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Man heiratet am Abend

Iri einem bekannten Operettenlied reimt sich „Varazdin" auf rotweiß-grün", was auf eine falsche Fährte führt - die Stadt war nie ungarisch. Sie gehörte immer zum kroatischen Kernland und war zur Zeit Maria Theresias sogar jahrelang dessen Hauptstadt. Als Österreicherin fühlt man sich fast wie zu Hause. Da sind die zahlreichen Kaffeehäuser. Schon beim zweiten Besuch weiß der Ober, ob man einen Türkischen oder eine Melange wünscht, und als Mehlspeise empfiehlt er eine „kremsnite". Die Zugehörigkeit zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie hat auf die Küche der Stadt abgefärbt.

Aus dem Kaffeehaus tritt man auf den Hauptplatz, das „Wohnzimmer" der Stadt mit Renaissance-Rathaus und noblen, zurückhaltenden Häusern. Um die Mittagszeit ist er leer, doch am Abend belebt er sich mit Flaneuren, spielenden Kindern, Hunden, und entsprechend lebhaft wird das Getriebe, vom sanften Licht der Laternen erhellt. Plötzlich erschrickt man durch laute Schüsse. Es sind aber nur harmlose Knallkörper, die einen Brautzug aus dem Rathaus begleiten. Man heiratet in Varazdin nämlich gerne am Samstagabend.

Die Straßen um das Zentrum sind von ehrwürdigen Barockpalästen gesäumt, einige schon renoviert, andere zeigen noch die Spuren des Verfalls, den das kommunistische Regime nicht verhindern wollte.Nördlich der Fußgängerzone liegt das historische Zentrum der Stadt, die weiß leuchtende Stadtburg. Sie stammt im Kern aus dem 13. Jahrhundert, war dann im Besitz der Grafen Erdödy und beherbergt heute das Stadtmuseum mit den reichen Sammlungen zur Geschichte und Kultur.

Besonders attraktiv sind die historisch möblierten Räume. Sie gehen bis in die Renaissance- und Barockzeit zurück. Damals erlebte Varazdin seine goldene Zeit als Handelszentrum und Wohnort adeliger Familien. Bedeutende Künstler statteten Palais und Kirchen aus, Barockmusik wurde gepflegt, man richtete sich in der Mode nach Wien. An einem Apriltag im Jahr 1776 zerstörte ein Brand dieses blühende Leben. Vom Wind angefacht verschlangen die Flammen an die vierhundert Häuser, und obwohl sie innerhalb weniger Jahre wieder aufgebaut wurden, mußte Varazdin dann Zagreb den Vorrang geben.

Der Adel verlor an Bedeutung, das Bürgertum blühte auf, Wissenschaft und Kunst wurden eifrig gefördert. Im Jahr 1838 wurde der Slawist Va-troslav Jagic in Varazdin geboren. Er wirkte in Odessa, St. Petersburg, Berlin und Wien. Seine Arbeiten zur slawischen Philologie machten damals die Wiener Universität zum Maßstab für Qualität auf diesem Gebiet. Er starb in Wien, wurde aber in seiner Heimatstadt begraben.

Varazdin ist undenkbar ohne Musik. Schon im Barock brachte es eine Reihe bedeutender Komponisten hervor, die von den „Varazdin Barockabenden" liebevoll gepflegt werden. Seit einem Vierteljahrhundert vereinigt dieses Festival heimische Künstler und berühmte Gäste aus dem Ausland. Besonders stolz ist man auf die Mitwirkung der aus Varazdin gebürtigen Mezzosopranistin Ruza Pospic-Baldani. Sie erhielt ihre erste Ausbildung am Konservatorium der Stadt und ist heute Gast an allen großen Opernhäusern der Welt.

Apropos Oper: Am Südrand der Altstadt liegt das im Ringstraßenstil erbaute Haus. Der intime Zuschauerraum ist von drei Rängen umgeben, das Deckenfresko erinnert an den Orient. Das Theater wurde 1873 von Ferdinand Fellner erbaut, als dieser Architekt noch nicht mit Hermann Helmer zusammenarbeitete. Heute ist es Heimstätte eines Schauspielensembles, Musiktheater findet nur in Gastspielen statt.

Aber Varazdin ist nicht nur Idylle. Hinter der Jesuitenkirche klaffen Einschußlöcher in der Hausmauer. Sie stammen aus den ersten Tagen des Krieges mit Serbien. Damals lag eine starke jugoslawische Garnison in der Stadt, und um das Waffendepot entbrannte der Kampf. Dann geschah das Wunder: Die Kinder des kommandieren serbischen Generals überredeten diesen, die Kampfhandlungen einzustellen. Er ging nach Belgrad zurück, wo man ihn nicht sehr freund -lieh empfing.

Nahe der Ausfallsstraße zurück . nach Österreich liegt der Friedhof von Varazdin, ein kulturhistorisches Juwel. Er wurde Ende des 18. Jahrhunderts in der Manier französischer Schloßgärten angelegt. Geometrisch geschnittene Hecken stehen zwischen den Gräbern, entlang der alten Umfassungsmauer liegen die Grabkapellen der bedeutenden Familien. Das Grab einer österreichischen Sternkreuz-Ordensdame zwischen dem eines kroatischen akademischen Malers und eines ungarischen Offiziers, friedlich vereint sind die Nationen.

Im einbrechenden Abendnebel verwischen sich die Konturen der Grabsteine, dennoch hat dieser Friedhof nichts Trauriges an sich.

Der Wegweiser an der Hauptstraße zeigt nach „Wien". Ist das bewußte Erinnerung an vergangene Zeit oder hat man einfach vergessen, den kroatischen Namen „Bec" einzusetzen?

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