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„Die Berliner Mauer ist zu früh gefallen“

Mit dem „Neuen Forum“ trug Bärbel Bohley entscheidend zum Sturz des DDR-Regimes bei. Ihr Rückblick fällt bitter aus: Zuviele Chancen wurden vergeben.

An einer Berliner Eisenbahnbrücke steht eine noch heute gut sichtbare Losung. Sie lautet: „Wir wollten nicht ein Stück vom Kuchen, wir wollten die ganze Bäckerei.“ Ja, das wollten wir 1989/90. Wir wollten mitbestimmen, welche Zutaten in den Brotteig kommen, denn wir hatten lange genug altbackenes oder verschimmeltes Brot vorgesetzt bekommen. Faktum ist: Es wird uns noch heute serviert.

Der Herbst 1989 ist die Geschichte der Selbstorganisation der aufgestauten demokratischen Potenziale in fast allen Schichten der Bevölkerung. Für mich ist nicht der Zusammenbruch des verdorrten Staatsgerippes der Diktatur maßgeblich, sondern der Aufbruch der Bürger, der ihn bewirkte. Der Impuls ihrer Suche nach der neuen Gestalt des Gemeinwesens und seine dynamische Ausbreitung werden bis heute nicht verstanden.

Je mehr die Geschehnisse des Herbstes ’89 Geschichte werden, desto weniger finden sie einen Platz als kollektives Erleben im gesellschaftlichen Gedächtnis. Im Herbst 1989 fand ein unausgesetzter, landesweiter Aufbruch statt, an dem sich mindestens zwei Millionen Menschen beteiligten. Es war die größte Demokratiebewegung der deutschen Geschichte.

Ich werde die Begeisterung nicht vergessen, die nicht nur die Ostdeutschen erfasst hatte. Die ganze Welt schien mitgerissen zu werden und teilte die Begeisterung an unserem lebendigen, lustvollen Protest. Die Verhältnisse, um mit Karl Marx zu sprechen, hatten zu tanzen begonnen, aber es war eine Polka, bei der jedem schwindlig wurde. Nicht nur uns, sondern allen Zuschauern, auch den Politikern im Ausland. Und wer von ihnen heute sagt, er habe den Takt angegeben, der lügt.

Der große Umbruch von 1989 hat die ganze Weltpolitik, alle Kräfteverhältnisse verändert, und ein Ende der Veränderungen ist nicht abzusehen.

Sehen wir einmal von seiner jahrzehntelangen Vorgeschichte ab, dann nahm der eigentliche politische Durchbruch zur Selbstbestimmung von unten in Deutschland seinen Anfang – genauer: in der DDR. Hier begann das Ende der Nachkriegszeit für Europa.

Das wurde in den letzten zwanzig Jahren oft vergessen, wir haben es selbst vergessen, und anstelle des damaligen Gestaltungswillens und Selbstbewusstseins ist ein Gefühl der Überforderung und Niedergeschlagenheit getreten. Das Kräfteverhältnis in der Welt hat sich zwar grundlegend geändert, doch Ungerechtigkeit, Ausbeutung von Menschen, Zerstörung von Kulturen, die Vergeudung von Ressourcen, riesige Waffenarsenale und neu sich aufbauende Ideologien gefährden nach wie vor die Weltgemeinschaft. Vom „Ende der Geschichte“ sind wir jedenfalls weit entfernt.

Ich bin oft gefragt worden, ob der Mauerfall zu früh kam. Ja, ich glaube, er ist zu früh gekommen. Er hätte erkämpft werden müssen und nicht als Toröffnung durch die Torwächter eintreten dürfen. Die Mauer fällt plötzlich – und alle sind platt und stehen sprachlos da. Wir hätten Zeit gebraucht, um das Terrain zu klären und uns einen Weg durch das Dickicht des DDR-Erbes zu schlagen, um zu wissen, welche Forderungen wir stellen müssen.

Jedoch: Die Kraft der Straße hatte die bisherigen Erfahrungen der politischen Klasse außer Kraft gesetzt, und das machte ihr Angst. Einigen Politikern in Ost und West grauste es sicher. Unser Wille zu gesellschaftlicher Selbstorganisation wurde deshalb bald gebrochen. Sich hineinzufinden in das andere System wurde binnen Kurzem die wichtigste Aufgabe für jeden Einzelnen von uns. Die vom Neuen Forum in der DDR eingeklagte Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft ist auch heute gestört.

Wir führen vielmehr fruchtlose Debatten über Themen, die mehr der Ablenkung als der Erkenntnis dienen: Steuerhinterziehung, Kinderpornografie, Waffenbesitz, Finanzkrise, Schweinegrippe – alles wird zur Kampagne gemacht, und damit werden die Probleme eher verwischen, als sie greifbar zu machen.

Wir ehemalige DDR-Bürger kennen das ja bereits, denn wir haben vierzig Jahre von Kampagne zu Kampagne gelebt. Nur haben sie heute andere Inhalte und werden von Talkshows rund um die Uhr begleitet – bis auch der letzte Zuschauer eingeschlafen ist.

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