Erdbeben im Krisenzentrum

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Wie könnte der leidgeprüfte Nahe Osten jemals zum Frieden finden? Eine Analyse von FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer.

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Wie könnte der leidgeprüfte Nahe Osten jemals zum Frieden finden? Eine Analyse von FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer.

Es war vor 53 Jahren in Tel Aviv, mitten im Sechstagekrieg Israels mit seinen arabischen Nachbarn. Als junger Kriegsberichterstatter habe ich damals in einer kleinen Zeitungsredaktion das Gastrecht genossen. Dunkelheit und eine angstvolle Stille lagen über der Stadt, als wir einmal im kleinen Kreis die Frage aller Fragen diskutierten: Wie könnte der leidgeprüfte Nahe Osten jemals zum Frieden finden? Mitten in unsere Ratlosigkeit hinein meldete sich die Redaktionssekretärin zu Wort: Angesichts der tiefen Gegensätze um Palästina sei jeder Versöhnungsversuch sinnlos, meinte sie. Doch irgendwann werde ein neuer Außenfeind auftauchen – einer, der Israelis und Araber gleichermaßen bedrohe.

„Dann wird unser Konflikt zwar nicht gelöst, aber unwichtig werden …“ Jetzt, mehr als ein halbes Jahrhundert später, scheint dieser gemeinsame Außenfeind tatsächlich gefunden zu sein: das Mullah-Regime in Teheran. Israel und die Mehrheit der arabischen Welt eint eine tiefe, ja existenzielle Sorge über den Expansionsdrang des Iran bis ans Mittelmeer; über dessen Atom-Ambitionen; vor allem aber über die Kriegsdrohung im Welt-Erdölzentrum, genährt vom islamischen Bruderzwist zwischen Persiens Schiiten und Arabiens Sunniten, angeführt von Saudi-Arabien. In Nahost ist ein Aufatmen spürbar Vor diesem Hintergrund haben die Öl-Emirate am Golf soeben spektakulär die Schallmauer ihrer Feindschaft mit Israel durchbrochen. Unter Vermittlung der USA wollen sie ihre Beziehungen normalisieren – und wenn nicht alles täuscht, werden andere arabische Regime bald ihrem Beispiel folgen. Es ist ein geopolitisches Erdbeben, das die Großregion ganz neu ordnet und alle bisherigen Gewissheiten im Orient für obsolet erklärt.

Auch meine eigenen jahrzehntelangen Erfahrungen. Vorbei dann die Zeit, in der nur der Besitz von zwei Reisepässen den Luftraum zwischen Israel und Arabien geöffnet hat; in der wir Medienleute permanent von Geheimdiensten bedroht oder umgarnt wurden; in der Friedenssüchtige wie der Ägypter Sadat und der Israeli Rabin sterben mussten – und ungezählte Kriegsopfer mit ihnen. Vorbei auch die Zeit, in der Arabiens Herrscher schworen, „das heilige Jerusalem schon bald den Juden zu entreißen“ und das besetzte Palästina den wahren Besitzern zurückzugeben.

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