Conings - © Foto: APA / AFP / Belgian Federal Police / Handout

Jürgen Conings: Vom Staatsfeind zur Ikone

1945 1960 1980 2000 2020

In Belgien wird seit letztem Monat ein rechtsextremer, schwer bewaffneter Elitesoldat gesucht. Inzwischen ist er zum Idol einer kruden Mischung aus Nationalisten, Identitären und Corona-Skeptikern geworden.

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In Belgien wird seit letztem Monat ein rechtsextremer, schwer bewaffneter Elitesoldat gesucht. Inzwischen ist er zum Idol einer kruden Mischung aus Nationalisten, Identitären und Corona-Skeptikern geworden.

Ende letzter Woche wurde Jürgen Conings wieder einmal gesucht. 120 Soldaten, 60 Polizisten, dazu Spezialisten vom Zivilschutz mit Spür- und – für den Fall, dass der Verschwundene nicht mehr am Leben ist – Leichenhunden, durchkämmten zwei Gebiete im Nationalpark Hoge Kempen im Osten Belgiens. Die Bilder glichen den Suchaktionen der vergangenen drei Wochen, nur dass die Temperaturen inzwischen deutlich höher liegen. Auch das Ergebnis ist das gleiche: nichts.

Seit Mitte Mai hält der 46-jährige untergetauchte Elitesoldat Belgien in Atem. In einem Abschiedsbrief, den seine Freundin vorfand, kündigte er an, er wolle nicht in „einer von Politikern und Virologen regierten Gesellschaft“ leben und begebe sich „in den Widerstand“ gegen „das Regime“. In seiner Kaserne in Leopoldsburg deckte sich Conings, auf einer Liste potenzieller Gefährder des belgischen Antiterror-Organs OCAD als rechtsextrem eingestuft, mit dem Hinweis auf ein vermeintliches Schießtraining mit Waffen schweren Kalibers ein. Laut der Kaserne waren darunter vier Raketenwerfer und eine Maschinenpistole. Erstere wurden nach kurzer Zeit in seinem Auto in einem Waldgebiet gefunden.

Familien verbarrikadieren sich

Im betroffenen Gebiet in der Provinz Limburg, wo Conings noch immer vermutet wird, reichten die Folgen der Suchaktionen von gesperrten Straßen bis zu besorgten Eltern, die ihre Kinder aus Vorsicht nicht zur Schule gehen ließen. Doch Belgien steht im Rahmen dieses Falles weitaus größeres Ungemach ins Haus. Konkret liegt das daran, dass es der Scharfschütze, der mehrere Auslandsmissionen absolvierte, anscheinend auf Marc Van Ranst abgesehen hat, einen der bekanntesten wie umstrittensten Virologen Belgiens, den er schon zuvor mit dem Tod bedroht hatte. Am Abend seines Verschwindens wurde er bei dessen Haus gesehen. Seitdem lebt der Virologe samt Familie an einem geheimen Ort.

An der Figur Van Ranst, die in ihrer medialen Präsenz und strittigen Diskursposition in quasi jedem anderen Land Entsprechungen hat, erklärt sich auch, worin der womöglich wesentlich größere gesellschaftliche Effekt dieses Falles liegt. Der Chef des Labors für Klinische und Epidemiologische Virologie an der Katholischen Universität Leuven und Berater der belgischen Regierung in der Pandemie wird von Kritikern der belgischen Coronabekämpfung vielfach für die harten Einschränkungen des öffentlichen Lebens verantwortlich gemacht – und für den bisweilen wenig stringenten Kurs, dem sie folgten.

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