche Erfahrung für einen Menschen wie mich, der in allen Dingen der Literatur, aber auch in denen des Lebens und des Körpers von Uferlosigkeiten und Unvorsichtigkeiten ausgeht. Es ist mir nie gelungen, und ich hatte auch nie die Absicht, in irgendeinem Bereich vernünftig, einteilend, dosierend, portionierend zu leben. Das Leben ist bis zur letzten Minute mit aller Intensität, Schönheit und Zerstörung auszuschöpfen. Schlicht und einfach...

Nächste Woche: Ex-Volkstheater-Direktorin Emmy Werner.

Das Buch zur Sendereihe wird im Oktober im Styria-Verlag erscheinen.

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