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Geliebt, gehasst, gegessen

Die einen bekommen durch sie neue Lust am Leben, die anderen sehen sie am liebsten in gebratener Form. Die einen gönnen ihnen ein Grab am Tierfriedhof, die anderen ärgern sich über ihre Ausscheidungen grün und blau. Keine Frage: Das Verhältnis des Menschen zum Tier ist vielschichtig. Das vorliegende Dossier wirft einzelne Schlaglichter auf diese ambivalente Beziehung - pünktlich zum Welttierschutztag am 4. Oktober, dem Hochfest des großen Tierliebhabers Franz von Assisi. Redaktionelle Gestaltung: Doris Helmberger

Eine kleine Kulturgeschichte der Mensch-Tier-Beziehung.

Unser Verhältnis zu Tieren ist ausgesprochen ambivalent. Ob als Frühstücksei auf dem Küchentisch, als Schlagobers auf der Torte, als Currywurst an der Imbissbude oder als Lammkotelett im Gourmetrestaurant - Produkte von Tieren gehören zu unserer Nahrung. Und selbst vegetarische Kost lässt sich, im biologisch-dynamischen Anbau zumal, kaum ohne tierischen Dünger erzeugen. Doch Tiere erregen auch Ekel, Abscheu, Angst - wie oft lösen nicht Spinne oder Ratte, Schlange oder Zecke begründete und unbegründete Affekte aus? Liebevoll, ja zärtlich, hätschelnd ist dagegen der Umgang mit den Heimtieren: Heute mehr denn je leben Tiere in der unmittelbaren Wohnumwelt des Menschen. Etwa in jedem dritten Haushalt wird ein Tier gepflegt; für Kinder, besonders jedoch für viele alleinstehende ältere Menschen ist ein Tier wichtiger Partner ihrer Sozialbeziehungen.

Tier als mythisches Sinnbild

Welche Rolle also nehmen Tiere in der Gesellschaft ein? Und welche kulturellen Muster bestimmen unsere Verhaltensweisen gegenüber Tieren? Kulturwissenschaftlich-ethnologisches Fragen beschäftigt sich in den letzten Jahren mehr und mehr auch mit den Tieren in der Umwelt des Menschen, mit ihrer Haltung und Nutzung, mit den Ängsten und Emotionen, die sie bei uns auslösen, mit ihrer sozialen und therapeutischen Funktion. Tiere sind Teil unserer Alltagskultur. Die Gestaltung der Kreatur, die der Mensch seit Beginn seiner Geschichte nutzt, um Haustiere nach seinen Vorstellungen zu formen, begleitet den Prozess der Zivilisation. Drei wesentliche Aufgaben sind ihnen darin zugeschrieben worden: als mythische Sinnbilder, als Nutz- und Arbeitstiere, als Begleiter und Adressaten unserer Gefühle.

Die symbolische Aufladung schied die Tierwelt nach moralischen Wertkategorien in Gut und Böse; Tiere waren sowohl Ideal als auch Widerpart des Menschen. Auf den Säulenkapitellen mittelalterlicher Sakralräume und als Türzieher, von den Schlusssteinen der Kreuzgewölbe und den Wasserspeiern der Dachtraufen treten uns Fabeltiere in berauschender, für den Menschen des Mittelalters aber auch furchteinflößender Fülle entgegen. Basilisken und Greife, Chimären und Drachen bevölkerten den Bewusstseinshorizont. Doch diesen Bildern der Angst begegneten die Tier-Allegorien des christlichen Erlösungsversprechens, deren Bildprogramme bis in die Gegenwart reichen. Auf Altären, Tabernakeln und Kanzeln haben sie überdauert.

Tier als Symbol für Christus

In der Votivkirche zum Göttlichen Heiland in Wien finden Besucher vor kaum 150 Jahren angebrachte Wandmalereien mit Phönix und Pelikan, Löwe und Adler. Ihre Ikonografie wurde ganz grundlegend durch den griechischen "Physiologus" geprägt, einer im zweiten Jahrhundert n.Chr. aus älteren Quellen kompilierten Allegorik der Natur. So standen der sich die Flanke öffnende, seine Jungen mit dem eigenen Blut zum Leben erweckende Pelikan für den Opfertod Christi, der sich aus der eigenen Asche erhebende Phönix aber für die Auferstehung zum Ewigen Leben. Es waren Sinnbilder und Allegorien, die nur wenig mit ihren lebendigen Vorbildern gemein hatten. Noch in den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Darstellungen ist der Pelikan nicht in seiner natürlichen Erscheinung, sondern als großer Greifvogel mit krummem Schnabel abgebildet. Als im Jahr 1309 Pelikane als Strichvögel in der Steiermark gesehen wurden, wusste die österreichische Reimchronik daher nur von seltsamen Vögeln zu berichten, die sich dort niedergelassen hätten und wegen des merkwürdigen und vom Gewohnten abweichenden, ja ängstigenden Aussehens Unvögel genannt würden, also nicht als die Pelikane der allgegenwärtigen christlichen Bilderwelt erkannt worden waren.

Standen Pelikan, Phönix, Schwan und Löwe im Zentrum mittelalterlicher Sakralkunst, so hat in Renaissance und Barock der Doppeladler als Wappentier mit den Reichsinsignien Verbreitung gefunden.

Vom Beginn des 15. Jahrhunderts an war der Quaternionen-Adler als Monstrosität wohlkalkuliert im politpropagandistischen Interesse entwickelt worden und erfuhr seit dem 16. und frühen 17. Jahrhundert eine vielfache Verwendung. Auch Phönix und Pelikan wurden im Dreißigjährigen Krieg als Symbole der Wiederherstellung friedlicher Zeiten im Propagandaschrifttum genutzt. So geriet der Pelikan nun zum Sinnbild des sich aufopfernden, sich in Fürsorge für seine Untertanen hingebenden Herrschers.

Tier als Symbol der Macht

Diese Macht der Bilder wurde noch in der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts missbraucht. Im Volk-und-Scholle-Pathos wie in den Darstellung imperialer Gralsvorstellungen der Nazikunst dienten die schon von Fritz Boehle entworfenen gewaltigen Kaltblutpferde einer künstlerischen Inszenierung der Kameradschaft, ja Verbrüderung von Mensch und Tier.

Ganz profan und wenig repräsentabel aber kamen die wirklichen Gefährten des Menschen daher: die Haustiere. Sie wurden mit dem jagdbaren Wild nach ökonomischen Wertkategorien als nützliche Tierwelt von den "Schädlingen" und "Plagegeistern" unterschieden. Doch es sind gerade die geduldigen und zähen Zugtiere, die in den großen Erzählungen der Geschichtsschreibung oft vergessen werden. Kuh und Ziege waren für einen Großteil der Bevölkerung Helfer im alltäglichen Versuch, Not und Mühsal zu lindern. Im Umgang mit der Kuh zeigten sich auch Gefühlsbeziehungen zum Tier in einer Welt, die an emotionalen Bindungen nicht immer reich gesegnet war. Die Motorisierung des Verkehrs hat jedoch die tierische Zugkraft im Verlauf der letzten hundert Jahre in den Industrieländern nahezu vollständig verdrängt.

Tier als produzierte Sache

Und in der landwirtschaftlichen Tierproduktion (schon die Begrifflichkeit degradiert das Tier zur Sache!) findet seit drei Jahrzehnten eine Konzentration nie gekannten Ausmaßes statt, die das Haustier auf seine Bedeutung als Nutztier reduziert. Moderne agrarindustrielle Tierproduktion muss unter Intensivhaltungsbedingungen erfolgen, weniger wegen der höheren Rendite, sondern wegen der hygienischen Verhältnisse, die bei Massentierhaltung eine keimreduzierende Aufstallung und Belüftung notwendig machen, um einer Ausbreitung von Infektionen vorzubeugen. Intensivhaltung und Zucht unterwerfen das Nutztier einem Standardisierungsprozess, der unumkehrbar ist. Darüber können auch die Versuche zur Erhaltung alter Haustierrassen und zur Umsetzung alternativer Haltungsformen nicht hinwegtrösten.

Die Intensivierung der agrarwirtschaftlichen Tierproduktion ist jedoch nur eine Seite des Verhältnisses zum Tier in der Moderne. Sie verdeutlicht die auch vom Gesetzgeber angelegte strenge Trennung zwischen so genannten Nutztieren (in der Landwirtschaft) und Heimtieren (in der Hobbytierhaltung). Mehr und mehr werden Tiere nach emotionalen Maßstäben als Mitbewohner des Menschen ausgewählt. Die Pflege von Hunden und Katzen, Vögeln und Zierfischen, Nagern und zunehmend auch ausgefallener Exoten stellt nicht nur einen gewaltigen Markt dar, den Futtermittelindustrie und Werbung zu nutzen verstehen. Diese "Inseln des Eigensinns", die Burkhard Scherer in seiner kleinen Ethnologie der Hobbywelt mit leiser Ironie beschrieben hat, lassen vielmehr auch Bedürfnisse erkennen, die das Tier zum Ersatzobjekt sozialer und emotionaler Beziehungen machen. Tiere lassen sich beherrschen, sie können Prestige und Bestätigung verleihen, sie werden gebraucht (und missbraucht!) in Spiel und Sport.

Doch sollte der berechtigte kritische Blick auf tierschutzwidrige Haltung und Abrichtung einerseits und auf vermenschlichende Züge im Umgang mit Tieren andererseits die außerordentliche Bedeutung nicht übersehen, die dem Heimtier in pädagogischer Hinsicht beigemessen wird.

Mehr als Plüschsurrogate

Überproportional viele Heimtiere werden in Haushalten mit Kindern unter 16 Jahren gehalten - ein verantwortungsvoller Umgang mit Lebewesen und körperliche Bewegung sind wichtige Lernziele, denen weder die flauschigen Plüschsurrogate noch die elektronischen Spielgeräte etwas entgegenzusetzen haben. Der Tod eines Heimtieres ist für viele Kinder erster Anlass zur Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens. Und schließlich zeigen die Erfolge des Einsatzes von Tieren als Therapie für Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten, wie wichtig uns der Erhalt dieser Reste des Natürlichen in der Sozialwelt des Menschen sein sollte.

Der Autor ist Mitarbeiter am Institut für Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaft der Universität Marburg.

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