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Auch Wale singen in Baß und Sopran

Der Schöpfungsakt des Lebens begann im Meer. Viel später stieg Getier aufs junge Land und trieb die Entwicklung weit über die Fische hinaus. Aber dann, als die mächtigen Saurier die Erde beherrschten, kehrte ein kleiner Säugetierkollege, ein primitives Raubtier in Wolfsgröße, wieder ins Meer zurück.

20 Millionen Jahre dauerte diese Reise, dann war der Urwal fertig. Fossile Reste, die Forscher in Ägypten gefunden haben, zeigen Skelette, die - schon ganz dem Leben im Urmeer Thetis (dessen salzige Reste noch heute im Burgenland Lacken mit einmaligen Lebensarten bilden) angepaßt - vor 50 Millionen Jahren noch deutlich den Schädelbau der Landraubtiere von ehedem zeigen.

Vor etwa 35 Jahrmillionen, berichtet der Wissenschaftsdienst ibf über die Arbeit der deutschen Walforschergruppe in Frankfurt, muß die Spezialisierung der Urwale und ihre Eroberung der Weltmeere begonnen haben. Heute gehören zu diesen schwimmenden Säugern die Blauwalriesen ebenso wie die kleinen Süßwasserdelphine im Amazonas oder die plantschenden Mörderwale und zahmen Delphine in den amerikanischen Meereszoos.

Sie alle zeichnen sich durch die perfekte Anpassung an das Wasser aus. Der Verlust der Hinterbeine, die Umbildung der Vorderbeine und die Neubildung der charakteristischen Schwanz- und Rückenflosse adaptieren den Körperbau der Fische. Die schuppenlose Haut ist, obzwar nur fünf bis sieben Millimeter dick, so konstruiert, daß sie die Wasserreibung bemerkenswert reduziert. Die schnellen Finn- und Seiwale erreichen auf diese Weise Geschwindigkeiten bis zu 35 Knoten.

Als Säuger haben die Wale das Entwicklungsstadium der Kiemen längst hinter sich gelassen. Bis zu einer Stu nde - vergleichbar nur den besttrainierten Perlentaucherinnen und das unter Berücksichtigung der verschiedenen biologischen Üliren - hält ein einziger Atemzug durch die auf den Scheitel gewanderte Nasenöffnung vor. Wale tauschen dabei 90 Prozent der Atemluft aus, während andere Säuger nur 10 bis 15 Prozent schaffen.

Auch die Tauchfähigkeit kann andere Säuger erblassen lassen. Tastet sich der Mensch langsam, um die Tau

cherkrankheit zu verhindern, aus 50,60 Meter an den Meeresspiegel herauf, streckt der Pottwal seine Schwanzflosse kurz senkrecht in die Luft und verschwindet dann auf eine Stunde in

schall-Wellenbereich, der sich deutlich vom allgemeinen „Lärmpegel“ im Meer unterscheidet. Sein Sender, ein Knochenreflektor am Schädel, bündelt nach vorne und ist vom rückwärtigen Kopf abgeschirmt. Da die Ohren, mit denen er das Echo auffängt, vom Knochengerüst des Schädels abgetrennt im Weichen liegen, gibt es niemals Störungen durch Eigenschwingungen.

So exakt dieses Organ arbeitet, sein Versagen wird von manchen Forschern für den „Walselbstmord“ verantwortlich gemacht. Manchmal - so am 14.

mit der „Symphonie aus der Tiefe“ in den USA für einen Hit am Plattenmarkt. Es war auch ein Wissenschafts- Hit, weil es erst in den letzten Jahren gelungen ist, die Lieder der Wale - unter Wasser machtvoller als jeder andere Gesang auf Erden - mit Spezialgeräten aufzunehmen.

„Die Noten“ berichtet der Walforscher E. O. Wilson, „sind unheimlich und dennoch schön für das menschliche Ohr. Tiefes Baßgebrumm und nahezu unhörbare Sopranquietscher wechseln mit sich wiederholenden Sequenzen, die plötzlich ansteigen oder fallen.“ Jeder Wal hat sein eigens Lied mit komplizierten Motiven (um seine Freunde beim Queren des Atlantiks zu rufen?). Manche Tonfolgen sind 30 Minuten lang und werden dann ohne die geringste Veränderung wiederholt.

„Das Halbstundenlied mag wohl unser Minutenwalzer sein“, erklärt Stephen Jay Gould in der Londoner Fachzeitschrift „Nature“ die Schwierigkeit für den Menschen, eine so lange Melodie genau zu wiederholen. Zieht man die biologische Uhr der Meeresriesen in Betracht, ist die Tonfolge tatsächlich ein Minutenwalzer für die biologische Uhr des Menschen. Denn diese Uhr ist für alle Säugetiere gleich. Alle atmen einmal während vierer Herzschläge. Alle leben etwa 200 Millionen Herzschläge lang. Dies ergaben Berechnungen von W. R. Stahl, B. Günther und E. Guerra über das Verhältnis von Gewicht und Größe, Stoffwechselraten und Atemzüge wie Herzschläge von den kleinsten bis zu den gewaltigsten Säugern.

So rasch das Leben einer Maus ver- tickt und so lange Elefanten und Wale leben, ihre biologische Lebensspanne ist die gleiche. Die große Ausnahme unter den Säugern ist der Mensch. Er entwickelt sich unverhältnismäßig langsam, lebt dafür aber drei mal länger als

Daß diese Entdeckung zu Untersuchungen mit atemberaubenden Intelligenzresultaten bei den Delphinen geführt hat, sei hier nur am Rande vermerkt.

Aber auch bei den großen Brüdern der Delphine, den Walen — deren Gehirngewicht bis zu neun Kilogramm durchaus der Regel über das Verhältnis von Körpergewicht zu Gehirngewicht entspricht - attestieren Beobachter höchst „gescheites“ Verhalten.

„Ich war“, so zitiert „Die Zeit“ den neuseeländischen Walforscher Paul

Tiefen bis zu 3000 Metern. Sein Druckausgleichsystem ist untadelig und unnachahmbar.

Die Imitation einer anderen Fähigkeit ist dem Menschen immerhin geglückt: des Echolots. Aber von der Vollendung der Natur sind wir weit entfernt. Der Wal sendet in einem Ultra

Juli 1979 bei Point of Gaul auf Neufundland oder am 1. Juli 1980 in Treasury Head nördlich von Sydney - schwimmen ganze Rudel an flache Küsten und verenden im Sand.

Die Riesen der Meere haben noch andere Überraschungen bereit. Der 12 bis 15 Meter lange Buckelwal sorgte

es einem Säugetier seines Gewichtes zukommt.

Eine zweite erstaunliche Ausnahme von den Gesetzen, nach denen sich bei steigendem Gewicht die Körpergröße und die Stoffwechselraten verlangsamen, teilt der Mensch mit einer Delphinart: das Gehirn beider ist viel zu groß.

Spong, „vom scheinbar mühelosen Dahinfließen ihres Lebens und dem engen Zusammenhalt ihres sozialen Systems tiefbewegt.“

In „Rettet die Wale. Die Fahrten von Greenpeace“ (Kübler Verlag, Lampertheim, 1979) schildern die Autoren Bob Hunter und Rex Weyler, wie ein Pottwalbulle unter mehreren möglichen Zielen genau jenes Fangboot angreift, von dem die tödliche Harpune auf seine Gefährtin abgeschossen worden ist.

Selbst unter Lebensgefahr gerät der Wal nicht in sinnlose, ungezielte Wut. Im übrigen ist er - was allgemein nur von den Delphinen bekannt ist - ein verständnisvoller Partner des Menschen.

Auf Neufundland befreite der Walforscher Peter Baemish ein in Fischnetzen verfangenes Walweibchen. Er wollte die Gelegenheit - alle Fangversuche vorher waren gescheitert -

nützen, um mehr über den Buckelwal zu lernen und warf eine Schlinge um die Schwanzflosse des Tieres, das die gesamte Mannschaft mit einem Flossenschlag hätte vertreiben können. Aber „Meg" hielt, so an die lange Leine gelegt, still und wurde auf Herz und Nieren untersucht.

Das Walweibchen war nicht nur friedfertig, sondern auch kooperativ: bei einigen Echolottests, bei denen „Meg“ anfangs an der Schwanzleine in die Ausgangsposition zurückgezogen werden mußte, genügte später ein leises Zupfen und „Meg“ schwamm mit Hilfe ihrer Brustflossen alleine nach rückwärts. Einen Monat dauerte es, bis die Leine gelöst wurde, aber erst nach einigen vorsichtigen Versuchen legte das Walweibchen los und zog, 15 Tonnen schwer, mit 27,6 Stundenkilometern in die Freiheit. So überraschend schnell, daß Baemish’ Begleitboot nach sieben Stunden den Kontakt zu dem „Meg“ aufgepflasterten Sender verlor…

Was immer die erstaunlichen Fähigkeiten der Wale verursacht haben mag (zwang sie die Rückeroberung des Wassers, für das sie weit schlechter als Fische gerüstet waren, zu besonderen Leistungen, um zu überleben?), deren Entwicklung dauerte Jahrmillionen.

Die Ausrottung der Giganten, nach Jahrtausenden der bescheidenen und gefährlichen Jagd durch den Menschen, wird - wenn nicht ein Wunder des internationalen Verständnisses geschieht - nur ein Jahrhundert dauern.

Auf dem zahlenmäßigen Höhepunkt der Jagd nach Walrat, Fischbein, Fleisch und Tran harpunierten in der Saison 1930/31 232 Fangboote 40.201 Wale (1979/80 waren es 15.835). Dem ertragreichen Morden wurde erst Einhalt geboten, als man keine Blauwale mehr zum Jagen fand: 1965/66 wurden nur vier gesichtet.

Sein halb so großer Genosse (die Weibchen sind wesentlich kleiner), der Pottwal mit dem mächtigen Quadratschädel, wird trotz einiger Bemühungen der Unterzeichner der „Internationalen Konvention zur Regulierung des Walfanges“ von 1946, wenn auch stark begrenzt, weitergejagt.

Obwohl einige Länder, darunter die USA und die große Walfangnation Norwegen, die Jagd längst eingestellt haben, stehen heute - auf dem technischen Höhepunkt des Walfangs-große Fangflotten mit todsicheren Harpunenkanonen bereit. Sie liefern den Hochseefabriken die Beute zu (es dauert kaum mehr als eine Stunde -einen Walatemzug lang - bis ein Tier auseinander genommen ist und sein Fleisch in den Schockgefrierkammern verschwindet.

Diese Flotten müßten verschrottet werden, dienen aber derzeit dem Fang der Kleinen,etwadesZwergfurchenwals, die bisher verachtet wurden. Was dennoch eine Verschrottung der Flotten erhoffen läßt, sind die steigenden Kosten. Der Walfang wird (mangels der Blauwalriesen) unrentabel. Ein Wirtschaftszweig hat sich selber sein Grab gefischt.

Schwer betroffen von einem generellen Verbot des Walfangs wäre nur Japan. Dort gehört Walfleisch zum täglichen Menü, auf einigen Inseln ist es lebenswichtiger Eiweißspender. Im übrigen verschwindet das Walfleisch in den Futtertrögen für Hunde und Zuchtnerze.

Alle anderen Walprodukte können längst vollwertig ersetzt werden. Eine neue Gefahr droht den Riesen des Meeres heute von der Nahrungsseite her: Bartenwale ernähren sich von kleinen Fischen, Plankton und Krill, die sie hundertkiloweise aufschlürfen. Jetzt läuft in ihrem nahrungsreichsten Gebiet, der Antarktis, der Krillfang’ an.

Da fangen die Hochseefabriken den Krill tonnenweise und kühlen die kleinen Krebes auch gleich verkaufsfertig.

Der Zoologe John Beddington hat errechnet, daß die Zuwachsraten der raren Walarten selbst bei völligem Fangstopp durch die Krill-Fischerei empfindlich leiden würden.

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