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"Schaut her, das ist unser Leben!“

Johannes Langer und Simon Vosecek sind seit zwei Jahren verpartnert. Ein Gespräch über Frankreichs Homo-Ehe-Streit, Geschlechterrollen und (katholische) Homophobie.

Es war ein Kampf der Kulturen, der in den vergangenen Wochen auf Frankreichs Straßen ausgetragen wurde: Hunderttausende protestierten gegen die von Staatspräsident François Hollande im Wahlkampf versprochene "Ehe für alle“ ("Mariage pour tous“), die es gleichgeschlechtlichen Paaren künftig erlauben sollte, zu heiraten und gemeinsam Kinder zu adoptieren. Unter den Massen waren Anhänger der bürgerlichen Oppositions-Partei UMP ebenso wie konservative Katholikinnen und Katholiken, aber auch rechtsradikale Gruppen. Hunderte Personen wurden festgenommen, Dutzende verletzt. Am 18. Mai wurde Frankreich schließlich zum weltweit 14. Land, das die Ehe für Schwule und Lesben öffnete. Elf Tage später gaben einander Vincent Autin und Bruno Boileau - begleitet von einem Großaufgebot an Journalisten und Sicherheitskräften - in Montpellier das Ja-Wort.

Nicht das Gefühl, betroffen zu sein

Johannes Langer und Simon Vosecek haben die Geschehnisse von Wien aus interessiert, aber nicht akribisch verfolgt. Dazu hatten die beiden einfach keine Zeit. Langer, weil er als Lehrer für Musik und Deutsch am Tschechischen Oberstufenrealgymnasium Komensky im dritten Wiener Gemeindebezirk gerade zahllose Projekte samt Matura vorzubereiten hatte; und ˇSimon Voseˇcek, weil er als Komponist seine Oper "Biedermann und die Brandstifter“ nach dem gleichnamigen Stück von Max Frisch finalisieren musste, bevor das Stück am 17. September in der "Neuen Oper Wien“ uraufgeführt wird. "Da war ich so überarbeitet“, erzählt Voseˇcek in der gemeinsamen Wohnung des Paares im 15. Wiener Gemeindebezirk, "dass ich nicht das Gefühl hatte, das geht mich persönlich etwas an“.

In gewisser Weise stimmt das auch: Anders als in Frankreich kann in Österreich von Kulturkampf keine Rede sein. Als der Ministerrat kürzlich - auf Druck des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (s. u.) - die Stiefkindadoption für gleichgeschlechtliche Paare beschloss, kam es nicht zu Massendemonstrationen, sondern nur zu besorgten Gastkommentaren: Stephanie Merckens, Juristin und Mitglied der österreichischen Bioethik-Kommission beim Bundeskanzleramt, betonte im Standard das "Recht des Kindes auf Vater und Mutter“; und der St. Pöltner Bischof Klaus Küng wünschte sich in der Presse "den Kindern zuliebe“ vor einer Gesetzesänderung einen breiten, gesellschaftlichen Diskurs. Auch vergangenen Samstag, als rund 150.000 Menschen bei der 18. Regenbogenparade über die Wiener Ringstraße zogen und der Verein "Pro Vita“ zum "Marsch für die Familie“ auf den Stephansplatz lud, blieb alles friedlich. "Etwa 200 Teilnehmer“ seien gekommen, um gegen die "Gender-Ideologie“ zu protestieren, schätzt Alfons Adam, Obmann des Vereins "Pro Vita“ und einst Gründer der "Christen-Partei“. "Wir wissen aber die schweigende Mehrheit hinter uns.“

Eine Behauptung, die Johannes Langer heftig den Kopf schütteln lässt. Als Sprecher der "Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Glaube“ Wien ärgert ihn vor allem die Vereinnahmung aller Christinnen und Christen durch "ultrakonservative christliche Gruppierungen“. Im Vorfeld der Regenbogenparade - und der Gegen-Demo von "Pro Vita“ - hat der 51-Jährige deshalb eine Petition verfasst, die "Menschen aus den Kirchen und anderen religiösen Institutionen“ aufruft, "ihre Stimme gegen Homophobie“ zu erheben.

Wie schwierig - und oft heuchlerisch - vor allem das Verhältnis der katholischen Kirche zum Thema Homosexualität ist, zeigt sich an Langers eigener Lebensgeschichte. Schon im Kindergarten fühlt er sich zu Buben hingezogen, mit 20 Jahren outet er sich gegenüber seiner Familie, die "ziemlich gut reagiert“, wie er sagt. Auch nach seiner Wahl zum stellvertretenden Pfarrgemeinderatsvorsitzenden gibt es keine Probleme - bis er bei der Diözesanleitung angezeigt wird. Doch Erzbischof Hans Hermann Groër stützt ihn - unter der Bedingung, dass er seine Homosexualität "zumindest offiziell“ nicht lebt. "Bis auf wenige Ausnahmen sind alle hinter mir gestanden“, erinnert sich Langer. "Von dieser ‚schweigenden Mehrheit‘, von der die ‚Christen‘ sprechen, war schon damals nichts zu spüren.“

Erfahrungen mit Homophobie hat er erst beim Theologie-Studium an der Uni Wien: Als er eine Einladung zu einem Schwulen-und-Lesben-Gottesdienst an die Tafel schreiben will, beginnt sich der Professor lautstark zu empören. Am Ende tritt Langer aus der katholischen Kirche aus - nicht nur wegen der Haltung Roms zur Homosexualität, sondern auch und vor allem wegen seiner zunehmenden Zweifel an der Erlösungslehre, dem Herzstück des Christentums.

Heute, als theologisch nach wie vor interessierter und "spirituell suchender“ Mensch, sympathisiert er eher mit der progressiven jüdischen Gemeinde Or Chadasch und organisiert für den Verein "Homosexuelle und Glaube“ verschiedenste Semesterthemen. Mit der römisch-katholischen Kirche hat er freilich gebrochen. "Sie ist mitschuld daran, dass Leute wie ich und viele andere aus dem System Kirche herausfallen - und sich auch vom Glauben entfernen“, sagt er. Statt in der Kirche "am Reich Gottes mitzubasteln“, arbeitet er nun bei den Grünen in Rudolfsheim-Fünfhaus mit. "Dort“, sagt er, "habe ich viele ausgewanderte Christinnen und Christen kennengelernt.“

ˇSimon Voseˇcek kennt er indes schon seit 13 Jahren. Langer unterrichtet damals an der österreichischen Schule in Prag und musiziert mit seiner Band gerade in einem Club, als ein tschechischer Kompositionsstudent im Publikum sitzt. Zwischen den beiden funkt es. Eineinhalb Jahre später ziehen sie nach Wien, am 1. April 2011 lassen sie am Magistrat in Ottakring - bejubelt von Verwandten, Freunden und einer Schulklasse - ihre Partnerschaft eintragen.

Androgynes Rollenverständnis

1524 gleichgeschlechtliche Paare haben von 1. Jänner 2010 bis Ende des Vorjahres österreichweit diesen Schritt gesetzt. Manche sehnen sich nach eigenen Kindern, für andere - wie für Johannes Langer und ˇSimon Voseˇcek - ist das kein Thema (mehr). "Für mich kommt das zu spät“, sagt Langer. "Ich habe drei Neffen und viele Kinder in meinem Umfeld“, ergänzt sein 35-jähriger Partner. Dass zwei Männer oder Frauen ein Kind großziehen, sehen sie aber nicht als Problem. Wichtiger als das Geschlecht der Bezugspersonen sei, als Familie ein offenes Haus zu führen, damit sich Kinder an mehreren Vorbildern orientieren könnten. "Was lernt ein Kind von einer Frau, was von einem Mann?“ fragt Johannes Langer. "Ist es wirklich so, dass die Frau immer die Umsorgende ist und der Mann der Zupackende?“

Dass sich viele an einem solchen "androgynen Rollenverständnis“ stoßen, damit müssen er und sein Partner leben. Was sie jedoch nicht akzeptieren wollen, ist, als Schwule oder Lesben für alle möglichen gesellschaftlichen Veränderungen verantwortlich gemacht zu werden: "Dass die Kleinfamilie nicht mehr so funktioniert wie früher und Beziehungen brüchiger werden, hat nichts mit uns zu tun“, sagt Vosecek. Die "Homo-Ehe“ werde vielmehr zum "Ersatzproblem“ aufgebaut und Homosexuelle würden "instrumentalisiert“ - nicht nur in Frankreich. Dass das gelingt, liegt laut Johannes Langer auch daran, dass viele Menschen gar keine offen homosexuellen Paare kennen. "Schaut her, das ist unser Leben“, lautet sein Gegenangebot. "Lasst euch ein auf uns, dann fallen die ideologischen Panzer ab wie Schuppen.“

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