Rabbiner Walter Homolka warnt davor, ethisch gesichertes Gelände leichtfertig zu verlassen, die Philosophin Simone Dietz will genau darin a priori nichts Verwerfliches erkennen.

Die Furche: Wann haben Sie zuletzt gelogen?

Simone Dietz: Ich finde es überraschend, dass Sie glauben, dass ich darauf jetzt ehrlich antworten werde. Ich habe gelogen, weil ich etwas nicht offen sagen wollte - und das werde ich auch Ihnen jetzt nicht erzählen.

Walter Homolka: Da sind wir uns einig. Man muss die Menschen nicht mit der Wahrheit belästigen, wenn es um einen bestimmten Höflichkeitsrahmen geht, der gerade in Österreich eine große Rolle spielt. Deswegen sage ich es Ihnen auch nicht.

Die Furche: Was ist für Sie eine richtige Lüge?

Homolka: Lüge fängt da an, wo es darum geht, anderen zu schaden, wo durch eine Fehlinformation jemandem anderen Unrecht geschieht. Die größte Lüge aber ist die üble Nachrede - weil sie eine nicht zurückholbare Tötung des guten Rufes eines anderen darstellt.

Dietz: Ich würde Lüge nicht moralisch definieren. Für mich ist sie zunächst eine bestimmte sprachliche Handlungsweise. Ich bezeichne Lüge als eine verdeckt unwahrhaftige Behauptung, die bestimmten weiterreichenden Absichten dient. Über diese Absichten kann man dann streiten, wie man die moralisch bewertet. Da spielt natürlich auch der jeweilige Kontext eine Rolle. Aber ich halte es nicht für sinnvoll, beim Begriff der Lüge selbst schon die moralische Beurteilung vorwegzunehmen.

Die Furche: Wie würden Sie das eben genannte Beispiel der üblen Nachrede bewerten?

Dietz: Wenn jemand über einen anderen bewusst und mit böser Absicht etwas Falsches sagt, dann ist das natürlich zu verurteilen. Es gibt aber auch, etwa in den Medien, Enthüllungen über Personen aus Sensationsgier, die deren Ruf schaden, die sich aber als richtig herausstellen. Das Problem ist dann die Veröffentlichung, die eine Art von übler Nachrede darstellt, aber keine Lüge enthält.

Die Furche: Aus der Geschichte und der Literatur kennen wir den Heroen, der um jeden Preis, und sei es der eigene Tod, für die Wahrheit eintritt. Man könnte auch an Luthers "Hier steh' ich und kann nicht anders" erinnern. Ist dieser Typus heute obsolet?

Homolka: Nein, überhaupt nicht. Die Leute, die im Mittelalter für die Wahrheit auf dem Scheiterhaufen gestorben sind, die würden heute in einer Talkshow landen. Für mich ist es ein großes Problem, die Moralfreiheit zu betonen, weil ich glaube, dass gerade in der heutigen Lebenswelt eine ganz klare, strikte moralische Betrachtung der Dinge notwendig ist. Das ist natürlich nicht immer bequem, aber es hat etwa in der evangelischen Theologie den Erfolg Karl Barths im Dritten Reich ausgemacht. Das hat einigen Menschen geholfen, nicht in die Lüge verstrickt zu Boden zu gehen, sondern das zu tun, was Gott von uns erwartet: wahrhaftig zu sein, weil das uns IHM ähnlicher macht. Daher halte ich eine wertfreie Betrachtung der Lüge geradezu für eine Sünde.

Dietz: In vielen Fällen macht man es sich mit ganz eindeutigen Positionen auch sehr leicht. Die moderne Variante des Luther-Spruchs kann auch lauten: "aus dem Bauch heraus". Und das heißt dann, dass man sich gar nicht mehr die Mühe macht, über bestimmte Ansprüche, die an einen gestellt werden, nachzudenken, anderen gerecht zu werden, Situationen ernst zu nehmen - sondern man ist einfach "authentisch". Dahinter kann aber auch ein ungeheurer Egoismus stecken, den man womöglich noch für eine Tugend hält.

Die Furche: Würde der heutige Mensch nicht eher sagen: "Hier steh' ich, aber ich kann auch ganz anders"?

Homolka: Das Mäntelchen nach dem Winde zu hängen, ist durchaus ein Volkssport geworden. Und um dem zu widerstehen, ist ein bestimmtes Training nötig. Das Leben eines religiösen Menschen ist, glaube ich, eine Art Selbstwerdung - und dafür brauche ich ein Idealbild, an dem ich mich ausrichte. Für mich geht es darum, dass ich als Mensch meinen Freiheitsspielraum so nutze, dass ich nicht in die Irre gehe; und die Lüge ist der Weg in die Irre, nicht nur für den anderen, sondern auch für mich selbst. Das ist der Unterschied meiner Position zu der von Frau Dietz.

Dietz: Wir haben da gar keinen Unterschied, weil Sie mit "Lüge" etwas ganz anderes meinen - nur was das ist, finde ich nicht heraus. Mir scheint, für Sie ist "Lüge" einfach ein Platzhalter für das Schlechte, das Böse, die Ferne zu Gott und zu sich selber. Was das aber im Konkreten jeweils ist, das muss bei Ihnen jeder für sich herausfinden, und das könnten wir dann auch "Fizzlipuzzli" nennen. Um das geht es Ihnen gar nicht. Von Bedeutung ist für Sie die prinzipiell negative Bewertung der Lüge an sich. Damit machen Sie aber den Begriff der Lüge richtig groß. Ich hingegen bin eher für eine Deeskalationsstrategie: Bezeichnen wir die Lüge doch einfach als sprachliche Handlungsform, und dann können wir über die großen Thema der Moral reden.

Homolka: Nein, ich denke, dass durch eine moralisch neutrale Bewertung der Lüge dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet werden. Daher halte ich es für wichtig, eine Warntafel aufzustellen, dass man mit der Lüge das gesicherte Gelände verlässt. Nun kann man natürlich sagen, solange man nicht abstürzt, kann man das tun. Sicher, es ist eine freie Entscheidung. Aber ich glaube, dass die Lüge eine sehr tückische Kraft ist, nicht umsonst zählt sie im Judentum zu den schwersten Sünden überhaupt. Sie verführt dazu, immer weiter in das Lügengebäude hineinzugehen. Deswegen sagt die Tradition, du sollst dich von der Lüge fernhalten, du sollst dich nicht einmal mit ihr beschäftigen. Das klingt in heutigen Ohren sehr apodiktisch, aber es hat etwas für sich. Denn die moderne Spaßgesellschaft relativiert alles so sehr, dass die Gefahren nicht gesehen werden. Daher halte ich an dieser strikten Sicht fest, dass das moralische Handeln uns Gott näher führt und das unmoralische Gott ferner.

Dietz: Was die Unterscheidung zwischen dem Moralischen und dem Unmoralischen angeht, sind wir uns ja vielleicht einig, auch wenn ich nicht von "Gott" reden würde. Aber ich glaube, Sie versprechen einfach etwas Falsches: dass man sich nur von der Lüge fernhalten müsse, um auf dem Weg des Guten zu sein. Das genau ziehe ich in Zweifel. Wenn ich schon Grundregeln formuliere, damit die Menschen wissen, woran sie sich im Alltag orientieren können, dann würde ich nicht von Lüge und Wahrheit sprechen, sondern anderes nennen: Nächstenliebe, Respekt vor der Freiheit des anderen beispielsweise.

Homolka: Mir hat sehr gut gefallen, dass Sie die Lüge als Eingriff in die Freiheit des anderen bezeichnet haben (im Rahmen des Vortrags beim Philosophicum; Anm.)...

Dietz: ... ich glaube nur auch, dass es Situationen gibt, in denen diese Freiheit den anderen überfordert - und dann kann es sehr schnell unbarmherzig werden. Deswegen ist auch die Freiheit des anderen kein absolutes Argument gegen die Lüge.

Die Furche: Wie lässt sich entscheiden, ob eine Lüge gerechtfertigt ist?

Dietz: Das muss jeder für sich herausfinden, Moral gibt es nicht als allgemeines Rezept.

Homolka: Solche Ausnahmen kennen wir auch im Judentum. Wir wissen natürlich, dass Menschen, die immer glauben, die Wahrheit sagen zu müssen, sich letztlich auf dem Weg zum sozialen Tod befinden. Ich glaube, in vielen Situationen kann man einfach auch schweigen; man muss und kann nicht immer die gesamte Realität eins zu eins abbilden. Aber was das Grundsätzliche betrifft, möchte ich noch hinzufügen, dass es nicht nur um die Freiheit des anderen geht, sondern auch um meine eigene Freiheit. Indem ich lüge, beschränke ich meine Freiheit, ich mache aus ihr nicht das, was Gott von mir erwartet.

Die Furche: Sind absolute Wahrheitsansprüche, unbedingte Forderungen wie das Gebot "Du sollst nicht lügen" nur religiös begründbar?

Homolka: Ich denke, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, das herzuleiten, etwa von der Verhaltensbiologie: dass ein soziales Gefüge nicht durch Lüge aufrechtzuerhalten ist und Lüge daher Sanktionen nach sich zieht.

Dietz: Wir brauchen meines Erachtens weder die Biologie noch die Religion, um moralische Grundsätze zu begründen. Die Frage ist dabei natürlich, was Sie unter "Religion" verstehen. Wenn mein Credo die Freiheit, die Gleichheit und die Gerechtigkeit sind, dann können Sie das "religiös" nennen. Das wäre dann, wenn Sie so wollen, meine republikanische Religion, von der ich meine Grundsätze herleite.

Homolka: Es macht aber schon einen Unterschied, ob ich ein transzendentes Modell habe, in dem es einen absoluten Bezugspunkt gibt, oder ein immanentes, selbstbezügliches Modell, wo ich letztlich immer nur mich selbst im Spiegel sehe und nur mich als Bezugspunkt habe.

Dietz: Ist aber die Gottebenbildlichkeit nicht auch ein selbstbezüglicher Begriff, nur dass Sie da mit anderen Instanzen denken? Sie haben ja immer zwei Instanzen - sich selbst und den Anspruch, dem Sie genügen wollen. Der Unterschied ist, dass der nichtreligiöse Mensch weiß, dass er dieses Andere selbst setzen muss, dass ihm das nicht vorgegeben ist. Aber die Unterscheidung zwischen dem Ideal und dem Konkreten, dem zu Realisierenden, das hat auch der, der nicht an Gott glaubt.

Homolka: Das stimmt. Aber entscheidend für das Verständnis des Judentums ist die klare Trennung von wahr und falsch, gut und böse. Und erst danach kann ich sagen: In bestimmten Situationen ist eine Abwägung verschiedener Interessen angebracht - was auch in Extremfällen heißen kann, dass das Wahrheitsgebot aufgehoben ist: Not bricht das Wahrheitsgebot.

Das Gespräch moderierte Rudolf Mitlöhner.

Simone Dietz, geb. 1959, ist Professorin für Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Walter Homolka, geb. 1964, ist Rektor des Europäischen Rabbinerseminars an der Universität Potsdam und Gouverneur der Weltunion für progressives Judentum.

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