Interview Sultan Qabus - © Foto: Privat
International

„Um den Oman brodelt, kracht es“

1945 1960 1980 2000 2020

Der Oman befindet sich im Umbruch. Die Modernisierung schreitet voran. Ein Gespräch mit FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer über das vermutlich stabilste Land der islamischen Welt.

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Der Oman befindet sich im Umbruch. Die Modernisierung schreitet voran. Ein Gespräch mit FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer über das vermutlich stabilste Land der islamischen Welt.

Der Oman befindet sich im Umbruch. Die Modernisierung schreitet voran. Ein Gespräch mit FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer über das vermutlich stabilste Land der islamischen Welt.

Oman - © Fotos: Wolfgang Machreich
© Fotos: Wolfgang Machreich

Zum ersten Mal war FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer vor 50 Jahren im Oman. Im Rahmen der FURCHE-Leserreise hat er das Land heuer wieder besucht -ein Gespräch über Vergangenheit und Zukunft dieser "Oase der Stabilität" in Nahost.

DIE FURCHE: Professor Nußbaumer, Sie haben heuer im Rahmen einer FURCHE-Leserreise den Oman besucht. Sie kennen das Land seit Jahrzehnten, haben seinen Weg aus dem vom Vorgänger-Sultan verordneten Mittelalter in die Gegenwart mitverfolgt. Gibt es etwas, was Sie bei Ihrem Besuch noch überraschen konnte?

Heinz Nußbaumer: O ja, Aufbruch überall -technisch, geistig, auch kulturell. In der prachtvollen Oper von Muscat etwa haben wir heuer Verdis "La Traviata" unter Placido Domingo gesehen. Da gehört schon Mut dazu, in einem islamischen Land Verdis Oper um eine Kurtisane spielen zu lassen. Und mehr als überrascht hat uns, dass Omans oberster Kulturchef, ein alter Freund, uns FURCHE-Leser zum festlichen Abendessen in den Ausgrabungen des Hafens der Königin von Saba geladen hat.

DIE FURCHE: In Le monde diplomatique erschien ein Artikel über Sultan Qabus mit dem Titel "Mehr Diplomat als Demokrat". Sie hatten einmal Gelegenheit, den Sultan persönlich kennenzulernen. Würden Sie LMD zustimmen?

Nußbaumer: Ja -um aber zwei Sätze hinzuzufügen: Erstens ist es unglaublich, wie sehr der Diplomat Qabus die brisante Lage des Oman als unmittelbarer Nachbar der Erzfeinde Saudi-Arabien und Iran und des furchtbaren Jemen-Kriegs für eine Politik der Vermittlung und der "Feindlosigkeit" und damit als Stabilitätsfaktor nützen konnte. Zweitens: Demokratie in unserem Sinn hat in dieser Weltgegend keinerlei Wurzeln -und die Stammeskriege und politischen Begehrlichkeiten auf der Arabischen Halbinsel sind noch lange nicht vergessen. Ein halbwegs aufgeklärter Herrscher, den sein Volk verehrt, ist dort noch immer ein Glücksfall.

DIE FURCHE: Heißt, die alte Streitfrage -die Sie unlängst in Ihrer Kolumne "Nußbaumers Welt" beschrieben -ob eher Personen oder doch die sozialen Umstände den Lauf der Geschichte bestimmen, lässt sich im Fall Oman beantworten: "It 's the Sultan, stupid!"

Nußbaumer: Das eine stimmt -und das andere auch. Ich kenne Völker, die leben und überleben dank weiser Herrscher: Jordanien hat unter König Hussein den nahöstlichen Wahnsinn überlebt. Tibets Freiheitstraum lebt dank der Liebe zum exilierten Dalai-Lama. Und der Oman hat dank einer weisen Machtausübung die Schrecken der Vergangenheit überwunden. Aber Weisheit heißt auch, dass die politische Führung den Menschen einen sozialen Aufstieg ermöglicht. Laut UNO ist der Oman das Land, das in den vergangenen Jahrzehnten den größten "Sprung vorwärts" geschafft hat. Durch Frieden, Erdöl und neu belebtes kulturelles Selbstbewusstsein.

DIE FURCHE: Wie geht es weiter? Sehen Sie das Land auf einen Nachfolger vorbereitet? Und andersrum: Kann irgendjemand in derart große Fußstapfen steigen?

Nußbaumer: Das ist die momentan heikelste Frage. Als ich den Sultan im Jahr 1971, bald nach seiner Machtübernahme, getroffen habe -und wir gemeinsam Mozart gehört haben -, waren wir beide junge Männer. Inzwischen sind Jahrzehnte vergangen. Qabus musste 2014/15 zur Krebsbehandlung nach Deutschland. Angeblich geheilt, hat ihn sein Volk begeistert wieder empfangen. Aber sein 80. Geburtstag ist nahe -und die Nachfolge ist nach wie vor ungeklärt. 85 Familienmitglieder sind angeblich auf der weiteren Kandidatenliste. Der unverheiratete, kinderlose Herrscher vertraut im Todesfall zunächst einem einhelligen Votum des Familienrates -gelingt das nicht, liegt ein Brief mit seinem persönlichen Willen in der versperrten Schublade seiner Schreibtische in Muscat und der Provinz-Metropole Salalah. Niemand vermag freilich heute zu sagen, welches Gewicht seine Wahl über den Tod hinaus haben wird -und wieweit die mächtigen Nachbarn dann allen Versuchungen widerstehen werden, politisch mitzumischen.

DIE FURCHE: Frei nach Schiller: Es kann das stabilste Land nicht in Frieden leben, noch dazu in dieser Region, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt. Wie beurteilen Sie die Gefahr, dass ein Oman ohne Sultan Qabus zum strategischen Spielball der Nachbarn werden könnte?

Nußbaumer: Die Zukunft ist immer offen. Das war auch beim Machtantritt des Sultans 1970 so. Alles hätte auch schiefgehen können. Es waren vor allem die Briten, die damals zum Sturz des alten Sultans beigetragen und das weit zurückgebliebene Land am Eingang zum Welterdölzentrum politisch-militärisch vor der marxistischen Revolution gerettet haben. Qabus war ihre Wahl, als das Land verloren schien -er war von ihnen für sein kommendes schweres Amt ausgebildet worden. Heute ist es ein wichtiges Motiv für den Sultan, den Herrschern im Mittleren Osten deutlich zu machen, dass ein stabiler Oman für alle ein Gewinn und Segen ist -und bleibt. Was zuletzt aufgefallen ist: Die Präsenz der USA auf omanischen Stützpunkten ist stärker geworden. Wenn man will, kann das als ein Versuch gelten, der Stabilität des Landes einen verstärkten Rückhalt zu sichern. Denn rundherum brodelt und kracht es.

Laut UN ist der Oman das Land, das in den vergangenen Jahren den größten ‚Sprung vorwärts‘ geschafft hat. Durch Frieden, Erdöl und kulturelles Selbstbewusstsein.

DIE FURCHE: Der Oman etablierte sich als Vermittler in Nahost -der omanische Außenminister Yousuf bin Alawi bin Abdullah erklärte bei einem Wien-Besuch Mitte April, er sehe nach den israelischen Wahlen eine Chance für einen Friedensschluss zwischen Israel und den Palästinensern. Teilen Sie diesen Optimismus?

Nußbaumer: Diese Hoffnung teile ich gerade angesichts der aktuellen Eskalation der Gewalt zwischen der Hamas und Israel leider nicht. Es ist wahr: Der wiedergewählte Regierungschef Israels, Netanyahu, könnte sich, neu bestätigt, zwar einen mutigen Schritt leisten. Und die Palästinenser müssten eigentlich wissen, dass ihnen bei Fortbestand der gegenwärtigen Lage kaum noch eine reale Aussicht auf ein eigenes Heimatland bliebe. Also: Nichts spräche gegen mehr Ambitionen, Frieden zu machen. Aber Israels Premier ist seiner Wählerschaft verpflichtet, die andere Interessen hat -und den Palästinensern fehlt jede Geschlossenheit und eine entscheidungsfähige Führung. Dazu ist die arabisch-islamische Welt derzeit tief zerrissen. Das große Amerika präsentiert sich unter Trump nicht als fairer, neutraler Vermittler. Und Europa fehlt jegliches außenpolitisch-militärische Gewicht. Kurzum: Mein Möglichkeitssinn ist nach mehr als einem halben Jahrhundert großer Nähe zum nahöstlichen Drama und nach dem Erlebnis so vieler vertaner Friedenschancen weitgehend aufgebraucht. Wie gerne würde ich mich irren!

DIE FURCHE: Und abschließend noch aufs Wiener internationale politische Parkett: Beim angesprochenen Besuch des omanischen Außenministers kündigte Außenministerin Kneissl die baldige Wiedereröffnung einer österreichischen Botschaft in Muscat mit Zuständigkeitsbereich auch für den Jemen an. Ich nehme an, Sie begrüßen diese Entscheidung sehr - warum?

Nußbaumer: Mit meiner Freude dürfte unsere Außenministerin in diesem Fall fix rechnen. Ich habe ja noch die Zeiten einer rotweißroten Botschaft in Muscat - und die daraus erwachsenden Erfolge in Wirtschaft, Kultur usw. - miterlebt. Und ich weiß um die Enttäuschung des Sultans (der übrigens am Wiener Kahlenberg noch ein Haus hat und den gerade die österreichische Musik durch ein Jahrzehnt seines Hausarrests unter seinem Vater begleitet hat) über die Sperre unserer Botschaft im Jahr 2012. Das hat unserem Ruf als Schauplatz und Mitgestalter des Ringens um Distanz und Nähe zur islamischen Welt enorm geschadet. Heute ist der Oman das vermutlich stabilste Land der islamischen Welt und die Drehscheibe einer politisch und wirtschaftlich enorm wichtigen Großregion. Und er ist das Ziel einer immer größeren Schar österreichischer Reisegruppen (Drei voll ausgebuchte FURCHE-Leserreisen innerhalb Jahresfrist sind starkes Indiz dafür). Ich weiß, wie sehr auch sie sich einen Stützpunkt unserer Heimat im "Reich des weisen Sultans" erwarten. Sparen ist gut - aber nicht länger am falschen Ort!

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