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Umbau oder soziales Chaos

Der Jahrzehnte-Kampf geht verloren, ein recht sonderbarer „Kampf gegen Arbeitslosigkeit" . Da mühten sich die Völker, voran die Unternehmerschaft, auch Parteien, Parlamente und Regierungen, nur ja die Wirtschaftsexpansion anzukurbeln und in Gang zu halten, nahezu um jeden Preis, den Ruin natürlicher Lebensgrundlagen einbegriffen.

Andere Kulturen mochten mit komplizierten Ethiken, etwa Dekalogen, sich abplagen; für die herrschende Auffassung dagegen galt und gilt nur ein oberstes Gesetz: nur ja die Expansion der Wirtschaft vulgo „Wachstum" begünstigen. Der Rest würde von selber kommen. Nicht nur immer mehr Güter, sondern auch mehr Anlagemöglichkeiten für Kapital, mehr Beschäftigung, mehr Erwerbseinkommen, und mit alledem auch Wohlstand, soziale Sicherheit und innerer Frieden.

Diese Ära geht zu Ende. Zwar gelingt weiterhin Wirtschaftsexpansion. Im globalen Maßstab spricht viel für weitere Expansion, und noch nie sind Vermögen und gehortete Finanzmittel so groß gewesen wie jetzt, zur Zeit beschleunigten Sozialabbaus in den alten Kernländern der Expansion. Aber eben dies ist das Charakteristikum der neuen Lage: fortgesetzte Expansionschancen gehen Hand in Hand mit Sozialabbau. Die Millionenzahlen der Arbeitslosen und parallel dazu die angestrebten Kürzungen staatlicher Transferleistungen sprechen eine deutliche Sprache.

Jetzt wird das bisher Selbstverständliche fragwürdig. Als doppelt fragwürdig erscheint der „Kampf gegen Arbeitslosigkeit". Nicht allein, weil er mißlingt. Das zuerst freilich wäre einzugestehen. „Wenn Politiker heute sagen, Vollbeschäftigung im klassischen Sinn komme wieder, dann lügen sie entweder oder sie sind ignorant" (Herwig Büchele).

Doch sind wir nicht allein mit einem aktuellen Mißlingen konfrontiert. Der Kampf gegen Arbeitslosigkeit mittels fortgesetzter Expansion bisherigen Typs hat perverse Züge. Bekämpft werden sollte, was als systemgemäßer Effekt eben der angestrebten Expansion so heftig betrieben wurde.

Die Expansionsgesellschaft erzeugt ja systematisch ihre Verlierer, zum einen als Schädigung der „äußeren" Natur, die dem „Wachstum" geopfert wird, aber auch in Gestalt sozialer Verlierer in der immer weiter das Leben durchgreifenden Konkurrenz. Arbeitslosigkeit ist die konsequente Folge eines auf endlose Expansion von Verdrängungskonkurrenz angelegten Wirtschaftssystems. Die „Befreiung" der Finanzmärkte und die beginnende Globalisierung der Produktion lassen diese Wesenszüge des Wirtschaftssystems jetzt voll zur Geltung kommen.

Das Problem ist vielmehr die Er-werbs-Arbeitsgesellschaft selber. Die Millionen von (oft dauerhaft) Erwerbslosen und an Armutsgrenzen lebenden Menschen sind nicht bloß bedauerliche Einzelschicksale. An der Massivität von Erwerbslosigkeit und, schlimmer noch, von Verelendung, wird der Zusammenhalt der Gesellschaft in Frage gestellt. Um nichts geringeres geht es heute.

Der weltweit erfolgreiche „nordwestliche" Typ von Gesellschaft, die

kapitalistische Marktgesellschaft, ist zu allererst Arbeitsgesellschaft, das heißt, normierte und vielfach sanktionierte Verknüpfungen von menschlichen Tätigkeiten mit Entlohnung sind das wichtigste Moment des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Als Erwerbs-Arbeitsgesellschaft prägt diese Verknüpfung ebenso die Individuen wie Staat und Wirtschaft. 0

Das herrschende Paradigma definiert die wertvollen Tätigkeiten als Arbeit, und definiert Arbeit eben als Tätigkeit mit Anspruch auf Lohn. Zugleich werden andere Tätigkeiten als geringerwertig definiert, etwa unentgeltliche Haus-Arbeit. Sie gilt als geringer, weil sie ohne Lohn bleibt; und unentgeltlich bleibt sie, weil sie als geringerwertig gilt; eine böse Rückkoppe-lung. Den Arbeitslosen wird so, über die Einbußen an Einkommen, Kontakten und Wirkungsmöglichkeiten hinaus, das Stigma des Nicht-dazu-gehörens aufgedrückt.

Und doch ist die Arbeitsgesellschaft nur partiell Realität. Sie ist einerseits Utopie, andererseits eine freilich höchst wirksame Fiktion. Global ist für den Großteil der Menschheit in den südlichen Kontinenten die Arbeitsgesellschaft ein Versprechen, keine Realität. In den reichen, hochindustrialisierten Ländern arbeitet kaum die Hälfte der Erwerbsfähigen in „normalen" Arbeitsverhältnissen. Gerade diejenigen, die am meisten ar-

beiten - in einem weiteren und bedeutungsreichen Begriff von Arbeit -Frauen vor allem, die unbezahlt wesentliche Leistungen erbringen und oft „nebenbei" oder in prekären Erwerbsverhältnissen arbeiten, sind an den Rand der Arbeitsgesellschaft gedrängt.

Eine überall wachsende Minderheit ist sogar von den indirekten Segnungen der Arbeitsgesellschaft, von ausreichenden Transferleistungen und sozialen Einrichtungen zunehmend ausgeschlossen. Zonen dauerhafter Verarmung, bisher meist noch im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit, breiten sich aus; ein unübersehbares Gewaltpotential.

Die Utopie einer den Wohlstand für alle mehrenden und sozialen Frieden sichernden Arbeitsgesellschaft ist umgeschlagen in eine freilich höchst folgenschwere Fiktion. Als ob der verheißene Zustand schon erreicht, nur mehr auszubauen und zu verteidigen sei. Paradoxerweise wird die Arbeitsgesellschaft gerade für jene zur aller -härtesten Realität, für die ihre Realität schwindet, weil sie von ihren Versprechungen strukturell ausgeschlossen sind; für sie wirkt die Realität der Fiktion, indem sie prädestiniert werden als Opferungsobjekte von Gewalt.

Wer die wirtschaftlichen und sozialen Folgen von Arbeitslosigkeit, wer die Zukunft der Arbeit bedenkt, darf von Gewalt nicht schweigen. Die entscheidende Leistung der neuzeitlichen Arbeitsgesellschaft war es, die in jeglicher Gesellschaft aus Leidenschaften und Interessensstreit drohenden Gewalteskalationen zu hemmen. Dies gelang, indem an die Stelle lähmender und zumeist mißlin-

gender Unterdrückung (durch Moralsysteme und letztendlich immer sakral begründete Herrschaft) die Leidenschaften zugleich freigelassen und kanalisiert wurden. Offene Gewalttätigkeit zwischen einzelnen und Gruppen wird (mit freilich relativem Erfolg) im Binnenraum der Gesellschaften unterdrückt. Dagegen werden gewaltträchtige Energien kanalisiert in den Raum von Produktion, Technik und Konsum gelenkt. Nach Jahrhunderten des Ubergangs ist es jetzt selbstverständlich geworden, das Leben als zivilen Verdrängungskampf zu organisieren. Die rücksichtsfreie Verfolgung des eigenen Vorteils, das Ausleben von Gier, Neid und Rivalität ist nicht etwa nur erlaubt, sondern zur systemgemäßen Voraussetzung für das Überleben erhoben.

Die „friedliche" Arbeitsgesellschaft ist durchtränkt von Gewalt und ist zugleich geprägt von den Vorkehrungen zum Bändigen von Gewalt. Die endlos fortzusetzende Expansion als systemgemäße Notwendigkeit für die Organisierung von Erwerbsarbeit läßt immer umfangreichere Gewaltprozesse los, die sie zugleich als zivil und nicht-gewalttätig maskiert.

Die Arbeitsgesellschaft ist der organisierte Gewaltstau, und sie verschärft so Tendenzen zur Gewalteskalation. Der bislang durch Arbeit (in der für kapitalistische Arbeitsgesellschaft typischen Form) sichergestellte Zusammenhalt zerbricht dreifach: als Verschlimmerung der Ressourcenlage; als massenhafte Erzeugung von Verlierern und Ausgestoßenen; als Brüchig-werden von Identitäten.

Die Arbeitsgesellschaft taugt immer weniger als Brennpunkt einer Konstruktion der sozialen Wirklichkeit. Damit kann der Blick frei werden auf die Gewaltpotentiale und drohenden Gewalteskalationen. Global ist die absolute Mehrheit, in den reichen Ländern ist eine wachsende, große Minderheit in die Arbeitsgesellschaft in Form der Ausschließung einbezogen. Die perverse Rolle der Ausgeschlossenen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat bisher die Gewalt maskiert.

Aber die Massivität der Ausschließungen, der Splitterungen und Spaltungen lassen die Gewaltmaskierung versagen. Die Perspektive des offeneren Auseinanderklaffens einer kleinen vitalen, gut ausgebildeten, Macht und Geld besitzenden Elite und einer vielfach zerstückelten Menge von Verlierern läßt den Rückgriff auf offene Gewalt wahrscheinlich werden. Sündenböcke werden gesucht, und man wird sie finden. In dieser Krise der Arbeitsgesellschaft liegen Gefahr, aber auch Chancen der Verwandlung.

Die Arbeitsgesellschaft wird, so oder so, eine Episode der Menschheitsgeschichte sein. Aber was kommt danach? Soziales Chaos oder ein radikaler Umbau? (wird fortgesetzt). Der Autor ist

Gesellschaftswissenschafter und Mitarbeiter der Gruppe Alterantive Ökonomie im Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung der Universitäten Innsbruck, Klagenfurt und Wien

Dieser Text beruht

auf dem Referat am Symposion Zukunft der Arbeit in Hernstein (siehe dazu auch Furche 16\1995): Ein innovativer Umgang mit Gewalt- Umbau der Arbeitsgesellschaft

"Die neuzeitliche Umformung der menschlichen Aktivitäten unter dem Bann der Arbeit hat Hannah Arendt ans Licht gebracht, siehe II. Arendt, Vita ac-tiva, Stuttgart 1960.

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