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Ist Gott schwerhörig?

Das hat noch kein Papst und kein Bischof erklären können: Warum Gott Millionen Gebete erhört, aber den seit Jahrzehnten stärker und stärker entfachten Gebetssturm um mehr Priesterberufungen ignoriert. Will er 250 ortspriesterlose Pfarren in der Erzdiözese Wien? Noch mehr "Auspuffpriester", die sonntags von Kirche zu Kirche düsen? Oder gar lateinamerikanische Verhältnisse mit einem Pfarrer pro 100.000 Gläubigen?

Österreichs Bischöfe haben ihre Herbsttagung im Heiligen Land abgehalten - eine rühmenswerte Tat. Vielleicht ist ihnen wenigstens dort in den Sinn gekommen, dass Gott die Gebete um Berufungen möglicherweise anders als erwartet lange schon beantwortet: durch leere Seminare und Pfarrhöfe. Vielleicht haben sie sich am See Genesaret, wo Jesus seine ersten Jünger berief, endlich gefragt, warum Priester heute nicht sein können, wie Apostel und Jünger damals waren: Männer und wohl auch Frauen, aus weltlichen Berufen kommend, keine Universitätsabsolventen, verheiratet.

Über solche Priestermodelle nachzudenken, hat schon der Linzer Pastoral- und Konzilstheologe Ferdinand Klostermann, der vor 100 Jahren geboren wurde und vor 25 Jahren gestorben ist, angeregt. Neu entwickelt hat diesen Gedanken sein Wiener Fakultätskollege Paul Zulehner zusammen mit dem südafrikanischen Bischof Fritz Lobinger und dem Dogmatiker Peter Neuner: Neben "Bistumspriestern" könnten nebenberuflich tätige ehrenamtliche "Gemeindepriester" bestellt werden. Nun greift Weihbischof Helmut Krätzl, ebenso wie Pfarrer Helmut Schüller dies schon getan hat, in seinem neuen Buch auf diese Idee zurück: "Wir müssen darum beten, verstehen zu lernen, wo Gott heute, vielleicht anders als bisher, Menschen zum geistlichen Dienst ruft."

Vielleicht war bisher nicht Gott, sondern nur die Kirchenleitung schwerhörig.

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