Ein Tiger ringt um seine Kampfkraft

Der Wirtschaft Taiwans droht nach Jahrzehnten des Aufschwungs nun die Stagnation, ausgelöst durch eine Exportkrise der Elektronikindustrie.

Die Sonne spiegelt sich an diesem Morgen in den Glasfassaden der Hochhäuser, Geschäftsleute strömen aus den überfüllten U-Bahn-Stationen, ein Heer von Mopeds knattert durch die Innenstadt. Taipeh nimmt Fahrt auf. Wenn am Morgen die Pendler in die Metropole strömen, schwillt die Zahl der Menschen in der Stadt auf fast acht Millionen an.

Allen voran die finanzstarken IT-Unternehmen üben eine hohe Anziehungskraft auf das Umland aus. 98 Prozent aller Motherboards weltweit werden in Taiwan produziert # und in den #Science Parks# tüfteln die Forscher bereits an neuen Technologien.

Um die Entwicklung weiter voranzutreiben, investiert die Politik kräftig in den Standort. Im August besiegelte die Bezirksregierung von Taipeh ein milliardenschweres Immobilienprojekt. Bei dem Vorhaben soll in der Innenstadt ein Hotelkomplex mit 28 Stockwerken und 492 Zimmern entstehen. Bürgermeister Hau Lung-pin schreibt sich gerne ein modernes Image auf die Fahnen. Anfang des Jahres gab er ein altes Fabrikgelände zur Graffiti-Bemalung frei. Auf das Gemäuer pinselte er: #Kreativität ist endlos.#

Reiche Stadt, armes Umland

Dieser Geist ist allenthalben spürbar. Im Ximen-Viertel nähen Schneider koreanische Logos auf amerikanische Jeans, frisieren Cowboystiefel zu asiatischen Ausgehschuhen, junge Frauen staksen in Pumps und Minirock über die Shopping-Meile. #Frauen sind bei uns unabhängig#, sagt die Taiwan-Expertin Lily Chuang. Privilegien bedürfe es keiner. So gelte auch nicht der Verhaltenskodex #Ladies first#, sondern #Elders first#. Ambitionierte Frauen nehmen verstärkt Führungspositionen in Politik und Wirtschaft ein.

An der Transrapid-Station in Taichung, der drittgrößten Stadt des Landes, begegnet man einigen von ihnen. Gekleidet in elegantem Business-Dress, marschieren sie zielstrebig und immer auf Draht zu ihrer Zugverbindung. Taiwan zeigt sich hier von seiner modernen Seite. In dem futuristisch anmutenden Terminal wähnt man sich in einer Flughafenhalle: großzügige Glasfassaden, dunkle Marmorpfeiler, verchromte Werbetafeln. Aus den Lautsprechern warnt eine Stimme: #Your attention please!#

Die Hochgeschwindigkeitstrasse verbindet Taiwans Süden mit dem Norden. Alle zehn Minuten verkehrt ein Zug, knapp eine Stunde dauert die Fahrt von Taichung nach Taipeh. Die Infrastruktur im Westen ist gut ausgebaut. Lagerhallen, Silos und Hochhäuser wandern wie in einem Film vorbei. #Export Powerhouse#, nennen US-Ökonomen den flachen Küstenstreifen.

Gleichwohl ist das Land noch immer durch ein starkes Stadt-Land-Gefälle gekennzeichnet, wie ein Besuch der Provinzstadt Puli in Zentraltaiwan zeigt: Wilde Hunde streunen umher, vor einer Garageneinfahrt steht eine verrostete Werkbank, dazwischen ein diffuses Gewirr aus Kabeln und Werkzeugen. An einer Straßenecke ist ein Motorrad zu einem Essensstand umfunktioniert, zwei unglücklich dreinblickende Männer löffeln ihre Suppe # und ins Hinterland schieben sich marode Wellblechhütten. #Township#, Slumgebiet, nennen die Bewohner wenig schmeichelhaft ihre Siedlung.

Der Fortschritt ist offensichtlich noch nicht angekommen in Puli # die Region hinkt dem Entwicklungsstand der großen Metropolen hinterher. Die Menschen leben größtenteils von der Landwirtschaft, vom Bananen- oder Bambusanbau # oder schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch. Die industriellen Strukturen sind nur schwach ausgeprägt: In der einzigen Fabrik des Ortes werden Blumen geschnitten und in Pakete verpackt. Die Einkommen sind niedrig, das Ausbildungsniveau ist gering. Wer es zu etwas bringen will, geht nach Taipeh.

Bauboom in Taipeh

Dort boomt die Wirtschaft. Riesige Fabrikhallen schießen wie Pilze aus dem Boden, Dutzende neue Bürotürme scharen sich um den #Taipei 101#, das Wahrzeichen der Stadt. Wohlhabende Geschäftsleute promenieren ihre Luxuskarossen über den Highway der Stadt und shoppen in mondänen Edelboutiquen. Am Abend leuchten in #Downtown# Werbetafeln wie am Times Square, Bruce Willis grüßt von einem Plakat, auf den Flachbildfernsehern der Szenelokale flimmert der Spartensender #MTV#. Taiwan ist stark geprägt vom Schutzpatron USA. Die Straßen, die sich wie in einem Gitter anordnen, heißen #Avenues#, und selbst die nagelneuen Polizeiautos sind amerikanischen Einsatzfahrzeugen nachempfunden.

Was man bei all dem Glanz nicht sieht: Taiwans Wirtschaft steht auf wackligen Beinen. Das Wachstum speist sich hauptsächlich aus den Exporterlösen der Elektronikindustrie. Zwar verzeichnet die Branche derzeit steigende Umsätze. Sollte sie aber einmal schwächeln, käme der ganze Wachstumsmotor ins Stottern. Eine Befürchtung, die man auch im Wirtschaftsministerium teilt. In einem Gutachten heißt es: #Die Wirtschaft ist nicht ausreichend diversifiziert.# Und: #Es existiert eine zu hohe Exportabhängigkeit.#

Gefährdete Mittelklasse

Allerdings ist das nur ein Teil des Problems # die Ursachen für die einseitige Wirtschaftsausrichtung liegen tiefer. Die Regierung forcierte mit milliardenschweren Subventionen die Ausbildung einzelner Exzellenz-Cluster, ohne aber mittelständische Handels- und Dienstleistungsunternehmen zu fördern. Was noch schwerer wiegt: Taiwans Führung vernachlässigte jahrelang den Bildungssektor. Die Chefin der Grünen Partei, Li Ying-hsuan, beklagte unlängst, Bildung hätte #die Fähigkeit einer Aufstiegsleiter verloren#. Dadurch breche die Mittelklasse zusammen. Inzwischen ist der Lohn für Graduierte auf weniger als 700 US-Dollar gesunken. Ein Studium bietet keine Garantie mehr für ein sicheres Einkommen.

Hinzu kommt, dass die Englischkenntnisse der Absolventen im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich sind. Eric Chu, Bürgermeisterkandidat der Kuomintang, sagt: #Wir liegen weit hinter Japan und Korea.# Im Wettbewerb um die klügsten Köpfe müsse die Regierung mehr Geld in die Bildung investieren, fordert der Politiker.

Nach Meinung internationaler Analysten könne das Bildungsdefizit mittelfristig zu einer steigenden Arbeitslosigkeit führen. Schon jetzt gibt es auf der Insel mehr Facharbeiter, als eigentlich benötigt werden. #Die Industrie muss sich breiter aufstellen#, fordert denn auch die englischsprachige Taipei Times in einem Meinungsbeitrag. Andernfalls droht Taiwan zu einem zahnlosen Tiger zu werden.

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