Ceuta - © Getty Images / Europa Press / Antonio Sempere

Reportage aus Ceuta: Marokko, der unberechenbare Nachbar

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Immer wieder gelangen Migranten von Marokko nach Europa – über den Grenzübergang in Ceuta, einer spanischen Exklave auf dem afrikanischen Kontinent. Möglich ist das, weil Marokko sie als politische Werkzeuge passieren lässt.

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Immer wieder gelangen Migranten von Marokko nach Europa – über den Grenzübergang in Ceuta, einer spanischen Exklave auf dem afrikanischen Kontinent. Möglich ist das, weil Marokko sie als politische Werkzeuge passieren lässt.

Hinter der Absperrung am Straßenrand an der Südküste Ceutas, wo die Klippen steil zum Mittelmeer abfallen, sitzt der 57-jährige Mohamed auf dem Boden auf einer Pizzaschachtel. Er hat keine Zähne mehr, aber gute Laune. Mit der rechten Hand, in der er eine Bierdose hält, dirigiert der Spanier drei Jungen, den Müll aufzuräumen. „Wir Muslime sind ordentlich“, sagt er und hält einen Diskurs über gutes Benehmen, das er seinen neuen Nachbarn nahelegt, die hier zwischen den Steinen leben. Mit Stangen und Decken haben sie sich eine Zweizimmerwohnung gebaut. An den Schlafbereich angrenzend, in dem Matratzen auf dem Boden liegen, stehen zwei Sofas auf einem Teppich, ein Spiegel hängt an der Mauer, Schuhe sind ordentlich in einem Hängeschrank verstaut. An einem runden Tisch essen sie Fisch, den sie zuvor eigenhändig gefangen und gebraten haben. Sehen sie auf, haben sie das Mittelmeer vor sich.

Aber sie genießen den Ausblick nicht. Marokko hat sie als Werkzeug missbraucht. Denn mit Migration will das Land Druck auf Spanien machen. Eine Taktik, die schon einmal erfolgreich war. Im November 1975 schickte der marokkanische König HassanII. 350.000 Zivilisten in die Region Westsahara, ein Gebiet, das südlich von Marokko und westlich von Mauretanien an der Atlantikküste liegt und zu diesem Zeitpunkt zu Spanien gehörte. Friedlich sollten die Marokkaner das Territorium besetzen und durch diesen „Grünen Marsch“ die Spanier zur Aufgabe bringen. Ein Erfolg. Der spanische Diktator Francisco Franco lag im Sterben, und mit ihm der damalige spanische Staat in dessen damaliger Form. Und so wurde in den Verträgen von Madrid damals festgehalten, dass Spanien seine Präsenz in der Region aufgibt.

Doch in Marokko existieren zwei weitere spanische Territorien: die Städte Melilla und Ceuta. Seit dem 15. Jahrhundert stehen sie unter europäischer Kontrolle. Und ebenso wie auf die Region Westsahara erhebt Marokko seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1956 Anspruch auf sie.

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