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Von Willendorf bis VAROU-FAKE

1945 1960 1980 2000 2020

Schon von den Anfängen der Menschheit an gehören inszenierte, ja "manipulierte" Bilder zum Repertoire der Kommunikation: Bilder zeigen, was gezeigt werden soll.

1945 1960 1980 2000 2020

Schon von den Anfängen der Menschheit an gehören inszenierte, ja "manipulierte" Bilder zum Repertoire der Kommunikation: Bilder zeigen, was gezeigt werden soll.

Das heranrasende, schwer verwundete Wisent ist gewaltig. Der Speer in seiner Seite muss eine enorme Wunde geschlagen haben und dem Tier schreckliche Schmerzen bereiten. Gedärme dringen hervor, und dennoch hat es noch die Kraft, den Jäger mit dem Vogelkopf niederzureißen. Der Penis des Mannes ist erigiert. Seine Waffe hat er von sich geworfen ...

Abgebildet in der Höhle von Lascaux vor wohl mehr als 20.000 Jahren ist dargestellt, was sich wie ein roter Faden durch all das Kunstschaffen der Menschheit zieht: gezeigt wird, was gefällt, was an-und aufregt.

So findet sich in Lascaux eine Fülle an Tier-und Jagdszenen, auch den -wohl tödlichen -Jagdunfall. Was jedoch völlig fehlt, sind Alltagsdarstellungen, Szenen etwa des gesellschaftlichen Miteinanders, des Sammelns von Nahrungsmitteln. Das Medium Höhlenmalerei bringt nur die reißerischsten Darstellungen. Alles andere wird ausgeklammert, findet keinen Platz, ist nicht von Interesse: Seit der Mensch bildnerisch tätig ist, gibt er die Wirklichkeit selektiv wieder.

Ein anderes, noch älteres prähistorisches Beispiel: die Venus von Willendorf - pummelig, drall, voll der Fülle. In einer Gesellschaft des Mangels stellt sie den Idealtypus von Weiblichkeit dar und steht damit diametral der heutigen Gesellschaft des Überflusses gegenüber, die die Models in eine "Hungersnotästhetik" zu pressen versucht. Der oder die Hersteller(in) des Bildes - einst wie jetzt -"optimiert" das Abgebildete, um Wirklichkeit so darzustellen, wie sie aus der Sicht der Urheber(innen) des Mediums sein sollte, um dadurch bei den Betrachtenden eine Reaktion zu erzeugen.

Der Bildwissenschafter William J. T. Mitchell meint dazu in seinem Buch "Das Leben der Bilder"(München 2008) auf die Frage nach dem Willen, den Bilder erzeugen wollen, dass "... das Bild als ein Ausdruck für das Begehren des Künstlers behandelt wird bzw. als ein Mittel, in einem Betrachter ein Begehren hervorzurufen." Das Bild bzw. sein(e) Urheber(in) wollen, dass das Medium wirkt und Begehren, Bedürfnisse, Wünsche erzeugt.

Böswillige Absicht oder notwendiges Übel?

Mit den Mitteln der Medien kann Wirklichkeit nicht in ihrer Absolutheit wiedergegeben werden. Bilder bilden ab und gewähren den Konsument(innen) letztlich doch nur einen begrenzten Einblick in einen Teil des Dargestellten. Sie sind und bleiben Inszenierung. Der/die Urheber(in) des Mediums muss zwangsläufig eine Vorauswahl dessen treffen, was für die Adressierten relevant sein kann. Sendeformate wie zum Beispiel "No comment" auf dem Nachrichtenkanal EuroNews stellen zwar audiovisuell unkommentierte Inhalte den Zusehenden zur Verfügung und suggerieren damit Objektivität, der Inhalt des Präsentierten wird aber natürlich bereits selektiert: alles, was neben der Kamera passiert, muss dabei ausgeblendet bleiben, um das Geschehen prinzipiell konsumierbar zu machen, denn niemand hat die Möglichkeit, Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen.

Problematisch wird es jedoch, wenn aktiv in ein bestehendes Medium eingegriffen wird und Wahrheiten gebrochen werden. Ein bekanntes Beispiel stellt etwa die Aufnahme von Grigori P. Goldstein dar, die Lenin 1920 bei einer Rede vor dem Bolschoi-Theater darstellt. Umgeben ist er dabei von hohen Kadern seiner Partei: Stalin, Trotzki und Kamenew. Nach der Machtübernahme des ersteren und dem In-Ungnadefallen der beiden anderen wurden letztere aus dieser Aufnahme getilgt. Dieses "Entfernen" aus dem Bild geht Hand in Hand mit der Ermordung der beiden Protagonisten einher.

Doch schon viel früher wurde das Bild unliebsamer Gegner beseitigt. Ein Beispiel dafür ist der altägyptische "Ketzerpharao" Echnaton, der einen Ein-Gott-Kult einführen wollte, und bereits kurz nach seinem Tod systematisch aus dem allgemeinen Gedächtnis gemeißelt wurde -seine Abbildungen wurden, so man ihnen habhaft wurde, zerstört, um ihn und mit ihm seinen Kult der damnatio memoriae anheim fallen zu lassen.

Manipulation bedeutet ein aktives, bewusstes, absichtsvolles Eingreifen in das Bild, um bei den Empfänger(inne)n eine Haltung, Meinung und Einstellung zu erzeugen. Durch das Lenin-Stalin-Bild versuchten die Urheber der Manipulation, die Alleinstellung Stalins in der Nachfolge Lenins zu fixieren.

Manipulations-Generation Photoshop

Seit dieser aus heutiger Sicht recht plumpen Bildbearbeitung hat sich Vieles auch an technischen Möglichkeiten in der Nachbzw. Umarbeitung ergeben: anhand bildbearbeitender Software können Bilder nach Belieben umarrangiert und gestaltet werden; ein Phänomen, das gerade in der Werbung weithin ausgenutzt wird, wenn das dargestellte Konsumprodukt noch schöner dargestellt werden soll. Die Wirkmacht der Bearbeitung macht dabei natürlich auch nicht vor Models halt. Das Mode-und Modeldiktat schreibt vor, wie Frauen auszusehen haben, um erfolgreich zu sein: dünn, jung, makellos, und konstruiert dadurch einen "Normalfall". Dünn ist schön, sehr dünn gilt daher vielen als sehr schön. Dass dieses Ideal krank macht, wird dabei gerne verdrängt.

Was die Natur dabei nicht zustande bringt, wird letztlich mit den passenden Bearbeitungsprogrammen passend gemacht: Fettpölsterchen werden entfernt, Äderchen retuschiert, Beine verlängert usw. Das so vorgeführte Schönheitsideal ist für von der Natur "normal" ästhetisch Beschenkte nicht oder nur schwer zu erlangen. Gerade junge Mädchen versuchen dennoch diesem Idealtypus zu entsprechen und ihn durch zweifelhafte Methoden (Veränderung des Essverhaltens mit den folgenden Krankheitsbildern von Bulimie und Anorexie bzw. in immer jüngeren Jahren gewünschte "Schönheits"-OPs) zu erreichen. Um dem entgegenzuwirken, versucht das französische Parlament aktuell, Modelagenturen die Anstellung von extrem dünnen Models zu verbieten und digital bearbeitete Fotos von Models mit einer Warninformation versehen zu lassen. Ob diese staatlich verordnete Maßnahme greifen wird, muss sich weisen -insbesondere von Seiten konservativer Abgeordneter wird dies als Diskriminierung von schlanken Models gewertet. Ausgang der Debatte: ungewiss.

Gerade die auch für Spezialist(inn)en nicht einwandfrei feststellbaren Manipulationen können gesellschaftliche Sprengkraft aufweisen. Der im März im deutschen Sprachraum so heiß diskutierte Mittelfinger des griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis, den er auf einem Festival dem deutschen Volk hingehalten haben soll, bewegte aufgebrachte Gemüter. Jan Böhmermann vom "Magazin Royale" auf ZDFneo stellte kurz darauf in seiner satirischen Sendung dar, wie der Stinkefinger manipuliert wurde oder manipuliert worden sein könnte. Handelte es sich also um Politsatire oder war der Stinkefinger echt? Auf jeden Fall greift hier die alte Regel des "provokanten Inhalts, um gesehen zu werden", die dem Sendeformat millionenfache Klicks auf Youtube und europaweite Ausstrahlung im "alten" Medien Fernsehen ermöglichte. Problematisch stellt sich natürlich der Umgang mit jenem Material dar, das von einflussreichen deutschen Medien für authentisch gehalten wurde, auch wenn Varoufakis eindringlich darauf hinwies, dass es sich um eine Fälschung handle.

Wir glauben, was wir sehen (wollen)

Wir glauben, was wir sehen oder noch mehr: was wir sehen wollen. Von weiten Teilen der deutschen Bevölkerung wurde ihm der Stinkefinger zugetraut. Darum musste es für viele wahr sein, darum war dem griechischen Finanzminister auch diese Lüge zuzutrauen.

Wir werden manipuliert -Bilder sind inszeniert. Immer! Wenn uns das bewusst ist, dann können wir mit dem medial Vorgefundenen reflektiert umgehen. Dafür muss man aber gestärkt, kompetent gemacht werden. Ein Grundsatzerlass des Bildungsministeriums aus dem Jahr 2012 schreibt allen Lehrenden ins Stammbuch, dass sie verpflichtet sind, auf Medienerziehung als Unterrichtsprinzip in allen Unterrichtsgegenständen fachspezifisch Bedacht zu nehmen. Letztlich bleibt es aber jedem Lehrenden überlassen, wie er diesem Auftrag nachkommt und oftmals wird der gesellschaftlich hochbrisanten Fertigkeit, sich kritisch mit den Medien auseinanderzusetzen, gar keine Aufmerksamkeit geschenkt. Ein eigenes Fach "Medienerziehung" bleibt in Österreich daher weiterhin überfällig. Es wäre höchst an der Zeit, diese Scharte auszuwetzen.

Der Autor ist Medien-und Sexualpädagoge sowie Religions- und Geschichtelehrer. Er lebt in der Steiermark.

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