Amazonas - © Foto: Pixabay

Naturschutz im Anthropozän: Planetare Grenzen

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Die ökologische Belastbarkeit des Planeten ist überschritten. Die Schlüsselfrage lautet: Entscheiden wir uns für ein neo-grünes Gartenmodell oder für ein wirklich faires Teilen mit der Natur?

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Die ökologische Belastbarkeit des Planeten ist überschritten. Die Schlüsselfrage lautet: Entscheiden wir uns für ein neo-grünes Gartenmodell oder für ein wirklich faires Teilen mit der Natur?

Eine neue, grimmige Heilslehre braut sich am düsteren Horizont unserer Zukunftsaussichten zusammen. Sie erzählt vom "Ende der Natur" und vom nunmehr endgültig angebrochenen Zeitalter des Anthropozän -- dem Zeitalter, in dem menschliche Einflüsse fast alle Prozesse auf dem Planeten prägen, die vormals als "natürlich" galten. 2009 hat ein Forscherteam neun "Planetary Boundaries" definiert, die für die ökologischen Belastbarkeitsgrenzen unserer Erde stehen. Eine aktuelle Analyse zeigt, dass die Menschheit diese Belastbarkeitsgrenzen bereits in vier Bereichen überschritten hat: beim Klimawandel, beim Biodiversitätsverlust, bei der Intensität der Landnutzung und bei der Veränderung der natürlichen Stickstoff- und Phosphor-Kreisläufe. Das Anthropozän scheint also unabweisbare Realität zu sein. Was aber folgt daraus?

Die Vertreter der neuen Heilslehre, die sich gern als "Neo-Environmentalists" bezeichnen, meinen, dass es angesichts des Ernstes der Lage zunächst nötig sei, mit überkommenen Vorstellungen aufzuräumen. Wilde, vom Menschen unbeeinflusste Natur -das war gestern, wenn es sie überhaupt je gegeben hat. Naturschutz als das Bestreben, die Natur in all ihrer Vielfalt, Eigenart und Schönheit zu bewahren - ein naiv-romantisches Unterfangen, das im besten Fall überflüssig, im schlechtesten Fall gefährlich ist. Der Natur mehr Platz einräumen, Schutzgebiete einrichten, den Einfluss des Menschen zurücknehmen -ein menschenfeindlicher Plan, der auf einem überholten Weltbild beruht, wonach Mensch und Natur zwei gegensätzliche Pole darstellen.

Abfinden mit Artenverlust?

Stattdessen, so meinen die "Neo-Greens", komme es in der jetzigen, bedrängten Lage darauf an, die Dinge in die Hand zu nehmen, zu gestalten, Win-win-Situationen zu schaffen. Natur also nur dort zu schützen, wo sie uns nützt -und indem man sie nutzt. Wir müssten all jene Ökosystemleistungen, die für unser Überleben unverzichtbar sind, völlig unter Kontrolle bringen und zum eigenen Wohl manipulieren. Es gehe darum, durch kluge Ressourcennutzung einer rasch wachsenden Weltbevölkerung die Lebensgrundlagen zu sichern. Wenn dabei manches auf der Strecke bleibt - unbesiedelte Landschaften oder nutzlose Arten - wen kümmert's? Wir sollten uns endlich damit abfinden, dass Arten verschwinden werden, die schlecht an die Bedingungen des Anthropozäns angepasst sind: gar jene, die den Menschen in seinem Wirtschaften stören -besser weg damit, denn "sie haben in unserer Kulturlandschaft keinen Platz"!

Diese Kulturlandschaft soll eine globale sein, daran lassen die "Neo-Environmentalists" keinen Zweifel. Ihre Vision unseres Planeten ist die eines Gartens - eines wohlgeordneten, gesunden Gartens, in dem (fast) alles der menschlichen Kontrolle unterworfen ist. Ein neues Eden also? Nicht ganz, denn es wäre ein Garten Eden ohne Schlange, und auch ohne Baum der Erkenntnis. Und so etwas wäre in Wirklichkeit eine Schreckensvision. Die Menschheit kommt ja definitiv nicht aus einem schlangenfreien Paradiesgarten. Der Garten Eden der menschlichen Entwicklungsgeschichte war vielmehr ein sehr ausgedehnter, wilder Garten, mit viel unkontrollierbarer Natur, mit Schönem und Schrecklichem, Gefährlichem und Nützlichem, und vor allem -mit viel Unvorhergesehenem. Viele Wesenszüge des Menschen leiten sich aus den Geschehnissen in diesem wilden Garten, dem Schauplatz der Evolution, ab. Dazu gehört das tiefe Bedürfnis nach Auseinandersetzung mit ungezähmter Natur, die wir seit alters her Wildnis nennen. Dazu gehört auch der Wunsch, die unvorstellbare Vielfalt, Seltsamkeit und Vielgestaltigkeit unserer Mitgeschöpfe kennenzulernen -also das zu entdecken, was wir heute als Biodiversität bezeichnen.

Die großen Spuren des Henry D. Thoreau

Für das Erleben von Wildnis und die Erfahrung einer schier unendlichen biologischen Vielfalt ist im planetaren Garten der Neo-Greens jedoch kein Platz. Übrigens auch nicht für den Baum der Erkenntnis, der manche seiner Wurzeln eben im unendlich Wilden hat. Sehr treffend hat dies der Vater der amerikanischen Wildnis-Bewegung, Henry David Thoreau, in seinem Klassiker "Walden oder Leben in den Wäldern" (1854) formuliert: "Sobald wir es uns ernstlich angelegen sein lassen, alles zu erforschen und zu lernen, verlangen wir zu gleicher Zeit, dass alles geheimnisvoll und unerforschbar sei, dass Land und Meer unendlich wild und von uns unergründet bleiben, weil sie unergründlich seien. Wir können von der Natur nicht genug bekommen "

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