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Das mögliche Gespräch

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Muslime und Christen haben miteinander zu reden. Hinter verschlossenen Türen. Aber nicht nur dort.

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Muslime und Christen haben miteinander zu reden. Hinter verschlossenen Türen. Aber nicht nur dort.

Der Beginn war ein Staatsakt: zwei Außenminister (Österreichs und Schwedens), ein Religionsminister (Ägyptens), zwei Abgesandte (des Königs von Marokko und des Heiligen Stuhls); zwei Erzbischöfe (ein orthodoxer Metropolit aus dem Libanon und Kardinal König) kamen, sprachen und eröffneten letzte Woche die Zweite christlich-islamische Konferenz in Wien.

Tags darauf versammelten sich über dreißig christliche und islamische Gelehrte hinter verschlossenen Türen und berieten über „Eine Welt für alle", also darüber, wie verschiedene Kulturen in einer Gesellschaft zusammenleben können. Schon vor vier Jahren hatten sich (teilweise dieselben) Wissenschafter in Wien ge-

troffen, damals war „Friede" das Thema. Spärlich flössen die Informationen aus den Konferenzsälen, bei den beiden Pressekonferenzen blieben viele Fragen unbeantwortet, vor allem wenn sie sich auf die Konkretion im politischen Alltag bezogen: Wie ist das mit einem „wehrhaften Christentum" gegen den Islam? Wie können die Religionen in einer Stadt wie Jerusalem zusammenleben? Wie in Albanien oder in Ex-Jugoslawien?

Ein Gelehrtendisput ohne Relevanz für die brennenden Probleme? Andreas Bsteh, Religionswissenschafter und Organisator, legte Wert auf die Feststellung, daß kein Teilnehmer als Repräsentant einer Gruppierung oder Religion eingeladen sei. Bsteh begegnete damit auch Vorwürfen von Österreichs Muslimführung, die sich beschwerte, nicht einbezogen worden zu sein.

Trotz dieser Maßnahmen blieb die Politik nicht außen vor: Ayatollah Sayyed M. Khamenei, Bruder des geistlichen Führers im Iran, war nicht er-

schienen - offenbar in Zusammenhang mit dem Wiener Kurdenmord-Disput.

Allemal Diskussionsstoff barg sein schriftlich vorgelegtes Referat, in dem Khamenei den „Säkularismus" als eines der Übel der Welt brandmarkt: „Auf der Basis der kolonialistischen und feindlichen Politik des Säkularismus wird niemals ein wahrer Pluralismus erreicht." Und: „Doch der Glaube an den mächtigen Gott läßt uns hoffen, daß die himmlischen Religionen einander die Hand reichen, um den Menschen eine einheitliche, den Säkularismus überwindende Kultur zu schenken."

Aus der Konferenz selbst verlautete, daß elauch von muslimischen Teilnehmern eindeutige Stellungnahmen gegen diese Position gegeben habe. Insbesondere scheint die Ablehnung der Aufklärung, die aus obigen Worten spricht, zumindest im Diskurs stark relativiert zu werden.

Aber was bewirkt das Gespräch ausgewählter Wissenschafter für wirkliche Offenheit und den Pluralismus, der Thema der Gespräche war? Einer der Teilnehmer, der Politologe Heinrich Schneider, vergleicht die Begegnung in Wien mit seinen Erfahrungen aus dem christlich-marxistischen Dialog, wie er vor dem Zusammenbruch des Kommu-n ismus geführt wurde. Parallelen drängen sich auf: Auch in jener Zeit gab es Konferenzen, die wenig Greifbares ergaben. Aber, so Schneider, zu einigen dieser Treffen kamen auch die „bunten Vögel" beider Seiten, außerdem habe sich nach der „Wende" herausgestellt, daß entmutigte Dialogpartner auf marxistischer Seite bestärkt wurden, weiterzumachen.

Andere, „offiziösere" Veranstaltungen zum christlichmarxistischen Dialog, waren, so erinnert sich Schneider, von Vereinnahmungstendenzen vor allem der Sowjetunion geprägt: Man wollte Verbündete für den „antiimperialistischen Kampf" gewinnen. Ans „Eingemachte" ging es dabei nie.

Auch im christlich-islamischen Dialog gibt es bisweilen etwas wie Vereinnahmung. Schneider berichtet von einer Dialog-Konferenz in Teheran 1996, wo es auch das Bestreben der Gastgeber gab, die eigene Position in gutes Licht zu rücken.

Die Teheraner Konferenz war aber vor allem, so Schneider, doch anderen Geistes, die Wiener Tagung erst recht: Schnell sei man in beiden Fällen ans „Eingemachte" gegangen, habe nichts ausgespart. Sind Christen tatsächlich so gläubig, daß man mit ihnen über Gott und die Welt reden könne? Das etwa sei eine Frage, die Muslime bewege.

Insofern hat auch eine Veranstaltung wie die Wiener Konferenz einen ernsten Hintergrund. Ob konkrete politische Konsequenzen daraus sichtbar werden, läßt sich nicht abschätzen - aber daß ein weltweites Netz von Gesprächspartnern beider Religionen existiert, ist doch eine Basis.

Ein Vorschlag der Konferenz, formuliert vom Tunesier Mohamed Talbi, lautet, zusätzlich zur Erklärung der Menschenrechte eine „universelle Erklärung der Menschen-

pflichten" zu formulieren. Ein ethischer Pflichtenkatalog soll also dem Grundkonsens der Menschenrechte beigefügt werden. Heinrich Schneider betont aber, dieser Vorschlag gehe davon aus, daß es für die Menschenwürde, das heißt auch für die Menschenrechte, keinerlei Voraussetzungen geben darf: auch wer kein tugendhaftes Leben .führt, hat Menschenwürde. Die Konferenz hat, so Schneider, sich diese Interpretation zu eigen gemacht. Der nicht angereiste

Ayatollah Khamenei würde das wohl anders sehen: „Der Pluralismus darf nicht im Widerspruch zu den Grundprinzipien der Beligionen und zur Offenbarung des Koran stehen", steht in seinem Referat.

Noch ein Thema ist wichtig: Lena Hjelm-Wallen, Schwedens Außenministerin, betonte bei der Eröffnung das Anliegen der „Reziprozität": „Wenn wir Muslime in Europa willkommen heißen, müssen wir die Notwendigkeit des Schutzes und der Rechte der - christlichen und anderen - Minderheiten unterstreichen, die in is lamischen Ländern zu respektieren sind." Berichte aus dem Sudan, aus Ägypten oder dem Iran zeigen, daß hier viel erreicht werden muß, hoffentlich bevor die Minderheiten endgültig marginalisiert sind. Khamenei nahm auch zu diesem Problem schriftlich Stellung: In islamischen Ländern hätten viele Christen und Juden den Posten eines Ministers, Abgeordneten und dergleichen bekleidet, „wogegen es in keinem der westlichen Länder muslimische Minister oder Abgeordnete gibt".

Nicht nur, daß diese Behauptung falsch ist: Es muß auch darüber geredet werden, daß die „Qualität" der Behinderungen religiöser Minderheiten im Westen weniger bedrohlich ist als die Lage in bestimmten islamischen Gesellschaften. Auch auf dem Gebiet der Religionen und Kulturen ist die Globalisierung Bestandteil gegenwärtigen Lebens: So schwebt über den lokalen Problemen diese Dimension mit. Das heißt, sogar das Verhältnis von Muslimen und Nichtmus-limen in Österreich kann nicht diskutiert und gelöst werden, ohne die weltweiten Vernetzungen im Auge zu haben.

Gespräche wie die Wiener Konferenz mögen ein Mosaikstein für ein farbiges Zukunftsbild einer Welt der Kulturen sein. Der in Wien anwe-

sende iranische Theologe Modj -tahed Schabestari äußerte sich in einem Interview im „Stan dard": „Was als Koran auf uns gekommen ist, ist in menschlicher Sprache ausgedrückt, und Sprache kann nicht ohne Baum und Zeit sein. Als sol ches müssen wir mit ihm umgehen und ihn interpretieren."

Solcher Bede kann man auch im Westen folgen. Wenn sich das Gespräch auf diese Ebene hinbewegt, wird die Auseinandersetzung der Religionen und Kulturen zu einem Dialog. Ob die Politiker oder die Beligionsführer das beherzigen, ist die Gretchenfrage einer Zukunft der Zivilisation.

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