Griff nach der letzten Ressource

Eine neue Technologie ist dabei Europa zu erobern: Gas wird dabei mit einem aufwendigen Verfahren aus Schiefergestein gelöst. Umweltschützer laufen gegen "Shale Gas“ Sturm.

Oberflächlich betrachtet ist Bradford Country/Pennsylvania im Oktober ein pittoresker Anblick. Der Herbst ergießt seine Farbenpracht über die Hügel und Wälder, dazwischen grast Fleckvieh auf satten grünen Weiden. Ab und zu schmiegt sich ein Bauernhof in die feuergoldene Idylle. Kein Zweifel, Bradford ist eine wahre Freude für naturbegeisterte Urlauber.

Dass Bradford dieser Tage nicht bloß Urlauber, sondern auch die Presse aus allen Fernen anzieht, liegt an der Qualität des Trinkwassers, das dort aus so manchem Küchenhahn sprudelt. Hält man ein entzündetes Streichholz dazu - dann brennt das kühle Nass nämlich lichterloh. Das ist kein Wunder, wie die US-Gesundheitsbehörde unlängst lapidar feststellte, sondern liegt am Methangehalt des Brunnenwassers. Methan ist eine brennbare, gasförmige Kohlenwasserstoffverbindung - die auch in Verbindung mit Wasser leicht entzündlich bleibt.

Aber wie ist das Gas ins Wasser gekommen? Nun, so viel haben die Bürger von Bradford schon festgestellt, dass Feuerwasser des Öfteren gerade dort fließt, wo in nächster Umgebung sogenanntes Schiefergas aus dem Boden gesaugt wird. Das geschieht unter massivem Einsatz von Wasser und Chemikalien. Ein mitunter giftiges Gemisch wird unter hohem Druck ins Gestein gepresst, um das Gas aus den Schieferschichten zu lösen. Dieses "hydraulische Fracking“ hat in den vergangenen Monaten zu bitterer Polemik geführt, die weit über die USA hinausreicht. Denn nicht wenigen Technikskeptikern gelten die Bradforder bloß als erste Opfer einer hochgefährlichen Technologie.

Andererseits gilt "Schiefergas“ als die exemplarische Hoffnung für Amerika und Europa, den Energieengpass zu bewältigen, vor dem die Industriestaaten in den kommenden Jahren stehen. Bis 2050, so der Weltenergierat WEC, wird sich der globale Bedarf verdoppeln. Grund genug, vor allem für die klassischen Energieimporteure wie Europa, nach Alternativen zu suchen.

Das Verfahren, in Schiefergesteinen gebundenes Methangas zu lösen und an die Erdoberfläche zu bringen, ist nicht neu, galt aber bis vor wenigen Jahren als zu teuer gegenüber herkömmlicher Gasgewinnung. Weltweit steigende Gaspreise und eine effizientere Technik änderten dieses Bild. Schon jetzt decken die USA 14 Prozent ihres Gasbedarfes mit Schiefergas, bis 2030 soll der Anteil auf 40 Prozent steigen.

Kaum Nutzung in Europa

Im Gegensatz dazu wird Schiefergas in Europa nicht oder kaum genutzt, obwohl vor allem Polen, Deutschland und Frankreich über große Lagerstätten verfügen würden. Laut Untersuchungen der US-Energieagentur EIA, könnte Polen alleine mit seinen Schiefergasreserven seinen gesamten Gasbedarf 300 Jahre lang stillen - auf über 5,3 Billionen Kubikmeter schätzen die Experten der EIA die förderbaren Vorkommen. Ähnlich hoch wird das Schiefergaspotenzial Frankreichs eingeschätzt. In Österreich liegen laut EIA etwa eine Billion Kubikmeter förderbares Methangas in Schieferschichten unter dem Wiener Becken.

Von den EU-Staaten treibt einzig Polen sein Gasprogramm ehrgeizig voran. 25 Ölkonzerne sind mittlerweile mit Bohrungen am "Silurian Shale“ zwischen Danzig und der ukrainischen Grenze beschäftigt. Kein Wunder, dass das Thema Schiefergas beim Besuch von US-Präsident Obama in Polen im Mai 2011 im Zentrum der Gespräche stand: US-Konzerne sind heftig interessiert, weitere Förderlizenzen vom polnischen Staat zu erwerben.

Doch die Freude über die neue Energiequelle verblasst angesichts der zunehmenden Bedenken. Es sind Geschichten wie das brennende Wasser aus Bradford County, vergiftete Kühe in Colorado und Sondermüllskandale in Texas, welche die Berichterstattung dominieren.

Der Aufwand, mit dem die Administration Obama oder Polens Premier Donald Tusk sich bemühen, bedenken über die Umwelt- und Gesundheitsschäden zu zerstreuen, wird immer wieder von Stellungnahmen konterkariert, die zur Vorsicht mahnen. So errechnete ein Wissenschafterteam der britischen Universität Cornell Anfang des Jahres, dass sich die Gasextraktion schädlicher auf das Weltklima auswirke als der Abbau und die Verfeuerung von Kohle.

Auch ein Bericht des US-Kongresses kommt zu keinen positiven Ergebnissen: Zwischen 2005 und 2009 wurden demnach in den USA über drei Milliarden Liter teils hochgiftige Spaltflüssigkeit verwendet. In 650 von mehr als 780 Proben fanden sich Spuren von krebserregenden oder gesundheitsschädlichen Stoffen.

Bürgerinitiativen befürchten, dass ein Teil der giftigen Brühe ins Grundwasser gelangen könnte, was die beteiligten Konzerne immer wieder in Abrede stellen.

Die europäischen Förderer von Schiefergas fühlen sich zunehmend als Opfer von Lobbying durch die traditionelle Erdgasindustrie - gemeint ist damit vor allem jene Russlands. Der russische Milliardenkonzern Gazprom, der erst vor wenigen Monaten eine neue Pipeline über die Ostsee nach Europa in Betrieb genommen hat, ist der absolute Beherrscher des EU-Gasmarktes. Europas größte Industrienation Deutschland ist bis zu 98 Prozent von russischem Gas abhängig. Sollte Polen tatsächlich ab 2015 zur Gasexportnation werden, würde das die russische Dominanz brechen. "Schiefergasboom in Europa - Verliert Russland an Boden?“, fragt schon bang die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti.

Proteste auch ohne Lobbying

Derzeit allerdings braucht es die Unterstützung von Gazprom gar nicht, um die Auseinandersetzung über die Zukunft der fossilen Energiehoffnung anzufachen. Das besorgt die Schiefergasindustrie mit ständigen Pannen und Verfehlungen schon selbst. In Pennsylvania hat die US-Umweltbehörde zwischen Januar und August 2011 bei 456 Kontrollen 861 Verstöße gegen Umweltvorschriften aufgedeckt. Solche Nachrichten sind Wasser auf die Mühlen der Skeptiker. Von Lünne im deutschen Emsland bis nach Cahors und Montpellier in Südfrankreich gingen die Bürger der potenziellen Gasgemeinden auf die Straße.

Frankreich suspendierte nach landesweiten Demonstrationen bereits erteilte Lizenzen für Probebohrungen.

Glaubt man der Huffington Post, dann nehmen auch die Bedenken in den USA immer dramatischere Formen an: Im US-Bundesstaat Arkansas mussten die Betreiber dreier Schiefergasförderanlagen den Betrieb einstellen, nachdem es zu einer unerwarteten Häufung von Erdbeben mittlerer Stärke gekommen war - 100 Beben in insgesamt nur sieben Tagen. Zur Genugtuung der Kritiker beruhigte sich die Seismik sofort nach der Einstellung der Fracking-Aktivität.

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