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Vor 100 Jahren erschien die erste Nummer der "Fackel". Zur großen Karl-Kraus-Ausstellung im Wiener Jüdischen Museum.

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Vor 100 Jahren erschien die erste Nummer der "Fackel". Zur großen Karl-Kraus-Ausstellung im Wiener Jüdischen Museum.

Es gäbe in den Wiener Zeitungen heute auch nicht mehr Fallfehler, wenn Karl Kraus nicht gelebt hätte, denn mehr Fallfehler kann man kaum machen. Es gäbe auch nicht mehr Verwechslungen der Ein- mit der Mehrzahl, nicht noch mehr falsch angewendete Konjunktive, die Oberflächlichen und Anpasserischen unter den Kolumnisten schrieben heute kaum noch dümmer, die Politiker redeten nicht noch verquollener, denn verquollener geht es kaum mehr. Hat Karl Kraus also umsonst gelebt?

Das ist eine der Fragen, die man sich in der soeben eröffneten Ausstellung ",Was wir umbringen' - ,Die Fackel' von Karl Kraus" des Jüdischen Museums in Wien stellen kann.

Kehren wir die Frage um: Schrieben jene Journalisten, denen Fall-, Ein-und Mehrzahl- sowie Konjunktivfehler selten passieren, denn Fehler macht jeder, heute weniger sorgfältig, wenn Karl Kraus nicht gelebt hätte? Würde es jenen, denen bei verquollenen und verlogenen öffentlichen Reden schlecht wird, ohne die "Fackel im Ohr" etwas später den Magen umdrehen? Wären die Puristen der Sprache etwas weniger puristisch, würden es die Genauen weniger genau nehmen, wären die ethisch Rigorosen ohne sein Vorbild, weniger rigoros? Dies erscheint uns wahrscheinlich. Denn der Einfluß des Karl Kraus ist auch heute noch groß, wenn er sich auch jedem Versuch, ihn zu fassen, nachzuweisen, vielleicht gar zu quantifizieren, entzieht. Es gibt eine Reihe von Autoren, die sich direkt auf Karl Kraus berufen, in seiner Tradition stehen oder zu stehen meinen, und auch einige, die ihre Karl-Kraus-Nachfolge hinausposaunen, sich mit ihr brüsten und sie dafür mißbrauchen, sich über andere zu erheben. Wir sollten sie vielleicht nicht allzu hart schelten, denn auch er, Karl Kraus selbst, hatte menschliche Schwächen, war, um eine zu nennen, alles andere als frei von Eitelkeit.

Schon dieses Lebensprojekt. "Die Fackel". Diese Kampfansage an die Verlogenheit, gegründet auf die felsenfeste Überzeugung, daß sich alle Verworfenheit der Welt in der Sprache ausdrückt, daß die Integrität der Sprache das Maß der Integrität eines Individuums, einer Gesellschaft ist und integre Sprache die schärfste Waffe gegen Lüge und Korruption. Dies war die Grundlage seines lebenslangen einsamen Kampfes.

Vor hundert Jahren hat er ihn begonnen. Ein Zeichen dafür, wie wenig sich seither in Wien geändert hat, ist die Tatsache, daß dieses Ausstellungsprojekt dem Jüdischen Museum weder von der Stadt Wien noch von der Republik Österreich streitig gemacht wurde. Wien liebt seinen Karl Kraus ungefähr so wie seinen Sigmund Freud. Als Imagefaktoren für den Fremdenverkehr liebt es sie sehr. Daß Karl Kraus über Freud kritisch dachte (was oft, aber falsch als völlige Ablehnung dargestellt wird), ändert nichts an der Schande. Von Karl Kraus stammt übrigens einer der köstlichsten Aussprüche über Freud: Er habe in die Anarchie der Träume eine Verfassung eingeführt, "aber es geht darin zu wie in Österreich".

Wenn je ein Mensch seine finanzielle Unabhängigkeit in Unsterblichkeit umgemünzt, sie dafür verwendet hat, sich ein Denkmal zu setzen, dann er. Ein Denkmal aus Sprache. Aber hatte er ahnen können, was er in Gang setzte, für Österreich mit seiner Kultur des allgemeinen Fünfe-Grad-Sein-Lassens, aber auch für sich selbst?

Die Ausstellung "Was wir umbringen" und das im Wiener Mandelbaum-Verlag publizierte Katalogbuch bieten einen Überblick über Leben und Werk von Karl Kraus mit all seinen Widersprüchen, auch zwischen dem eigenen Sein und Bewußtsein, der großbürgerlichen Lebensgrundlage einerseits - und andererseits der Distanzierung von den älteren Brüdern, welche die Rendite seines Kapitalanteils am väterlichen Betrieb erwirtschafteten. Die Rigorosität hatte also eine solide materielle Basis. Sie wäre ohne Vermögen nicht durchzuhalten gewesen, er hätte den Kampf ohne es nicht einmal aufnehmen können, denken wir nur an die Anfangsinvestition in "Die Fackel": "Eines Tages, soweit das Auge reicht, alles - rot ... Auf den Straßen, auf der Tramway, im Stadtpark, alle Menschen lesend aus einem roten Heft ...!" schrieb Robert Scheu 1909 aus zehn Jahren Abstand über das Erscheinen der ersten Ausgabe. Es war ein Startschuß. Aber welche Entschlußkraft, welchen Mut muß es den Fünfundzwanzigjährigen gekostet haben, ihn zu setzen - auch wenn die materielle Basis vorhanden war. Er fand sofort großen Widerhall: Von der ersten Nummer wurden zwei Auflagen von insgesamt 30.000 Exemplaren verkauft - enorm viel, wenn man bedenkt, daß die Auflage der "Neuen Freien Presse" 55.000 Exemplare betrug. Die "Fackel" erschien zunächst dreimal im Monat, ihr Erfolg beruhte vor allem auf gut recherchierten Beiträgen über Fälle von Ungerechtigkeit, Korruption und Machtmißbrauch. In den ersten Jahren ließ Karl Kraus auch andere Autoren für "Die Fackel" schreiben, später nicht mehr. Jedes Heft stammte nun von der ersten bis zur letzten Zeile aus seiner Hand.

Der größte Teil seines Vermögens soll, als Karl Kraus starb, aufgezehrt gewesen sein. Aber "Die Fackel" bleibt. Wer in den fünfziger, sechziger, siebziger Jahren öfter in Wiener Antiquariaten stöberte, erinnert sich an die Herren verschiedenen Alters, die nach "Fackel"-Heften fragten, eines fanden, das ihnen fehlte, oder nicht, und wieder gingen. Eine vollständige Sammlung aller Nummern zählt heute zu den großen Raritäten, wird, wenn man sie für Ausstellungen verleiht, auf mehrere hunderttausend Schilling versichert. Der erste Reprint war nur für Bibliotheken erschwinglich. Die billige Massenauflage eines vollständigen Reprints in der deutschen "Edition 2001", der Fachleute prophezeit hatten, sie würde der Flop des Jahrzehnts werden, war in kürzester Zeit vergriffen. Er enthielt auch das "Ögg-Register" aller in der "Fackel" Erwähnten. Ein neues Projekt der wissenschaftlichen Erschließung der "Fackel" ist im Gange.

Ihre Ausstrahlung ist ungebrochen. Sie ist nicht nur, wie die alten Jahrgänge vieler Zeitschriften, historisches Studien-, sondern Kultobjekt. Die ethische Rigorosität Karl Kraus' wurde zum Maßstab der ethischen Rigorosität aller, die sich auf ihn berufen. Er war es, der die Integrität der Sprache zum Maßstab jeglicher Integrität erhob. Viele sahen ihn als selbsternannten Richter über die Einhaltung dieser Integrität, doch zum Wesen des Phänomens Karl Kraus gehört vor allem seine Anerkennung in diesem Richteramt durch eine wachsende Zahl von Zeitgenossen und schließlich durch die Nachgeborenen.

Die Ausstellung zeichnet seinen Weg nach: Vom jungen Theaterkritiker und Satiriker, der literarische Kontakte knüpft und drauf und dran ist, sich in die Szene, wie man heute sagen würde, zu integrieren, zum Herausgeber der "Fackel", zum Förderer und Mäzen junger Talente. Vom scharfsinnigen Satiriker des kaiserlichen Österreich zum fundamentalen Kritiker angesichts der Greuel und des Wahnsinns des Ersten Weltkrieges. Die Ausstellung zeigt - zu verstehen muß der Besucher selbst versuchen: Den Karl Kraus, der Österreich nichts schenkt, sich aber nur selten und zurückhaltend über die Weimarer Republik äußert. Dies, obwohl er zeitweise mehr in Berlin als in Wien ist. Den Karl Kraus, der die anpassungsfähigen Mediokritäten mit seinem Haß verfolgt - und den hilfsbereiten und treuen Freund derer, von denen er etwas hält: Als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen, lud er Bertolt Brecht zu einer Lesung nach Wien ein, zu der es nicht kam. Den Karl Kraus, dem zu Hitler nichts einfiel, den Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft, der aber mit den Sozialdemokraten nie konnte, den assimilierten Juden mit dem Wunsch, "dazuzugehören" (nicht zum Judentum), und dem zutiefst gespaltenen Verhältnis zum Judentum. Er war ein Mensch voll tiefer Widersprüche. Eine große Hilfe beim Versuch, ihn zu verstehen, ist das Katalogbuch.

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