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Revolution in Trümmern

Jubel des Anfangs - Jubel des Anfangs: Die Jugend Nicaraguas eroberte die gepanzerten Fahrzeuge des Diktators. Szenen aus der Hauptstadt Managua, Juli 1979. - © Foto: APA / AFP
International

Vom großen Aufbruch zum harten Aufprall

1945 1960 1980 2000 2020

Zwei Jahre hat der blutige Krieg gegen Anastasio Somoza gedauert, ehe er von den Sandinisten gestürzt werden konnte. Ein Rückblick.

1945 1960 1980 2000 2020

Zwei Jahre hat der blutige Krieg gegen Anastasio Somoza gedauert, ehe er von den Sandinisten gestürzt werden konnte. Ein Rückblick.

Am 17. Juli 1979, als sich Anastasio Somoza Debayle mit der Staatskasse im Gepäck nach Miami absetzte, wusste jeder: Das Ende einer Diktatorendynastie, die über vier Jahrzehnte die Geschicke des größten Staates in Zentral­amerika mit eiserner Hand bestimmt hatte, stand unmittelbar bevor.

Im zwei Jahre andauernden Revolutionskrieg zwischen 1978 und 1979 schreckten Somoza und seine gefürchtete Nationalgarde vor nichts zurück. Aus Hubschraubern wurden Dissidenten über dem Krater des aktiven Vulkans Masaya oder dem offenen Meer abgeworfen, nachdem man sie zuvor im gefürchteten Gefängnis „El Chipote“ gefoltert hatte.
Trotz zahlreicher Menschenrechtsvergehen genoss Somoza die Unterstützung der Vereinigten Staaten. Die USA taten inmitten des Kalten Krieges alles, um nach der kubanischen Revolution von 1959 eine weitere sowjetisch unterstützte Regierung auf dem Subkontinent zu verhindern. Zu bedeutend waren die ökonomischen und politischen Interessen Washingtons in der Region, zu groß war die Angst vor einem zweiten Fidel Castro, der unweit der US-Verwaltungszone rund um den Panamakanal die Macht ergreifen könnte. Doch die Bemühungen blieben, ähnlich wie zwei Jahrzehnte zuvor auf Kuba, vorerst erfolglos.

Als am 19. Juli – nur zwei Tage nach Somozas Flucht – die Hauptstadt Managua fiel, versammelten sich Abertausende Menschen vor der alten Kathedrale, um den siegreichen Revolutionskämpfern der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN) zuzujubeln. Die „Frente“, wie sie in Nicaragua genannt wird, hatte sich an die Spitze einer breiten revolutionären Bewegung gesetzt. Es herrschte Aufbruchsstimmung und die „neue Linke“ in aller Welt blickte frohlockend nach Nicaragua.

Nach ihrem Triumph bestimmte die FSLN ein fünfköpfiges Führungsgremium, das die Geschicke des Landes lenken sollte. Diesem gehörte auch Daniel Ortega Saavedra an. Der 1945 in eine mittelständische Familie in Chontales geborene und als weitgehend unideologisch geltende Ortega wurde 1984, als er erstmals Präsident wurde, zu einer Art Kompromisslösung zwischen starken, egozentrischen Persönlichkeiten, die allesamt um die Führung in der „Frente“ rangen.

Der Umbruch der 80er

Anfang der 1980er-Jahre folgte ein gesamtgesellschaftlicher Umbruch. Drei zentrale Punkte des ambitionierten Regierungsprogrammes der FSLN waren eine groß angelegte Alphabetisierungskampagne, Investitionen in die desaströse medizinische Infrastruktur und eine Landreform. Rasch nach der Machtübernahme durch die „Frente“ initiierten die USA kontrarevolutionäre Streitkräfte – die so genannten „Contras“ – die sie finanziell, militärisch und geheimdienstlich unterstützten.

Unter US-Präsident Ronald Reagan wurden die „Contras“, verdeckt durch illegale Waffengeschäfte mit dem Iran, finanziert. Einen Kongressbeschluss umging man so dreist. Nach ihrem Bekanntwerden wurde die „Iran-Contra Affair“ in den USA zu einem Politskandal, der dem republikanischen Präsidenten fast ein Amtsenthebungsverfahren eingebracht hätte. Zwischen 1981 und 1990 kostete der Contra-Krieg zwischen 35.000 und 40.000 Menschen in Nicaragua das Leben.

Am 17. Juli 1979, als sich Anastasio Somoza Debayle mit der Staatskasse im Gepäck nach Miami absetzte, wusste jeder: Das Ende einer Diktatorendynastie, die über vier Jahrzehnte die Geschicke des größten Staates in Zentral­amerika mit eiserner Hand bestimmt hatte, stand unmittelbar bevor.

Im zwei Jahre andauernden Revolutionskrieg zwischen 1978 und 1979 schreckten Somoza und seine gefürchtete Nationalgarde vor nichts zurück. Aus Hubschraubern wurden Dissidenten über dem Krater des aktiven Vulkans Masaya oder dem offenen Meer abgeworfen, nachdem man sie zuvor im gefürchteten Gefängnis „El Chipote“ gefoltert hatte.
Trotz zahlreicher Menschenrechtsvergehen genoss Somoza die Unterstützung der Vereinigten Staaten. Die USA taten inmitten des Kalten Krieges alles, um nach der kubanischen Revolution von 1959 eine weitere sowjetisch unterstützte Regierung auf dem Subkontinent zu verhindern. Zu bedeutend waren die ökonomischen und politischen Interessen Washingtons in der Region, zu groß war die Angst vor einem zweiten Fidel Castro, der unweit der US-Verwaltungszone rund um den Panamakanal die Macht ergreifen könnte. Doch die Bemühungen blieben, ähnlich wie zwei Jahrzehnte zuvor auf Kuba, vorerst erfolglos.

Als am 19. Juli – nur zwei Tage nach Somozas Flucht – die Hauptstadt Managua fiel, versammelten sich Abertausende Menschen vor der alten Kathedrale, um den siegreichen Revolutionskämpfern der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN) zuzujubeln. Die „Frente“, wie sie in Nicaragua genannt wird, hatte sich an die Spitze einer breiten revolutionären Bewegung gesetzt. Es herrschte Aufbruchsstimmung und die „neue Linke“ in aller Welt blickte frohlockend nach Nicaragua.

Nach ihrem Triumph bestimmte die FSLN ein fünfköpfiges Führungsgremium, das die Geschicke des Landes lenken sollte. Diesem gehörte auch Daniel Ortega Saavedra an. Der 1945 in eine mittelständische Familie in Chontales geborene und als weitgehend unideologisch geltende Ortega wurde 1984, als er erstmals Präsident wurde, zu einer Art Kompromisslösung zwischen starken, egozentrischen Persönlichkeiten, die allesamt um die Führung in der „Frente“ rangen.

Der Umbruch der 80er

Anfang der 1980er-Jahre folgte ein gesamtgesellschaftlicher Umbruch. Drei zentrale Punkte des ambitionierten Regierungsprogrammes der FSLN waren eine groß angelegte Alphabetisierungskampagne, Investitionen in die desaströse medizinische Infrastruktur und eine Landreform. Rasch nach der Machtübernahme durch die „Frente“ initiierten die USA kontrarevolutionäre Streitkräfte – die so genannten „Contras“ – die sie finanziell, militärisch und geheimdienstlich unterstützten.

Unter US-Präsident Ronald Reagan wurden die „Contras“, verdeckt durch illegale Waffengeschäfte mit dem Iran, finanziert. Einen Kongressbeschluss umging man so dreist. Nach ihrem Bekanntwerden wurde die „Iran-Contra Affair“ in den USA zu einem Politskandal, der dem republikanischen Präsidenten fast ein Amtsenthebungsverfahren eingebracht hätte. Zwischen 1981 und 1990 kostete der Contra-Krieg zwischen 35.000 und 40.000 Menschen in Nicaragua das Leben.

Bis heute hält der international zunehmend isolierte Präsident Ortega an der Macht fest und verweigert substanzielle Reformen.

Die USA wurden vom Internationalen Gerichtshof der Völkerrechtsverletzung schuldig gesprochen und zu Reparationszahlungen in der Höhe von knapp 2,5 Milliarden US-Dollar verpflichtet. Bis heute weigert sich Regierung in Washington, das Urteil anzuerkennen.

Ziel des Contra-Kriegs war es, das sandinistische Projekt in Nicaragua im Keim zu ersticken und der FSLN das Regieren unmöglich zu machen. Der Unmut in der Bevölkerung wurde größer. Nicht zuletzt wegen der prekären wirtschaftlichen Lage, ausgelöst in erster Linie durch die Wirtschaftsblockade der USA sowie den teuren und blutigen Krieg. Schließlich rief die FSLN-Regierung im Jahr 1990 freie Wahlen aus. Zur Überraschung vieler – inklusive des amtierenden Präsidenten Ortega – verlor die FSLN diese Wahlen und Violeta Chamorro, einst Ortegas Mitstreiterin, wurde die erste demokratisch gewählte Frau an der Spitze eines lateinamerikanischen Landes.

Regierung von unten

Ein desillusionierter Ortega kündigte an, fortan „von unten, Seite an Seite mit den Armen“ regieren zu wollen. Nach zwei gescheiterten Versuchen (1996 und 2001) gelang Ortega schlussendlich im Jahr 2006 die ersehnte Rückkehr in das höchste Amt des Staates. Er schmiedete geschickt Allianzen mit der katholischen Kirche und den Oligarchen des Landes und hält seither an der Macht fest. Man ließ sich fortan gegenseitig schalten und walten. Diesem „Pakt“ ist auch eines der strengsten Abtreibungsgesetze der Welt geschuldet.

Der Regierungsstil der „Frente“ wurde mit den Jahren merklich autoritärer und wichtige Schlüsselpositionen im Land besetzte Ortega mit engen Vertrauten. Sowohl seine Wiederwahl 2011 als auch jene im Jahr 2016 gelten wegen Unregelmäßigkeiten und nur begrenzt zugelassener internationaler Wahlbeobachter als umstritten. Seit einer in der von der FSLN dominierten Nationalversammlung durchgepeitschten Verfassungsänderung kann der Staatschef seit 2014 für beliebig viele Amtszeiten wiedergewählt werden.
Dass sein Volk ihn 1990 abwählte, war für Ortega wohl ein traumatisierendes Schlüsselerlebnis. Bis heute hält der international zunehmend isolierte Präsident an seiner Macht fest und verweigert substanzielle politische Reformen, einen vorzeitigen Rücktritt oder vorgezogene Neuwahlen. Venezuela, Bolivien und Kuba gelten als seine letzten Unterstützer in der Region. Wozu Ortega fähig ist, um sich an der Macht zu halten, ist spätestens seit April 2018 weltweit bekannt, als binnen weniger Monate mehr als 300 Menschen bei größtenteils friedlichen Protesten getötet wurden.