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Der weibe Handschuh in Japan

Fukuy, 3. März Augenblicklich drängt in Japan eine bislang verhaltene Stimmung in die Oeffentlichkeit; Rede und Schrift locken sie hervor: wir müssen, um wirtschaftlich weiter und so kulturell höher zu kommen, unsere Beziehungen zu Rußland wieder aufbessern! Kein Tagesblatt und keine Monatszeitschrift ohne dieses Thema — für und wider.

Schon seit mehr als einem Jahre streckten sich Fühler ganz leise nach Rußland hin aus.

Im letzten halben Jahr tasten sie mit erstaunlicher Lebendigkeit über das eigene Feld hin, um zu erforschen, welche Witterung herrscht und ob der Boden schon genug gelockert sei für den neuen Samen: Bündnis mit Rußland 1 So die Stimmen aus einem Presselager. Auch direkte Propaganda ist zwar im Gang, aber kein Tausendstel der Bevölkerung leiht ihr das Ohr. Ein weißer Seidenhandschuh, über die Faust gestreift, tut es deshalb besser. Und das sieht so aus:

„Wie auffällig, daß Rußland zu uns nie vom Marxismus und Kommunismus spricht, sondern nur immer vom Frieden. Die amerikanische Propaganda, Warnung und Aufklärung bezüglich der kommunistischen Ziele hat uns zuviel Furcht eingejagt. Wir sollten mehr auf die Tatsachen sehen, wie zum Beispiel China sich erstaunlich kultiviert und erhoben hat unter dem neuen Regime ... Ein Neujahrstelegramm, das wir als .Gruppe für Aufbesserung der politischen Beziehungen zu Rußland' an Molotow schickten, ließ dieser uns durch den russischen Außenposten in Tokio beantworten. Inhalt und vornehm verhaltene Form der Antwort überzeugten uns wieder von der Ehrlichkeit Rußlands ... Männer des freien Außenhandels und der Großfischerei waren bislang die einzigen, die unsere Bewegung verstanden und billigten und stützten, obgleich die Regierung noch taub blieb. Auch jetzt sind wir noch nicht ganz über die Schwelle des Parlaments hinüber, wie uns die beiden Ministerreden neulich zeigten: als der eine, der es von Amts wegen wissen konnte, sagte: die Beziehungen zu Rußland bessern sich zusehends, und der andere, der es wissen mußte, am nächsten Tage es leugnete mit der Bemerkung, daß er es am besten wissen müßte, wenn etwas Wahres daran wäre .. . Dabei kann man allerdings nicht übersehen, daß auch das Staatsschiff seinen Kurs geändert hat, seit das Ende des koreanischen Krieges viel westliches Volk vom Schauplatz abtreten ließ und in unseren Köpfen die Idee vom alleinvorteilhaften Zusammengehen mit den Westmächten zu schwinden begann ... Das Bombenexperiment im Pazifik, das viele japanische Todesopfer forderte, zeigt uns auch, daß man uns mit wenig Rücksicht als Freunde behandelt und daß jenseits des Pazifiks die Angst vor Rußland im Steigen begriffen ist. Das sollte bei uns die Angst vor Rußland sinken lassen . . . Wir Japaner hatten immer schon einen Minderwertigkeitskomplex dem westlichen weißen Manne gegenüber, und dem entsprach drüben ein Ueberlegenheitskomplex. Unserem russischen Nachbarn gegenüber fühlen wir uns mehr als Asiaten und Brüder, und er sieht uns so. Lassen wir doch einmal alle ideologische Verschiedenheit unserer beiden Länder aus dem Spiel und Blickfeld und suchen wir als wirklich Neutrale, nur bestimmt durch Tatsachen (Außenhandel, Fischerei, gesteigerte Unabhängigkeit vom Westen und erkannte Notwendigkeit des Anschlusses nach Osten), also als politisch ungefärbte Menschen uns dem russischen Nachbar zu nähern ...“

Soweit der „weiße Handschuh“, der zwar die Farbe der Hand verbirgt, aber offen genug in eine bestimmte Richtung zeigt. (Der japanische Mitarbeiter der „Furch e“ zitierte hier in freier Wiedergabe aus der japanischen Zeitschrift „C h u o K o r o n“, März 1955.)

Dagegen hebt sich eine andere warnende Hand, die auch auf Tatsachen zeigt, auf Landkarten und Chroniken der Weltgeschichte und auf noch anliegende Handfesseln der japanischen Nation:

... „Verbesserung unseres Verhältnisses zu Rußland? Ja! Dagegen kann niemand etwas sagen. Notabene bis jetzt noch kein Friedensschluß zwischen Japan und Rußland, das sich an den St.-Franzisko-Pakt ja nicht anschloß. - Aber unsere neuen Bindungen an Rußland dürfen auf keinen Fall unseren anderen, früher mit den freien Nationen, Amerika und Völkerbund eingegangenen Bindungen zur Lockerung oder Gefährdung werden . .. Der Friede der Welt kann nur gefördert werden, wenn die beiden Partner: freie Welt und russisches System, als geschlossene Gruppen sich nähern. Aber bei uns Gruppenspaltung zu versuchen und davon drüben Profit zu ziehen, ist kein ehrliches Spiel. Daß letzteres der Hauptzweck aller Propaganda Rußlands in Japan ist, dürfte doch keinem Denkenden bei uns entgangen sein ... Wenn wir, betört, die Hand der freien Nationen losließen und uns dann zu Verhandlungen mit Rußland begäben, was könnten wir, wehr- und machtloses Japan, da mit unseren berechtigten Forderungen ausrichten? Womit unserer Rede Nachdruck verleihen? - Und uns einfach auf die Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit Rußlands verlassen? Wir sind doch so drastisch betrogen worden! Erinnern wir uns:

13. April 1941: Nichtangriffspakt zwischen Japan und Rußland auf fünf Jahre.

1945, unmittelbar vor Kriegsende, in Japans schwächster Stunde, der russische Einmarsch in Mandschurien, Sachalin, Korea, Tsushima, rein japanische Gebiete oder Schutzgebiete. Dabei wurde sämtliches japanisches Eigentum beschlagnahmt und eine Million Menschen, meist Zivilisten, nach Sibirien in Gefangenschaft geschleppt, die heute noch andauert! Wie hart diese Verletzung eines Völkerrechtes vom Internationalen Gerichtshofe bestraft worden wäre, wenn der Verletzende nicht zu den Siegerstaaten gehört hätte, denke man sich aus. Nein, hassen wollen wir nicht! Aber vergessen dürfen wir das auch nicht!

Stalin nannte öffentlich und feierte diesen russischen Einfall 1945 als einen Racheakt, eine Bestrafung für die Eroberung von Port Arthur 1905 im Russisch-Japanischen Kriege. Arbeitete Stalins Gedächtnis so kurzfristig? Hat nicht sein Vorgänger und Meister Lenin damals, 1905, folgendes gesagt, was jeder im .Kleinen Kalender des Sowjetbolschewismus' nachlesen kann, der offiziell ist und in japanischer Uebersetzung vorliegt:

Port Arthur ist gefallen! Freut euch, Proletarier aller Welt! Jede Schwächung des zaristischen Rußlands wird eine Stärkung unserer Position und Partei. Dieser Vormarsch Asiens bedeutet einen Rückzug Europas und dadurch kommen wir Proletarier der Welt unserem Sieg und Ziele näher ...

Warum nennt jetzt, 1945, dieser Jünger und Genosse Lenins Japans Sieg bei Port Arthur einen Schandfleck in der russischen Geschichte, der ausgelöscht werden muß? ...

... Freilich, Besserung unseres wirtschaftlichen und politischen Verhältnisses zu Rußland! Aber keinen Schritt vorangehen, ohne genaue Besinnung auf das, was uns bisher unser Bund mit den freien Nationen, besonders mit Amerika, geholfen hat und was wir aus dieser Gemeinschaft heraus schon an unserer neuen Demokratie aufgearbeitet haben ... Unsere Lösung aus diesem Bunde darf nie und nimmer die Bedingung für unsere Annäherung an Rußland sein ... 1941 bis 1945!!!

Unsere Gesandtschaft nach Peking unter der Führung von Abe Yoshishige zum 5. Jahresfest der rotchinesischen Verfassung. 11. Oktober 1954, hat den Mut gehabt, auf einer Versammlung mit den Häuptern Rotchinas auf dieses Stück Weges 1905—1941-1945—1955 mit den schmählichen Irrungen hinzuweisen und zu bitten um Anerkennung der Gerechtigkeit unserer Forderungen, die von Rußland uns 1945 genommenen alt-japanischen Gebiete zurückzuerhalten ... Mit diesem Mut und Klarblick eines Abe Yoshishige müssen wir weiter-schreiten auf dem Wege zu einer ökonomischen Sanierung. Verlangen wir zuerst Wahrhaftigkeit im Völkerleben ... und Anerkennung unserer bisherigen alten Bindungen und Bündnisse, die uns durch zehn Jahre von Nutzen gewesen sind ...“ (Vorstehende Stellungnahme nach „Koizui Ichiro“ in der Tageszeitung „M a i-nichi“, 24. Februar 1955.)

Daß die letzte allgemeine Wahl, 27. Februar 1955, der Kommunistischen Partei nur 2 von 467 Sitzen im Parlament verschaffen konnte, läßt zwar eine optimistische Zusammenschau der beiden zitierten Ansichten zu, aber der „weiße Handschuh“ wird weiterarbeiten; daß in den eben stattgefundenen Neuwahlen die „Sozialen“ diesmal 38 Plätze dazu-gewannen und die Liberalen, westlich Gerichteten, 32 verloren, muß auch schon als Erfolg der „weißen Hand“ gebucht werden ...

Die sieben Geißlein öffneten die Tür erst, als der Wolf seine Pfote mit Kreide ordentlich geweißt hatte; und daß die sieben am Schluß lebendig aus dem Wolfsmagen hervorgingen, war ja nur in einem Märchen möglich ...

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