Digital In Arbeit

Was gibt's eigentlich noch zu lachen?

1945 1960 1980 2000 2020

Der Fasching, Zeit der Ausgelassenheit und des Humors. Aber welche Rolle spielt das Lachen in einer Gesellschaft, in der der einzelne sich immer wichtiger nimmt?

1945 1960 1980 2000 2020

Der Fasching, Zeit der Ausgelassenheit und des Humors. Aber welche Rolle spielt das Lachen in einer Gesellschaft, in der der einzelne sich immer wichtiger nimmt?

Wir amüsieren uns zu Tode" betitelte Neil Postman sein Buch über das Zeitalter der Unterhaltungsindustrie. Spielen beim Begriff der Unterhaltung Humor und Lachen nach wie vor eine wichtige Rolle? Hat der Mensch unserer Tage überhaupt noch etwas zu lachen, wenn von ihm in zunehmendem Maße Aktion, Mobilität und Perfektion verlangt wird?

Schon im Jahr 1963 sprach der Schweizer Theologe Karl Barth vom "nahezu apokalyptischen Ernst unserer Zeit". Dieser von Barth signalisierte Mangel an Gefühl für Humor scheint sich heute leider bereits vielerorts zu zeigen. Die Anforderungen der Zeit scheinen wenig Raum für Spiel und Phantasie, für Kreativität und Humor zuzulassen. Unsere Gesellschaft wird vom Leistungsprinzip beherrscht, sie ist fundamental aktivistisch und daher nicht sehr auf Witzemachen und Lachen eingestellt. Rationalität und Effizienz, Objektivität und Neutralität sind heute Prioritäten unseres geistigen Klimas.

All dies ist sicherlich kein geeigneter Nährboden für lebendigen Humor. Dazu kommt, daß wir in einer Zeit der Slogans und Schlagzeilen, der Klischees und Platitüden leben. Der moderne Mensch scheint sich selbst auch ganz besonders ernst zu nehmen. Wer aber nicht über sich selbst lachen kann, kann das auch nicht mit anderen tun. Der niederländische Soziologe Anton C. Zijderveld nennt in seinem Buch "Humor und Gesellschaft" auch die Sucht nach Macht und Prestige als hemmende Faktoren für ein mögliches Gedeihen des Humors. "Auf dem Weg zur Macht wird sehr wenig gelacht. Die letzten Reste von Humor werden von der Kritik und den Verleumdungen der Gegner, sowie zuletzt auch vom eigenen Zynismus vernichtet. Was die Sucht nach Prestige betrifft, so wissen wir alle, daß die moderne Gesellschaft vom Leistungsprinzip beherrscht wird. Der Mensch unserer Tage muß produzieren, arbeiten, handeln und tun. All das geschieht in den Strukturen einer alles durchdringenden Konkurrenz. Konkurrenz ist nicht nur eine ökonomische Technik zur Steigerung der Produktion, sie ist auch ein allgemeines Ethos, das tief in die psychologische Konstitution des modernen Menschen eindringt. Es beeinflußt sein Denken und Fühlen, seine Taten, Wünsche und Träume. Es ist nur allzu deutlich, daß diese Sucht nach Prestige und dieses Ethos der Konkurrenz der Entwicklung naiv-menschlichen Humors im Wege stehen: Auf seinem verbissenen Weg zum Erfolg kann der moderne Mensch es sich nicht erlauben, seine Zeit mit Humor und Lachen zu vertun. Wird doch einmal gelacht, dann durchwegs auf Kosten der anderen, nämlich der Konkurrenten". An anderer Stelle meint Zijderveld: "Neben dem Willen nach Macht und nach Prestige steht noch ein dritter Faktor einem gesunden, natürlichen Humor im Wege: Seine Kommerzialisierung. Jahrhundertelang gab es Berufshumoristen, die mit ihren Scherzen ihr Brot verdienten. Sie waren aber in gewissem Sinne immer Außenseiter, Parias, die an den Grenzen des kulturellen Systems lebten, und die, die zum System gehörten, mit Alternativen konfrontierten. Ihre wichtigste Funktion war es, den Menschen in seiner alltäglichen Selbstverständlichkeit mit einer Welt und einer Wirklichkeit zu konfrontieren, die ganz anders ist. Durch die Kommerzialisierung des Humors im Showbusiness, Radio, Film und vor allem im Fernsehen ist der Berufshumorist längst kein Fremdling mehr, der an der Grenze lebt, sondern ein Lieferant populären Humors. Da es ihm vor allem ums Geld geht, ist sein Humor immer auf den Geschmack des Durchschnittspublikums abgestimmt. Ein derart kommerzialisierter Humor ist notwendigerweise salzlos und ohne Pfiff. Am besten wird diese Art des kraftlosen Humors durch das sogenannte ,canned laughter' in amerikanischen Fernsehshows symbolisiert, wo die im voraus auf Tonband aufgenommenen Lachsalven angeben, wann etwas Witziges gesagt oder getan wurde. Von den passiven Zuschauern erwartet man nur noch, daß sie dieses Lachen mitdenken. Das Lachen wird sozusagen fix und fertig mitgeliefert."

"Unverschämtes TV" Vicco von Bülow, alias "Loriot", bestens bekannter deutscher Humorist und Karikaturist, sprach in der Wochenzeitung "Gala" vor kurzem sogar über "das Ende der Unterhaltungskultur". Auf die Frage, warum er sich in Film und Fernsehen neuerdings rar mache, meinte er im Interview: "Ich bin des erbarmungslosen, unkultivierten Tempos im Unterhaltungsgeschäft müde, ein Tempo, das man fälschlicherweise mit temperamentvoll gleichsetzt. Etwa im Fernsehen: Diese permanenten Unterbrechungen des Programms durch Werbung, durch Ankündigungen von Filmen und Serien finde ich grauenvoll. Diese Unverschämtheit gegenüber dem Zuschauer, indem man ihm unterstellt, er wolle diesen Werbezirkus! Ich meine, der Zuschauer muß erst zum äußersten Mittel greifen und den Fernseher einfach abschalten. Erst dann wird es den Programm-Machern wohl klar werden, was sie für ein Verbrechen gegenüber dem guten Geschmack begehen."

Neil Postman kritisiert am (amerikanischen) Fernsehen, daß es nur daran interessiert sei, jegliche Darstellung von Erfahrungen und Erlebnissen im Hinblick auf Unterhaltung zu liefern. Der Fernsehapparat sichere wohl eine ständige Verbindung zur Welt, er tut dies allerdings mit einem durch nichts zu erschütternden Lächeln auf dem Gesicht. Problematisch am Fernsehen ist nicht, daß es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, daß es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.

Im Herbst 1997 fand in Luzern ein Symposion zum Thema "Worüber amüsiert sich der Mensch?" statt. Der Kulturpublizist Franz Schuh, der Schweizer Psychotherapeut Peter Hain und Uwe Wirth von der Universität Frankfurt hinterfragten das Unterhaltungsbedürfnis unseres Kulturkreises. Franz Schuh: "Vernünftige Menschen liefern sich nicht der Spontaneität einer nicht kontrollierbaren körperlichen Regung wie der des Lachens aus. Es ist auch nicht uninteressant zu beobachten, daß das Lachen früher vor allem Hexen und Teufeln zugeschrieben wurde. Ist es die Triumphgebärde des sozial und metaphysisch stärkeren Wesens? Heißt das, daß es eine Marginalisierung und Diskriminierung des Lachens gibt?" Einig war man sich beim Symposion in Luzern, daß dem Lachen in der philosophischen Tradition unserer Kultur hohe Bedeutung zukommt.

Nonsense tut gut Sehr im Gegensatz zu den pessimistischen Perspektiven eines Postman und Loriot, begrüßen einige Intellektuelle unserer westlichen Kultur die Ausbreitung des öffentlichen Lustigseins. Sie sehen in der "Nonsense-Produktion" eine Entlastung des Menschen von der ständig von ihm geforderten Sinnproduktion. Nach einer anstrengenden Dauerreflexion des kritischen Bewußtseins verschafft freiwilliger Niveauverlust wieder "Luft zum Atmen."

Peter Hain beschrieb in Luzern an Hand eines Fallbeispiels die nicht zu unterschätzende heilende Wirkung des Lachens: ein renommierter USJournalist und Chefredakteur der Wochenzeitung "Saturday Review" erkrankte 1964 an einer äußerst schmerzhaften, degenerativen Knochenkrankheit namens Spondylarthritis, die eine Versteifung der Wirbelsäule mit zunehmender Bewegungsunfähigkeit nach sich zieht. Heilungschancen: 1:500.

Der Kranke weigerte sich jedoch, ein endgültiges Schicksal zu akzeptieren, und zog, bereits bewegungsunfähig, vom Spital in ein Hotel um. Er verordnete sich, in Zusammenarbeit mit seinem Arzt, hohe Dosen an Vitamin C, und zusätzlich als einzige weitere Medikation: Lachen. Er stützte sich auf seine persönliche Vermutung, daß, wenn negative Emotionen und Einflüsse krank machen können, positive heilen. Er ließ sich, bereits komplett ans Bett gefesselt, Filme und Witze seiner Lieblingskomiker vorspielen und vorlesen - bis zu seiner vollständigen Genesung. Er lachte sich, im wahrsten Sinne des Wortes, gesund.

Die Humorforschung hat, schon vor diesem bekannt gewordenen Fall einer Selbstheilung wissenschaftlich nachgewiesen, daß Humorreaktionen unser Immunsystem positiv beeinflussen, den Schmerz reduzieren, die Durchblutung und Verdauung fördern und dabei helfen, den Blutdruck zu senken.

Man sollte daher - aller pessimistischen Prognosen zum Trotz - zu dem Schluß kommen, daß Lachen und Humor als befreiende und humanisierende Kraft in unserer Gesellschaft einen wichtigen Platz einnehmen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau