WienerWald - © Foto: Matthias Hor

„Geschichten aus dem Wiener Wald“: Das Spiel um das Mensch-Sein

1945 1960 1980 2000 2020

Die letzte Premiere vor dem Lockdown: Das Burgtheater zeigt, wie aktuell Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ im Moment sind.

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Die letzte Premiere vor dem Lockdown: Das Burgtheater zeigt, wie aktuell Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ im Moment sind.

Ödön von Horváth hat „Geschichten aus dem Wiener Wald“ im Jahr 1931 verfasst, kurz vor der Machtübernahme der Nazis, das Stück aber ist zeitlos und aktueller denn je. Denn Horváth beschreibt eine Gesellschaft voller Opportunismus, Brutalität und Scheinheiligkeit, ohne Solidarität und Menschlichkeit. „Was macht einen Menschen überhaupt aus?“, lautet Horváths zentrale Frage, auf die sich Regisseur Johan Simons im Burgtheater konzentriert. „Sie sind kein Mensch!“, sagt der Rittmeister zum Zauberkönig. Und dieser: „Was soll ich denn schon sein, wenn ich kein Mensch bin, Sie?!“

Auf der Klangebene ist das Weinen eines Babys vom Gequieke eines Schweins nicht zu unterscheiden. Oskar, Fleischhauer und Bräutigam der Protagonistin Marianne, freut sich, wenn er die Sau abstechen kann. Die Sprache verrät ihn, der zwischen Frauen und Viechern keinen Unterschied macht. Mensch ist man nur dann, wenn der „Waren-Wert“ stimmt, so benennt es auch Alfred, Mariannes Geliebter: „Ich bin deiner Liebe nicht wert, ich kann dir keine Existenz bieten, ich bin überhaupt kein Mensch.“

Blick in die Abgründe

Simons hat aus Horváths glasklarer Gesellschaftsanalyse eine Studie heutiger Verhältnisse gemacht – wobei es bei genauer Lektüre nicht allzu viel braucht, denn Horváths Blick in die Abgründe ist erschütternd genug. Im offenen Bühnenbild (Johannes Schütz), das Häuserfassaden, Geschäftsauslagen und Vergnügungsetablissements andeutet, flanieren die Figuren bereits vor Beginn der Vorstellung, sie sind ständig auf der Bühne. Es scheint, als wären sie immer schon da gewesen, wie auch ihre Herzenskälte, ihre Verlogenheit und ihr Egoismus, verdeutlicht durch das Vergrößerungsglas des Mediums Theater.

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