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Was Kriege kosten

Ueber Krieg und Frieden wird zwar unendlich viel geschrieben, in das Thema tiefer eindringende Werke sind aber äußerst selten und ein Werk, das Krieg und Frieden vom philosophischen, politischen, militärischen, wirtschaftlichen und allgemein wissenschaftlichen Standpunkte aus zugleich untersuchen würde, liegt noch nicht vor. Kurt Heinig unternimmt in einer Reihe kriegswirtschaftlicher und heeresgeschichtlicher Essays einen anerkennenswerten Versuch, tunlichst viele Einzelfragen zur Diskussion zu stellen, wobei er vom Jahre 1800 ausgeht und daher Vergleiche aus den vorangegangenen sechs Jahrtausenden nur gelegentlich heranzieht. In ihm kommt der Wirtschafter und Finanzgelehrte zu Wort, politisch der Demokrat, dann der Gegenspieler des Politikers und des Soldaten. Von solcher Warte und wegen ihrer Gründlichkeit und Sachlichkeit gewinnen seine Betrachtungen erhöhten Wert.

Der Krieg an sich wird nach allen Seiten durchleuchtet, eine Logik wird ihm abgesprochen,, seine Berechtigung für problematisch gehalten, seine Klassifizierung als fast unlösbar angesehen. Wir lesen weiter Erwägungen, wie es sich mit der Kriegslust im Zeitalter der Massen verhält und wie es kommt, daß die Humanisierung des Krieges durch die jüngsten Methoden der Nachrichtenerpressung an Gefangenen eine neue Umkehr zur Barbarei erfahren hat. Schritt um Schritt entrollt sich das Bild vom militärischen, daher zugleich wirtschaftlichen Mündigwerden der Millionen ganzer Kontinente wie auch von der Durchtränkung der Welt mit dem zwischen Freiheit und Kommunismus bestehenden Konflikt, der, wo immer er zu den heißen Waffen greift, kaum mehr lokalisiert bleiben kann.

Das Hauptgewicht legt Heinig auf die wirtschaftlichen Probleme, von denen er überzeugend sagt, daß sie in unseren Tagen den Hauptinhalt aller staatlichen, wirtschaftlichen und sozialen Einrichtungen bilden, daß sie, nach einem Wort H. Lasswells, die Staaten zu „Garnisöns-Staaten” machen —, wer wollte diesen Gedanken nicht bis zum Kasernen- Erdball fortspinnen? Dankenswert sind die Ausführungen über die Statistik aller Art (Kosten, Verluste, Gefangene, Folgen usw.), womit ein von der Wissenschaft vernachlässigter, daher sehr wunder Punkt aller kriegsgeschichtlichen Arbeiten berührt wird. Die Prüfung der Kriegskosten mit den Vor- und Folgenkosten führt zur Erkenntnis: „Alle Berechnungen sind grobe Schätzungen, denn sie müssen im wesentlichen mit unbekannten Größen arbeiten.” Wie viele Trugschlüsse hat doch die Geschichte aus Zahlen gezogen, die eben nicht als bloße „grobe Schätzungen” erkannt worden sind! Zu welchen Summen immer man aber kommen mag. Tatsache bleibt, daß die Kriegskosten oft den Kern der Staatsfinanzen abgeben und daß die Rüstung durch ihre internationale Verflechtung auch vielfach die Politik diktiert: „Eigentlich geschieht nichts mehr ohne einen Seitenblick auf militärische Zweckmäßigkeit…, die militärische Wirtschaftslehre ist nicht nur Friedenswissenschaft geworden, sondern auch Friedenspraxis.” Nicht zu übersehen ist der Hinweis auf den Konservatismus des Militärs in manchen Rüstungsfragen, für den aber keine nähere Erklärung geboten wird. Eine solche könnte darin liegen, daß das Militär wegen Geld- und Zeitmangels wie auch wegen der Stabilität der Ausbildung umstürzende Reformen ungern sieht, deshalb stammen ja die meisten umwälzenden kriegstechnischen Erfindungen von Zivilisten, und auch den Atomkrieg hat kein Militär, sondern Albert Einstein in seinem berühmten Brief an Roosevelt 1939 gefordert. Die Bemerkung, daß ein „nächster Krieg alles kosten würde”, regt zu einigen Einwänden an, denn wir stehen hoch nicht an einem Ende der Entwicklung, sondern nur — wie die Geschichte schon wiederholt vorher — in einer Zwischenphase, was offenbar zu wenig betont wird. Nicht die augenblicklichen Kriegsmittel und nicht die Wirtschaft mit Geld und Industrieorganisation entscheiden endgültig, sondern viel mehr die Politik und die Fortenwicklung ihrer Mittel. Alle Propheten hatten bisher Unrecht, als sie nach der Erfindung der Feuerwaffen, der Maschinengewehre, der U-Boote, der Flieger, der Tanks und der Kampfgase das unausbleibliche Ende der Kriege voraussagten oder aber den Untergang der Menschheit, sollte sie weitere Kriege führen. Es wäre sehr traurig um die Menschheit bestellt, würde sie nicht auch gegen die Atom-, biologischen und chemischen Waffen, gegen globale Raketen und Weltraumgeschosse, die geeignete Abwehr finden und wieder alles ‘ausbalancieren. Zur Zeit sind die Menschen” in einen Irrgarten geraten, sie mißbrauchen die Fortschritte der Technik und sie verkennen den Krieg hinsichtlich der Verluste. Sie v/issen zum Beispiel nicht, daß in jedem Jahrhundert nur e.in kleiner Bruchteil der Menschheit durch den Krieg vorzeitig aus dem-Leben abberufen wird und daß die erdrückende Mehrheit der vorzeitig Toten -auf dem Schlachtfelde des Alltags liegenbleibt. Man vergleiche doch einmal: 1813 fielen in der Schlacht bei Leipzig für die Freiheit Europas 1700 österreichische Soldaten und 10.059 wurden verwundet. Von 1952 bis 1955 fanden aber in Oesterreich 4294 Menschen den Verkehrstod und .weitere 147.598 wurden verletzt — nicht jedoch für ein edles Ziel, sondern lediglich aus verbrecherischer Fahrlässigkeit. Hier springt eine Kluft auf es stellt sich die Gewissensfrage nach dem Wert des Menschenlebens im Frieden: Was kostet der Frieden Im wehrpolitischen Teil bekennt sich Heinig zumPrimat der Politik, und zwar auch in der Vorbereitung des Krieges: „Zwischen zivilen und militärischen Institutionen sollten Kompetenzkonflikte nicht möglich sein, da die ersten vorrangig sind.” Beizufügen wäre allerdings, daß dem Militär das Mitspracherecht nicht vorenthalten werden darf, denn Parlament und Regierung müßten trotz ihres Entscheidungsrechtes scheitern, würden sie sich über das militärische Fachurteil hinwegsetzen. Der Autor zitiert das bekannte Wort Clemenceaus, ;,der Krieg sei eine zu ernste Angelegenheit, als daß er durch das Militär geführt werden könnte”; dieses Wort gilt aber nur insoweit, als eben weder Zivil noch Militär allein zum Kriegführen berufen sein dürfen. Wer aus Heinigs Buch diese Lehre zieht, wird den richtigen Nutzen haben,. Auch das Gebot demokratischer Kontrolle über das Militär, die Heinig mit einem nicht ganz ungefährlichen Wortspiel für „wichtiger als die Zahl der Divisionen” hält, bedarf einer Zurückführung auf das rechte Maß. Man darf nicht übersehen, daß man soeben darangeht, bei einem feindlichen lieberfall den Kommandanten der Raketenbasen den selbständigen Entschluß zur Sofortvergeltung, das heißt zur Kriegsauslösung zu überlassen: wie wollte denn auch eine Volksvertretung vorher noch ein Kriegserklärungsgesetz herbeiführen? Wie sehr alles im Rüstungswesen derzeit im Fluße ist, beweist auch Eisenhowers Wort, „daß die Amerikaner ihre Sicherheit nicht eines ausgeglichenen Budgets wegen aufs Spiel setzen werden”, daß also in diesem Falle auch die Budgetkontrollen gelockert werden müssen.

Kurt Heinig gibt auf seine zahlreichen gestellten Fragen fast keine Antworten, er gibt aber unzählige Anregungen zum Nachdenken und zum Offenhalten der Augen. Er sieht in der Furcht vor Kriegsfolgen eine Hoffnung für die Erhaltung des Friedens, dabei skeptisch gestehend, „daß sich der Mensch nicht ändert”. Das so lesenswerte Buch wendet sich vor allem an Staaten, in denen man noch nicht zur totalen Kriegsforschung vorgedrungen ist und wo noch der Barometerstand des Verteidigungsbudgets und der Pflege der Kriegswissenschaften ein tiefer ist. Oesterreich wird von Heinig so gut wie gar nicht erwähnt, es ist auch unter der ansehnlichen amerikanischen, deutschen, englischen und französischen Literatur nicht vertreten, ein Beweis, wie sehr wir hier im Rückstand sind. Daß Oesterreich auf Seite 281 mit Puerto Rico, Israel und Kuba unter die mittelentwickelten Staaten gereiht wird, möge zur Einkehr anspornen. Freuen wird sich aber jeder Oesterreicher, wenn er die scharfe Kritik an der ausländischen Führung des Krieges 1914—1918 liest, weil er dabei erkennen muß, wie ungerecht man bisweilen daheim die eigene Kriegführung getadelt hat.

Heinigs Arbeit, die schon wegen ihrer Aktualität ajlgefhbin bestens zu empfehlen ist, wird es keinefi Abbruch tun, wenn einige Berichtigungen angefügt werden: Die Mechanisierung verkleinert nicht die Heere, sie bringt nur eine innere Umschichtung: 1908 hat man wohl nur im Ausland noch an die Luftschiffe geglaubt, in Oesterreich hatte bereits General von Conrad dem Flugzeug die einzige Berechtigung zugeschrieben: Papst Pius XII. hat seine letzte Erklärung über den Krieg 1953 abgegeben, als er den aufgezwungenen Verteidigungskrieg als statthaft bezeichnete; Bismarck ist sowohl 1878 als auch 1871 für „Präventivkriege” eingetreten; die Habsburger wurden 1918 weder materiell entschädigt noch am Leben geschont, denn Kaiser Karl I. wurde ohne Entschädigung landesverwiesen und er mußte in der Verbannung sein Leben lassen: in den nach Quincy Wright zusammengestellten Tabellen, die für 1750 bis 1941 2138 Schlachten zählen, dürfte unter anderem die Klassifizierung des Siebenjährigen Krieges, des österreichisch-sardinischen Krieges oder des Burenkrieges als „Gleichgewichtskriege” wohl nicht zutreffend sein.

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