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Die Casa d'Austria

Kleinteilig und vernetzt war und ist der österreichische Staat seit seiner Entstehung. Das betrifft vor allem das Ethnische. In der Kultur des Bundeslandes Kärnten, zum Beispiel, wirken Motive aus der früheren Zeit des slawischen Fürstentums Karantanien weiter; die bayerisch-fränkischen Siedler, Urahnen der heutigen Bevölkerung, haben zudem auch mediterrane Strahlungen aufgenommen. An den Rändern jedes Staates sind die

fruchtbaren Mischungen und Symbiosen selbstverständlich besonders intensiv, so hat das Alemannische von Vorarlberg starke Verbindung mit dem Bodensee-Raum, so wird die Kultur des Burgenlandes durch kroatische und ungarische Einwirkungen bereichert. Historisch geformt, im Kampf für ständische Freiheiten entstanden, hat sich die Eigenart der Oberösterreicher, der Niederösterreicher und vor allem der Steirer gefestigt - hier zeigt sich ein früheres Herzogtum und gegenwärtiges Bundesland in der unbändigen Lust, gegen die Zentralverwaltung zu opponieren. Salzburg w'urde Österreich nach den Napoleonischen Kriegen zugeschlagen, Tirol dagegen ist altes habsburgisches Stammland, zugleich eine Grafschaft freier Bauern, der Idee Österreich nicht durch Zwang, sondern durch Treue verbunden. Wer diesen Teil Europas kennt, weiß die politische Rolle der Gefühle richtig zu deuten.

Hier liegt der Grund dafür, daß sich das Bewußtsein, einer Region zuzugehören, rasch herausbildet. Sichtbare Zeichen eines solchen Erkennens sind die Arbeitsgemeinschaft Alpen-Adria und die Arbeitsgemeinschaft der Donauländer, doch gelangen Menschen einer Region, auch ohne den lobenswerten Eifer seiner Organisation, oft zur Einsicht, daß sie verschiedene Fragen, vor allem des Umweltschutzes, nur gemeinsam lösen können. Auch in diesem Punkt herrscht die Emotion und letztlich jenes geheimnisvolle Gefühl der Zusammengehörigkeit, das offenbar nicht nur in der Tradition, sondern in der biologischen Disposition selbst - und vielleicht in der Seele - bewahrt wird. Für die innere Bewegtheit, die als formloser Trieb nach einem entsprechenden Ausdruck drängte, bis sie schließlich Tränen in die lachenden Augen trieb - so war es nach der Öffnung der Grenze zwischen Niederösterreich und Südböhmen im Spätherbst 1989 zu beobachten-gibt es keine rationelle Erklärung.

1 m Sinne eines geschlossenen Systems war Österreich niemals ein Nationalstaat; auch heute ist die kleine Republik ein Land, in dem wohl die österreichische Nation beheimatet ist, doch hatte dieseeineandereTraditionalsdiealten oder erst im 19. Jahrhundert erwachten europäischen Nationen.

Das Land, anfangs ein loses Bündnis von Grafschaften und Herzogtümern, war freilich Teil, Jahrhunderte hindurch auch Zentrum, des Heiligen Römischen Reiches Deutscher N????tion. Allerdings waren es nicht das natürliche Streben nach Einheit, die Verbundenheit der Stände oder das Gefühl einer gemeinsamen Identität, die dem Staat seine zentripetale Kraft gaben, sondern Geist, Macht, Geschick, Fürsorge und Gewalt der Casa d'Austria.

Der Unterschied zwischen dem Identitätsbewußtsein der Bewohner früher Nationalstaaten und denen des Vielvölkerreiches der

Habsburger macht sich auch in der Dichtung bemerkbar. Mit der Zeile „Frankreich, Mutter der Künste, der Waffen und der Gesetze", beginnt Joachim du Bellay ( 1522-1560), führende Figur der Dichtergruppe der Pleiade, ein Sonett. Im Falle Österreichs gäbe es zur selben Zeit keinen Poeten, dem in Gedanken an das Gebiet der heutigen Alpenrepublik ähnliches in den Sinn gekommen wäre. Merkwürdig, wie an diesem Punkt das Alte und das Neue einander berühren: Die österreichisch-ungarische Monarchie (1867-19 18) war das letzte Staatengebilde, das unterschiedliche Länder unter einer dynastischen Idee vereinte, dadurch aber nicht nur die Mittel der Gewalt, sondern die wirkungsvoller ????n Methoden des Ausgleichs, der Balance und der Versöhnung einzusetzen hatte. So begann sich das Österreichische, wohl zur Zeit von Maria Theresia, allmählich zu einer Idee zu sublimieren. Die Konturen eines zukünftigen Europa zeigen nun gerade die bedeutende Rolle, die Ausgleich und Balance zu spielen haben, in einer Vielfalt der Regionen, die ihre Gegensätze gewaltlos lösen. In dieser Qualität oder schöpferischen Schwäche - werden manche Eigenheiten der österreichischen Denkungsart verständlich. Auch in Österreich werden, wie in jedem Land, Zeichen von Abneigung gegen das Andersgeartete zu beobachten sein, doch können und konnten ·solche urmenschlichen Regungen ins Spielerische weitergeleitet und an einen Punkt gebracht werden, an dem sich Wirklichkeit und Einbildung nfcht- mehr klar scheiden lassen.

Esist ein Grundzug der Kultur" , schreibt Robert Musil i n seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften", „daß der Mensch dem außerhalb seines eigenen Kreises lebenden Menschen aufs tiefste mißtraut, also daß nicht nur ein

Germane einen Juden, sondern auch ein Fußballspieler einen Klavierspieler für ein unbegreifliches und minderwertiges Wesen hält." Dieser Diagnose wird dann eine österreichische Variation des Phänomens hinzugefügt: „Denn nicht nur die Abneigung gegen den Mitbürger war dort bis zum Gemeinschaftsgefühl gesteigert, sondern es nahm auch das Mißtrauen gegen die eigene Person und deren Schicksal den Charakter tiefer Selbstgewißheit an. Man handelte in diesem Land - und mitunter bis zu den höchsten Graden der Leidenschaft und ihren Folgen - immer anders, als man dachte, oder dachte anders, als man handelte. "

Hier liegt der Grund jener österreichischen Haltung, die von Wohlwollenden als skeptisch, spielfreu-' dig, ja weise, von den kritisch Eingestellten als charakterschwach, konfliktscheu und verschlagen bezeichnet wird. In der sogenannten Gemütlichkeit steckt nur allzu oft eine derb hervorbrechende Härte, und die Neigung, große Gefühle - durchaus bereits im Zeichen der Italianita - entsprechend theatralisch zum Ausdruck zu bringen, ist mit der Fähigkeit verbunden, im Kampf der Worte, sofern der Streit unvermeidlich geworden ist, auch bei geringen Anlässen jene Ausdrücke zu finden, die - Produkte der guten Improvisation - den Gegner möglichst in seinem innersten Inneren verletzen.

Nicht nur in Österreich erwiesen und erweisen sich solche Eigenheiten als erstaunlich resistent. Die Kontinuität, die das im Jahre 1918 zerbrochene alte Reich mit der Gegenwart verbindet, ist mit einer Brücke vergleichbar, deren Figurenschmuck freilich oft skurril anmutet. Doch sind auch in diesem Falle die Pfeiler wichtiger als die Statuen, die den Weg säumen.

Auszug aus dem Beitrag des Autors für das demnächst erscheinende Werk: SPECTRUM AUSTRIAE. Hrsg. v. G. Sebestyen. Compress Verlag, Wien 1990. 504-Seiten, Ln., öS 990,-.

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