Flaneur - © Illustration: picturedesk.com / akg-images

Promenadologie: Die Wissenschaft vom Spazierengehen

1945 1960 1980 2000 2020

Der klassische Spaziergang hat in den vergangenen zwei Pandemiejahren eine Renaissance erfahren. Promenadologe Martin Schmitz beforscht diese spezielle Art der Fortbewegung. Über den Luxus der Langsamkeit.

1945 1960 1980 2000 2020

Der klassische Spaziergang hat in den vergangenen zwei Pandemiejahren eine Renaissance erfahren. Promenadologe Martin Schmitz beforscht diese spezielle Art der Fortbewegung. Über den Luxus der Langsamkeit.

Noch vor zehn Jahren wurde Martin Schmitz’ relativ neue Disziplin – die Promenadologie, zu deutsch Spaziergangswissenschaft - belächelt, sagt der Berliner, der an der Kunsthochschule Kassel eine Professur innehat. Das hat sich geändert. Und zwar nicht erst seit der Coronakrise, innerhalb derer das Spazierengehen in der breiten Bevölkerung wieder en vogue geworden ist. Im Video-Interview mit der FURCHE erklärt der Wissenschafter, inwiefern der öffentliche Raum bzw. die Frage, wer ihn wofür nutzen darf, stets ein Politikum sein wird – und warum die Wahrnehmung beim Gehen das Wichtigste ist. Auch ist Schmitz überzeugt, dass der totgesagte Spazierstock dieser Tage sein Comeback feiert.

DIE FURCHE: Spaziert ein Spaziergangswissenschafter eigentlich auf eine andere Art und Weise durch die Gegend als z.B. ein Flaneur im 19. Jahrhundert oder ein Büroangestellter, der in der Mittagspause eine Runde um den Block dreht?
Martin Schmitz:
Nein. Diese Leute machen tatsächlich alle ein und dasselbe. Spazieren gehen war und ist Muße. Die ersten Menschen, die spazierten, waren weder auf der Suche nach Essen, noch auf der Flucht. Auch heute ist es noch der reinste Luxus. Darüber hinaus kostet es nichts und man nimmt immer wieder Neues wahr; auch an Orten, die man meint, genau zu kennen. Die Figur des Flaneurs ist natürlich auch literarisch besetzt. Der Erfinder der Promenadologie, der Schweizer Soziologe Lucius Burckhardt, hat einmal gesagt: „Die Spaziergangswissenschaft ist eher eine Karikatur der Flaneure.“ Aber Burckhardt wollte auf etwas Konkretes hinaus…

DIE FURCHE: Worauf genau?
Schmitz:
Die Geschichte beginnt in Basel. Im Jahr 1949 beginnt dort der große, autogerechte Stadtumbau. Man braucht Parkplätze, breitere Straßen. Dafür will man gotische Häuser abreißen. Das war in Lucius Burckhardts Augen eine Zerstörung. Er fragt damals: Wer plant die Planung? Wie wirkt das, was wir draußen sehen, auf uns zurück? In den 60er, 70er Jahren wird die Kritik am Stadtumbau, eigentlich sollte ich Stadtabriss sagen, immer lauter. Burckhardt ist mit seinem Vorstoß also ein Pionier. In den 80ern haben wir dann trotz Protests Autobahnen und Charterflüge. Die Mobilität ist auf einem ersten Höhepunkt. Das ist der Zeitpunkt, an dem Burkhardt die Spaziergangswissenschaft erfindet. Es geht ihm um Mobilität und Wahrnehmung – und deren Rückkoppelung auf das Planen und Bauen.

Noch vor zehn Jahren wurde Martin Schmitz’ relativ neue Disziplin – die Promenadologie, zu deutsch Spaziergangswissenschaft - belächelt, sagt der Berliner, der an der Kunsthochschule Kassel eine Professur innehat. Das hat sich geändert. Und zwar nicht erst seit der Coronakrise, innerhalb derer das Spazierengehen in der breiten Bevölkerung wieder en vogue geworden ist. Im Video-Interview mit der FURCHE erklärt der Wissenschafter, inwiefern der öffentliche Raum bzw. die Frage, wer ihn wofür nutzen darf, stets ein Politikum sein wird – und warum die Wahrnehmung beim Gehen das Wichtigste ist. Auch ist Schmitz überzeugt, dass der totgesagte Spazierstock dieser Tage sein Comeback feiert.

DIE FURCHE: Spaziert ein Spaziergangswissenschafter eigentlich auf eine andere Art und Weise durch die Gegend als z.B. ein Flaneur im 19. Jahrhundert oder ein Büroangestellter, der in der Mittagspause eine Runde um den Block dreht?
Martin Schmitz:
Nein. Diese Leute machen tatsächlich alle ein und dasselbe. Spazieren gehen war und ist Muße. Die ersten Menschen, die spazierten, waren weder auf der Suche nach Essen, noch auf der Flucht. Auch heute ist es noch der reinste Luxus. Darüber hinaus kostet es nichts und man nimmt immer wieder Neues wahr; auch an Orten, die man meint, genau zu kennen. Die Figur des Flaneurs ist natürlich auch literarisch besetzt. Der Erfinder der Promenadologie, der Schweizer Soziologe Lucius Burckhardt, hat einmal gesagt: „Die Spaziergangswissenschaft ist eher eine Karikatur der Flaneure.“ Aber Burckhardt wollte auf etwas Konkretes hinaus…

DIE FURCHE: Worauf genau?
Schmitz:
Die Geschichte beginnt in Basel. Im Jahr 1949 beginnt dort der große, autogerechte Stadtumbau. Man braucht Parkplätze, breitere Straßen. Dafür will man gotische Häuser abreißen. Das war in Lucius Burckhardts Augen eine Zerstörung. Er fragt damals: Wer plant die Planung? Wie wirkt das, was wir draußen sehen, auf uns zurück? In den 60er, 70er Jahren wird die Kritik am Stadtumbau, eigentlich sollte ich Stadtabriss sagen, immer lauter. Burckhardt ist mit seinem Vorstoß also ein Pionier. In den 80ern haben wir dann trotz Protests Autobahnen und Charterflüge. Die Mobilität ist auf einem ersten Höhepunkt. Das ist der Zeitpunkt, an dem Burkhardt die Spaziergangswissenschaft erfindet. Es geht ihm um Mobilität und Wahrnehmung – und deren Rückkoppelung auf das Planen und Bauen.

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DIE FURCHE: Sollten Städteplaner mehr spazieren gehen?
Schmitz:
Um genaue Aussagen über unsere Stadt treffen zu können, müssen wir uns in der Tat in ihr bewegen. Je langsamer, desto besser.

DIE FURCHE: Wir diskutieren heute wieder lauter darüber, wie viel Platz Autos in der Stadt erhalten sollen. Burckhardts Themen aus den 50ern erscheinen aktueller denn je.
Schmitz:
Stadtplanung war nach dem zweiten Weltkrieg reine Autoverkehrsplanung – und danach kamen immer mehr Autos. Das Idealbild der autogerechten Stadtplanung war der City-Ring, eine Autostraße, die die Innenstadt einschließt. Alle reden darüber, dass wir den Platz in den Städten neu organisieren müssen, gleichzeitig werden die Autos breiter. Die Pandemie hat weitere Probleme aufgezeigt – etwa die Krise des Einzelhandels in den Innenstädten. Fest steht: Fußgängerzonen wurden für die Autofahrer geplant, nicht für die Fußgänger.

DIE FURCHE: Sollen wir das Auto aus den Innenstädten verbannen?
Schmitz:
Autofreie Innenstädte sind nichts anderes als Mega-Fußgängerzonen. Man sperrt Teile der Stadt ab und verlagert sämtliche Probleme nach außen. Das erste Rädchen, an dem wir drehen können, ist daher der öffentliche Verkehr. Dessen Niveau ist ausschlaggebend für eine Verringerung des Autoverkehrs. Wie Raum genutzt wird, bleibt daher auch immer eine politische Frage. Das Problem ist die Menge der Fahrzeuge. Wenn 30 Prozent der Autos nicht da wären, wäre schon viel getan.

Da passiert gerade etwas! Es geht darum, zu Fuß zu gehen und sich mit einer Landschaft zu identifizieren.

DIE FURCHE: Es gibt diesen Satz über die Promenadologie: Ein Spaziergang ist eine Perlenschnur, die von einem bemerkenswerten Ort – den Perlen – zum nächsten führt. Heute baut man immer mehr Orte ohne Perlen, aber mehr Planviertel und Parkanlagen. Was macht das mit uns?
Schmitz:
Der Spaziergänger hat mediale Vorstellungen im Gepäck. Die Werbung zeigt idyllische Landschaften, intakte Städte – das stimmt mit der Realität nicht überein. Die Umwelt wird immer hässlicher. Das merken die Menschen. Andererseits wird auch deutlich, wie wenig Menschen wahrnehmen, wie konditioniert die Blicke sind. Ich kenne Menschen, die sich auf Palma de Mallorca besser auskennen als in ihrer Umgebung. Viele fahren mit dem Auto aus der Tiefgarage in die Arbeit. Wenn sie zu Fuß gehen würden, würden sie sich verirren. Ich merke aber auch, dass das Interesse an der analogen Welt zugenommen hat. Die Menschen gehen überall spazieren, es gibt Führungen, Literatur- und Planungsspaziergänge. Die Gestaltung der Umwelt rückt wieder in den Fokus.

DIE FURCHE: Es ist heute leicht, sich zu tracken. Influencer posten Stories darüber, ob sie es geschafft haben, 10.000 Schritte zu gehen oder nicht. Geht es beim Spazierengehen auch um Produktivität bzw. Selbstoptimierung?
Schmitz:
Zahlen und Daten spielen im digitalen Zeitalter eine große Rolle. Aber sie sind nur die halbe Miete. Es geht um etwas anderes. Das zeige ich Ihnen jetzt! (Schmitz verlässt kurz den Bildschirm, kehrt mit einem hölzernen Spazierstock in der Hand zurück. Darauf ist eine kleine, metallene Plakette – ein Stocknagel. Mit weißer Schrift steht auf rotem Untergrund: „Hier ist es schön.“) Der Großvater hatte früher einen Wanderstock mit solchen Stocknägeln. Die kündeten davon, wo er schon war. Seit ein paar Jahren gibt es ein Unternehmen, das Universalstocknägel mit dieser Aufschrift – „Hier ist es schön“ - produzieren. Da passiert gerade etwas! Es geht darum, zu Fuß zu gehen und sich mit einer Landschaft zu identifizieren. Als Forscher interessiert mich die Frage: Was macht die nächste Generation?

Martin_Schmitz - © Foto: Doris Spiekermann-Klaas / Der Tagesspiegel

Martin Schmitz

Martin Schmitz lernte sein Fach beim Schweizer Lucius Burckhardt - dem Erfinder der Promenadologie. Heute ist der Berliner selbst ein gefragter Spaziergangswissenschaftler und Stadtplaner.

Martin Schmitz lernte sein Fach beim Schweizer Lucius Burckhardt - dem Erfinder der Promenadologie. Heute ist der Berliner selbst ein gefragter Spaziergangswissenschaftler und Stadtplaner.

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