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„Was ist, wenn auch wir nicht mehr die Götter sind?”

DIEFURCHE: Was macht die Faszination des Bösen aus?

Dorothea Dornhof: Erklären kann ich sie nicht so richtig. Aber wir sollten versuchen zu schauen, was mit den Phänomenen des Dämonischen, des Bösen historisch verbunden war. Meine These ist die von der Ambivalenz der Werte. In der griechischen Antike gab es keine Bewertung von Böse und Gut. Die Götter konnten dämonisch und die Dämonen konnten göttlich sein. Es gab natürlich Schlechtes und Gutes, aber es gab nicht diesen strikten Antagonismus.

DIEFURCHE: Halten Sie diesen Antagonismusfür genuin jüdisch-christlich?

Dornhof: Ja. Im Judentum ist der Teufel allerdings noch nicht so kraß als der Böse qualifiziert, er kommt als Angreifer, als Verführer vor, aber noch nicht als Widersacher, das ist erst aus dem Christentum entstanden. Mit dem Toleranzedikt (das Christentum wurde 313 durch Kaiser Konstantin staatlich anerkannt, Anm.) änderte sich ja alles grundlegend im Vergleich zur vorherigen Phase der Christenverfolgungen. Das sieht man am Beispiel der Prostitution, der Homosexualität - das gab es vorher einfach als anerkannte Iebensformen bestimmter Schichten. Und unter dem verstärkten Einfluß des Christentums änderte sich das, diese Lebensformen wurden als sündhaft, als Abfall von Gott gedeutet. Die Fortpflanzung wurde dann mit Tod und Sünde gleichgesetzt, die Gebärfähigkeit der Frau hatte nun eine viel geringere Bedeutung als sie noch im Judentum gehabt hatte.

DIEFURCHE: Sexualität und Fortpflanzung wurden immer sehr stark dem Weiblichen zugeordnet Wie sehen sie denn auf diesem Hintergrund, im Zusammenhang mit der Geschkchterfra-ge die Entwicklung des Antagonismus' von gut und böse?

Dornhof: Zuerst ist da einmal Eva. Sie ist diese schuldhaft-sündige Frau, die in allen Texten der Kirchenväter als das Einfallstor des Teufels gilt -aufgrund ihrer Sündhaftigkeit, ihrer Geschlechtlichkeit. Und dann gibt es Maria. Sie ist völlig entsexualisiert, sie ist die Heilige. Das Bild des Weiblichen ist durch die Geschichte hindurch durch diese Ambivalenz geprägt - Heilige und Hure oder Hexe. Und je nachdem, wie krisenhaft sich die individuelle psychische Entwicklung eines Mannes, oder auch die gesellschaftliche Entwicklung insgesamt sich vollzieht, wird das eine oder das andere akzentuiert. Im 18. Jahrhundert haben Sie stärker die schöne Seele, die Frau als der Natur verbunden; im 19. Jahrhundert steht dann wieder viel mehr die teuflische Sexualität der Frauen, ihr „basic in-stinet”, der todbringend für die Männer ist, im Vordergrund. Das ist eine Entwicklung, die mit der aufkeimenden Frauenbewegung zu tun hat, die auch Angst macht, was dazu führt, daß Projektionen des Weiblichen, die mit dem Christentum gekommen sind, aktualisiert werden.

DIEFURCHE: Und wie sieht es am Ende des 20. Jahrhunderts aus? dornhof: Da müßten wir jetzt von Cyberspace und Cybersex reden. Hier ist gewissermaßen die christlich-asketische Leibverdrängung in gänzlich anderer Weise wieder da. Der Körper verschwindet sozusagen im Cyberspace, es werden künstliche Identitäten ausgetauscht. Wenn man einen ganz großen Bogen macht, kann man sagen, daß die radikale Projektionsarbeit, die sich am menschlichen Körper, speziell am weiblichen, stets ereignet hat, hier radikal weitergeführt wird - es ist alles völlig entkörperlicht.

DIEFURCHE: Das Böse ist ja auch etwas sehr Konkretes, sehr Reales — etwa der Krieg in Ex-Jugoslawien ... dornhof: Ich weiß nicht, ob wir da sehr viel weiterkommen, wenn wir das als böse qualifizieren. Da wird das Böse dann wieder eine metaphysische Kategorie. Ich will es auch nicht als gut qualifizieren, aber ich weiß nicht, was es uns bringt, den Krieg in Bosnien als böse zu bezeichnen. Ich würde mich interessieren, was mit den Frauen, den Kindern passiert, warum der Krieg überhaupt entstanden ist.

DIEFURCHE: Aber ist nicht genau das gemeint, wenn man von der „Rückkehr des Bösen ” spricht: daß ebendiese metaphysisch-moralische Dimension wieder ernstgenommen wird? dornhof: Ja, aber ich denke eben, es ist eine Vereinfachung, etwas schlicht als böse zu bezeichnen. Ich habe ein Problem mit diesen moralisierenden Klassifikationen, ich frage mich da immer: Wer ist der Gott, der das entscheidet? Und was ist, wenn wir keinen Gott mehr haben, wenn auch wir nicht mehr die Götter sind? Spätestens seit Freud wissen wir ja, daß wir auch im eigenen Haus nicht die Herren sind. Ein Großteil meiner Handlungen ist eben nicht meiner Intention entsprungen. Das Unbewußte spielt eine Rolle, die Sprache hat sich zwischen uns und die Realität geschoben. Mit diesem Wissen kann man nicht mehr so locker vom Bösen sprechen, aber auch nicht vom Guten. Das zu sehen, halte ich auch für ganz wichtig, um die Kräfte real einzuschätzen, die man für Handlungsfähigkeit und Verantwortung braucht.

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