
Katia Ledoux: „Schwarze Vorbilder in der Oper hat es immer gegeben“
Am 30. Jänner 2023 herrscht im Betriebsbüro der Volksoper Wien Unruhe. Am morgigen Dienstag soll eine Vorstellung von "Orpheus in der Unterwelt" stattfinden. Doch: der Tenor, der den Orpheus spielt, ist erkrankt und sein Ersatz auch. Die Mezzosopranistin Katia Ledoux, die in diesem Stück die Venus spielt, sitzt an diesem Abend vor der Regiekanzlei, dem Herz der Oper, während die Kollegen im Büro überlegen. Verzweifelt diskutiert das Team, wer so spontan in die Hauptrolle des Orpheus schlüpfen könnte. Währenddessen blättert Ledoux in den Noten des Stücks. Die Töne sind nicht zu hoch, denkt sie, und mit Orpheus ist Venus nie gleichzeitig auf der Bühne. Ledoux steht auf, platzt ins Meeting und sagt: „Theoretisch könnte ich das machen.“ Alle Blicke sind auf sie gerichtet. Stille. Als alle begriffen hatten, dass ihr Angebot ernst gemeint und kein schlechter Scherz war, machten sie sich an die Arbeit. Kostüme und Perücken mussten angepasst, die Stücke geprobt und die Nerven bewahrt werden. Am Tag nach der Vorstellung wird Ledoux, die als erste Frau und Sopranistin für einen Mann, einen Tenor, eingesprungen ist, zum Weltstar.
„Dieser Abend war verrückt. Ich habe von der Vorstellung nichts mitbekommen“, erzählt Ledoux. Die gebürtige Pariserin erklärt ihren damaligen Eifer, beide Rollen in kürzester Zeit einzustudieren, so: „Ich befand mich gerade in der Scheidung von meiner Frau und musste mich ablenken.“ Ledoux erzählt, dass sie den Abend ohne das großartige Team der Volksoper nie geschafft hätte. Die 34-Jährige gehört zur neuen Generation von Opernsängerinnen. Sie spricht unverblümt über ihre Branche und den Alltag, über psychische Probleme und über Politik. Leidenschaftlich erzählt sie von der „Black Opera Alliance“, die sich 2020 im Zuge der „Black Lives Matter“-Demonstrationen rund um die brutale Ermordung des Afroamerikaners George Floyd gegründet hat.
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