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Rückkehr in die Barbarei

So viel Krieg war selten -in Nahost, Afrika, Asien und auch im Osten Europas. Länder fallen in Schutt oder zerbrechen ganz. Mörderbanden terrorisieren ganze Völker und Religionsgruppen. Ungezählte Menschen sterben auf der Flucht. Erstmals hat der Papst das ominöse Wort "Dritter Weltkrieg" in den Mund genommen. Und das alles 25 Jahre nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs" und dem schönen Traum vom "Ende der Geschichte" durch Auflösung aller weltpolitischen Widersprüche.

Am diesem Samstag begeht die UNO ihren "Weltfriedenstag" - bald 70 Jahre, seit sie aus der Asche des Zweiten Weltkriegs gewachsen ist -"um der Welt den Frieden zu bringen".

Mit ungewohnter Offenheit hat der UN-Generalsekretär selbst den Finger in die Wunde gelegt: "Ich muss zugeben, dass es der Weltorganisation trotz aller Anstrengungen nicht gelungen ist, die traditionellen Verhaltensmuster der Politik zu überwinden und die neuen Existenzfragen der Menschheit in den Griff zu bekommen." Goldene Worte -gesprochen aber nicht im Jahr 2014 und nicht vom Koreaner Ban Ki-moon, sondern schon 1971 von Kurt Waldheim bei seinem Abschied von den Vereinten Nationen.

Eine bittere Realität, die heute wahrer denn je ist: Kriege, Terror und Barbarei greifen um sich. Alte Feindbilder kehren zurück. Und gerade jetzt offenbart die UNO, die einzig globale Friedensbringerin, ihre totale Macht-und Hilflosigkeit. Schuld daran sind ihre altbekannten Webfehler, allen voran die gegenseitigen Blockaden der Vetomächte USA und Russland, derzeit auf den Schlachtfeldern von Syrien über Gaza bis in die Ost-Ukraine.

"UNO der Religionen"

Dazu kommt manch neue Ohnmacht: Die Staaten sind heute nicht mehr "Herren der Kriege"; nahezu überall stehen Regierungen mysteriösen Partisanenkämpfern gegenüber, die weder Staatlichkeit noch Verantwortung gegenüber der UNO kennen.

Mehr noch: Auch etablierte Armeeführungen feuern heute lieber aus sicherer Distanz -mit ihren Luftwaffen, Fernlenk-Drohnen oder mit Söldnern ohne erkennbare nationale Zuordnung.

Am kommenden Mittwoch wird US-Präsident Obama selbst eine Sitzung des Sicherheitsrats leiten -nur eine Routine, gerade jetzt aber durchaus peinlich.

Denn auch Amerika manipuliert das höchste UNO-Gremium je nach Interessenlage.

So zeigt die Weltorganisation heute krass wie kaum zuvor ihr Janusgesicht: unersetzlich als humanitärer Feuerwehrmann, um Millionen Menschen irgendwie am Leben zu erhalten. Aber ganz und gar hilflos als Vermittler, um ihnen ein solches Leben in Verzweiflung zu ersparen.

Israels Ex-Präsident Schimon Peres hat jüngst eine "UNO der Religionen" vorgeschlagen. Ihre Botschaft: Bei der Schändung der Menschlichkeit kann sich niemand auf seinen Glauben berufen! Eine Idee, die nicht ganz neu und auch kein Garant für ewigen Frieden ist - aber in Sachen Konfliktbeilegung womöglich segensreicher als die UNO von 2014.

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