6737971-1966_29_08.jpg
Digital In Arbeit

Impressionen eines Touristen

Werbung
Werbung
Werbung

Der Tourismus, auf den man in katholischen Kreisen manchmal mit Verachtung herabblickt, hat auch für den kirchlichen Raum seine Bedeutung. Man lernt die Glaubensbrüder in anderen Ländern kennen und kann sich auf Grund kritischer Beobachtungen des kirchlichen Lebens des Gastlandes ein Bild machen über die Ferne oder Nähe der katholischen Lehensäußerungen in Stadt und Land zum Geist und Wollen des Konzils. Unerkannt zieht der gläuhige Tourist als einer unter vielen Touristen bei Führungen durch die Kirchen mit bedeutenden Kunstschätzen oder er geht mit dem Baedecker in der Hand auf „Entdeckungsreise“.

Vielleicht unterscheidet sich der christliche Tourist von seinen anderen Zeitgenossen nach außen (hin nur durch ein höheres Maß an Haltung, wenn er eine Kirche betritt. Unter den vielen läßt er sich kaum identifizieren. Der Tourist, hinter dessen Gegenwartsprofil sich eine christliche Existenz verbirgt, ist heute in kirchlichen Fragen „aufgeklärter“ und kritischer als manche Humanisten und Agnostiker.

Die Chance der Begegnung mit der Kirche ,

Der Ordensmann, der in einer italienischen Kirche die Führung machte, konnte nicht ahnen, daß die Legenden, die er über den Wallfahrtsort erzählte, gerade bei seinen Glaubensgenossen unter den Touristen auf Ablehnung stießen. Die Humanisten unter den Zuhörern lauschten mit Aufmerksamkeit den wundersamen Erzählungen. Die Dame neben mir nickte zustimmend und ¡sagte zu ihrem Begleiter: „Welch großartige Phantasie, die solche Mythenbildung hervorbringt.“ Ein Schweizer, mit dem ich während der Führung ins Gespräch kam, sagte, als er merkte, daß wir Glaubensgenossen sind, etwas resigniert, sobald wir das Portal der Basilika verlassen hatten: „Da wird es wohl noch Zeit brauchen, ¡bis ider Geist des Konzils auch in diesen Bereich des kirchlichen Lebens vorgedrungen ist.“ In der Tat darf der Nichtchrist nicht den Eindruck gewinnen, bei der Besichtigung von Wallfahrtskirchen in eine Welt des Mythos und der Legende zu treten.

Wenn ein Katholik als Tourist mit den Augen des Konzils Italien kenmenlemt, bringt er meistens aus seinem Land schon fertige Vorstellungen über die Kirche in Italien und Rom mit. Der Historiker aus Bonn, den ich nach einem Sonntagsgottesdienst in einem mittelalterlichen Stadtteil traf, hatte ein idealisiertes Bild von der Kirche Italiens. Er war daher enttäuscht, als er bei der Meßfeier nicht die Romanitas fand. Daß man auch hier das Latein aus dem Gottesdienst immer mehr verdrängt und die barbarische italienische Sprache einschleust, war für ihn ein Verrat an der lateinischen Kultur, ‘die er wenigstens im Kernland der alten Romanitas finden wollte.

Als der Romanitas-Gralsucher aus dem transalpinen Raum in einer anderen Kirche beim Sonntagsgottesdienst den Gregorianischen Ghoral erklingen hörte, hatte er endlich gefunden, was er suchte. Daß der Gregorianische Choral nur noch vom Zelebranten und vom Kantor gesungen wurde, übersah unser Romanist. Er fand ifn Choral die lateinische Kultur wieder. Pastoral-ldturgische

Überlegungen interessierten ihn in diesem Zusammenhang nicht. Dafür war der Ärger bei den zwei Philosophiestudenten aus der Jugendbewegung, die beim Gottesdienst vor mir standen, ungeheuer groß. Sie waren darüber aufgebracht, daß man am Kirchenportal eine Missa dialo- gata angekündigt hatte; was sie aber erlebten, ..war -ihrer Meinung nach alles andere als eine Gemeinschafts messe. Das Volk blieb stumm, und der Kantor sang ein Ghoralsolo. Was für den einen eine Offenbarung der Romanitas und der Universalität der Kirche war, empfanden die anderen als eine Mißachtung der Liturgie- 1 reform in einem Kirchengebiet, das für den ganzen orbis catholicus in der Feier des erneuerten Gottesdienstes und in der Emeuerungsarbeit für die Kirchen anderer Länder beispielgebend sein sollte.

Befremdende Mängel

In unseren Breitengraden ist man gewohnt, daß nach der Kommunion des Priesters die Kommunion der Gläubigen folgt. In Italien findet man oft eine andere Praxis. Nach der Kommunion begibt sich ein Priester, also nicht der Zelebrant, zum Seitenaltar und spendet dort die Kommunion. Inzwischen zelebriert der Priester am Hochaltar die Messe weiter. Nach der Kommunion am Seitenaltar verharren die Kommunikanten noch eine Zeit in persönlicher Meditation. Bis sie wieder ins Hauptschiff zurückkehren, ist auch am Hochaltar die Meßfeier beendet.

Der Deutschamerikaner, mit dem ich am Schriftenstand ins Gespräch kam, fand es ungebührlich, daß man in Venedig nur gegen Bezahlung an den Schrein herankommt, in dem die Gebeine des heiligen Markus ruhen. Dasselbe, so erzählte er, habe er in Mailand erlebt, als er das Grab des heiligen Ambrosius besuchen wollte. In der Tat, viele sehenswerte Kirchen werden — und das nicht nur in Italien — zu Museen und zu Touristensensationen degradiert; und das gerade dadurch, daß man Eintrittsgelder verlangt. Wer zahlt, hat keinen Grund anzuneihmen, daß er sich in einem Kultraum befindet. Zwar findet man an jedem Kirchen- portai mehrsprachig Verhaltensregeln für den gottesdienstlichen Raum angeschlagen. Aber viele halten sich kaum daran. Etwas traurig setzt sich der katholische Tourist in eine Ecke des Kirchenschiffes, die abseits vom Touristenwirfoel liegt, und macht sich so seine Gedanken über das, was er sieht und erlebt. J3s gibt in . der , nachkonziliaxen Kirche manche Ungereimtheiten.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau
Werbung
Werbung
Werbung