Digital In Arbeit

(No-)Copyright-Gesellschaft?

Das Urheberrecht soll geistiges Eigentum schützen. Der rigide Umgang damit führt aber auch zur Verhinderung von Kreativität. Software, die gratis heruntergeladen und nach Belieben frei verändert werden kann, ist nicht mehr nur eine Sache von IT-Profis. Open-Source-Software ist heute für jedermann zugänglich, was dazu führt, dass die Philosophie dahinter immer mehr Anhänger findet. Eine breitere Auslegung der Open-Source-Idee wird als "Open-Culture" oder "Free-Culture" bezeichnet und stößt in alle Bereiche des Lebens vor. Es geht nicht nur darum Kosten zu senken, sondern auch um Freiheiten und das Ausschöpfen von Möglichkeiten. ickl

Wenn es etwas gibt, das sich nicht zum Eigentum eignet, dann ist es die Kraft des Gedankens" schrieb einst Thomas Jefferson, dritter Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und Verfasser deren Unabhängigkeitserklärung. Und weiter: "Ein Einzelner kann eine Idee vielleicht besitzen, wenn er sie für sich behält; sobald er sie aber öffentlich macht, geht sie in das Eigentum aller über."

So oder so ähnlich könnte auch das Mantra einer neuen Bewegung lauten, deren Verfechter sich in Zeiten zunehmend restriktiver werdender Urheberrechtsgesetze um einen freien Zugang zu immateriellen Gütern bemühen. Erklärtes Ziel dieser "Frei-Denker" ist die Förderung eines gesellschaftlichen Systems, in dem Informationen und digitale Güter möglichst frei zirkulieren können und das es Menschen jederzeit ermöglicht, die Ideen anderer aufzugreifen, zu verarbeiten und gegebenenfalls in veränderter Form weiterzugeben.

Schützen ist en vogue

Keine leichte Aufgabe, denn der Schutz so genannten geistigen Eigentums ist en vogue und hat in vielen Ländern derartige Ausmaße angenommen, dass es kreativen Köpfen bereits mehr schadet als nützt.

Die Frage, wem Ideen gehören, war bereits in der Renaissance ein strittiges Thema. Im Jahre 1421 machte in Florenz das Gerücht die Runde, Filippo Brunelleschi, ein hoch angesehener Ingenieur, der die Bewohner der Stadt bereits mit dem Bau der imposanten Kuppel des Florentiner Doms beeindruckte, habe eine neuartige Hebevorrichtung für den Transport von Marmorblöcken erfunden, weigere sich jedoch, seine Idee weiterzugeben. Um ihn umzustimmen und damit seine Erfindung für die gesamte Gesellschaft nutzbar zu machen, gewährten ihm die Medici ein dreijähriges exklusives Nutzungsrecht auf sein geistiges Werk. Das erste Patent auf eine industrielle Erfindung war geboren. Wenige Jahrzehnte später erließ Venedig 1474 das weltweit erste allgemeine Patentgesetz. Zweieinhalb Jahrhunderte darauf folgte England 1710 mit dem "Statute of Anne" mit dem ersten Copyright.

Seitdem wurde der Schutz geistigen Schaffens sukzessive erweitert. Waren in England im 18. Jahrhundert Bücher gerade einmal 14 Jahre vor Nachahmung geschützt, so erstreckt sich die Frist heute in den meisten Ländern bereits bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Auch die Strafen wurden massiv erhöht. So lässt der deutsche Gesetzgeber seine Bürger über den Paragraphen 106 des Urheberrechtsgesetzes wissen: "Wer in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ohne Einwilligung des Berechtigten ein Werk oder eine Bearbeitung oder Umgestaltung eines Werkes vervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergibt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."

Musikindustrie hat Angst

Noch strenger sind die Bestimmungen in den USA, wo auf langjährigen Druck der Musik- und Filmindustrie das Urheberrechtsgesetz mehrmals verschärft wurde. Einer neuen Gesetzesinitiative zufolge soll das Strafmaß für Diebstahl geistigen Eigentums nun sogar von bisher fünf auf zehn Jahre Freiheitsentzug verdoppelt werden. Eine stolze Zeit, angesichts derer sich jemand, der in Österreich wegen schwerer Körperverletzung schuldig gesprochen wird, durchaus glücklich schätzen kann. Kommt er oder sie doch mit maximal drei Jahren vergleichsweise glimpflich davon. Auch das Strafmaß bei Urheberrechtsdelikten ist in Österreich geringer, wenngleich auch hierzulande die Weitergabe etwa urheberrechtlich geschützter Musik-oder Filmdateien über das Internet mit bis zu sechs Monaten bestraft wird. Kann eine gewerbliche Absicht nachgewiesen werden, sind bis zu zwei Jahre Gefängnis fällig. Der Download geschützter Werke bleibt bis auf weiteres legal, da den Nutzern nicht zugemutet werden könne, festzustellen, welche der unzähligen Werke im Internet urheberrechtlich bedenklich seien.

Doch gibt es eine Alternative? Ja, meinen jene, die sich für einen freien Umgang mit Wissen einsetzen, und fordern eine paradigmatische Wende. Nicht die vollständige Privatisierung des gesamten Wissens kann ihrer Meinung nach das Ziel der Gesellschaft sein, sondern ein System, das es Menschen ermöglicht, auf die Wissensbestände der Mitmenschen zuzugreifen und diese in vielfältiger und produktiver Weise zu nutzen. Insbesondere für Länder, denen mangels finanzieller Mittel der Zugang zu geschützten Inhalten verwehrt bleibt, eröffnet sich dadurch eine willkommene Alternative.

Frei sein, funktioniert

Dass ein System des gegenseitigen Verzichts auf geistige Eigentumsrechte funktionieren kann, das zeigen neben den unzähligen freien Softwareprojekten, unter ihnen das Betriebssystem Linux und der beliebte Webbrowser Firefox, auch die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia. 300.000 freiwillige Mitarbeiter tragen auf der Onlineplattform inzwischen ihr Wissen zusammen und stellen es allen Interessierten kostenlos zur Verfügung. Einen Lohn erhalten sie dafür nicht, dafür aber eine Sammlung des Wissens der Welt, wie sie unter dem traditionellen Regime des Copyrights nicht möglich wäre. Denn nur wenn alle Beteiligten auf das exklusive Verwertungsrecht ihrer Beiträge verzichten, kann das gemeinsame Ganze allen frei zur Verfügung gestellt werden. Das rechtliche Konstrukt, das die unbeschränkte Verbreitung von Kopien und veränderten Version ermöglicht, wird in Anspielung auf das Copyright, das Nutzer von der Verwendung eines Werkes ausschließt,

gemeinhin als Copyleft bezeichnet. Mittlerweile entstanden auf Basis dieser Übereinkunft aber nicht nur Betriebssysteme und Online-Enzyklopädien, dieselbe Idee verbirgt sich auch hinter freien Radiokanälen und Funknetzen (siehe Interviews Seite 11).

Auch im Wissenschaftsbereich bemühen sich Universitäten unter dem Motto "Open Access" vermehrt wissenschaftliche Fachartikel kostenfrei und öffentlich zugänglich zu machen, um die Zirkulation frischer Ideen innerhalb der Forschergemeinde sowie zwischen Forschung und Gesellschaft anzukurbeln und damit die Produktivität der gesamten Zunft zu erhöhen. Manche Universitäten, allen voran das renommierte Massachusetts Institut of Technology, haben darüber hinaus begonnen, Lernmaterialien öffentlich über das Internet zugänglich zu machen - derzeit 1600 (siehe Artikel Seite 12). Und in Australien gibt es nun sogar ein "Open-Source-Cola" zu kaufen, dessen Rezept im Gegensatz zu den gewöhnlichen Cola-Getränken jederzeit studiert und weiterentwickelt werden kann und daher gerne von Hobbychemikern für private Brauexperimente eingesetzt wird. Andere gehen noch einen Schritt weiter und versuchen im Rahmen des OScar-Projektes ein komplettes Open-Source-Auto zu entwerfen. Sollte es der internationalen Projektgruppe tatsächlich gelingen, auf diese Weise einen funktionstüchtigen Prototypen herzustellen, so könnte dieser, ohne dass Lizenzgebühren anfallen, überall auf der Welt nachgebaut und weiterentwickelt werden.

Die Zukunft wird zeigen, welche Art des Umgangs mit Wissen sich durchsetzen wird. Es wäre aber eine besondere Ironie der Geschichte, würde just in jener Zeit, in der es durch ausgeklügelte Technologie erstmals möglich ist, die Werke sämtlicher Künstler, Schriftsteller, Wissenschafter und Philosophen zu äußerst geringen Kosten Milliarden von Menschen zugänglich zu machen, ein noch ausgeklügelteres System der Rechteverwertung eben diese Verbreitung verhindern.

Der Autor ist Mitverfasser des Wikibooks über Open Culture.

http://de.wikibooks.org/wiki/Open_Culture

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