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Religion

2000 Jahre Weltrettung

1945 1960 1980 2000 2020

Wer die Welt heute vor dem Untergang bewahren will, sollte wissen, dass Gerettete stets brav waren und die Zerstörer meist die Götter.

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Wer die Welt heute vor dem Untergang bewahren will, sollte wissen, dass Gerettete stets brav waren und die Zerstörer meist die Götter.

Sowohl das Alte Testament als auch die griechische Mythologie kennen einprägsame Rettungsgeschichten. Es sind immer einzelne oder bestimmte Völker, die gerettet werden. Die Welt als Ganzes wird von den Göttern oder Gott geschaffen, in ihrem Dasein gehalten -und zerstört. Mythologische Rettungsgeschichten Einzelner sind die Folge einer in allgemeiner Zerstörung begriffenen Welt, ein individuell gewährter Gnadenakt eines oder mehrerer Götter für ihnen wohlgefälliges Betragen. Ob Noah im Buch Genesis oder Deukalion und Pyrrha in Hesiods Theogonie: Die primäre Absicht der Gottheiten ist die Zerstörung der Welt, von der sie Einzelne ausnehmen. Das Erzählschema lautet: Erschaffung der Welt in einem Idealzustand, den die Menschen zunehmend ruinieren, göttlicher Zorn darüber, und Schwamm bzw. Sintflut drüber. Wer näher hinsieht, entdeckt dieses Modell auch in den kleineren Zerstörungs-und Rettungsgeschichten: Feuer und Schwefel auf Sodom und Gomorrha, nur Lot und Familie dürfen entkommen. Keine Rede davon, dass ein Gott (egal, ob JHWH oder Zeus) in mühseliger Überzeugungsarbeit den Menschen noch eine zweite, dritte und vierte Chance gibt, oder zumindest die Sklaven, Frauen und Minderjährigen, kurz weitgehend Unschuldige rettet. Das Geschäft der alten Götter ist der Weltuntergang, verbunden mit einem pädagogischen Gnadenakt: Einer muss überleben, um weitererzählen zu können, wohin menschliches Fehlverhalten führt.

Kein Spektakel sondern Gehorsam

Das Geschäft der Religion in einem solchen Modell ergibt sich somit logisch darin, durch entsprechende Regeln derartiges Fehlverhalten und damit einen neuerlichen Weltuntergang zu verhindern. Wer lebt wie in Sodom oder dem eisernen Zeitalter Deukalions, beschwört den Feuerregen herauf, weshalb ihn religiöse Gesetzestexte und Riten daran hindern sollen. Die Rettung der Welt ist auf menschlicher Seite kein heroisches Actionspektakel, sondern Gesetzestreue und Gottesfurcht. Ein Gott wiederum braucht die Welt nicht zu retten, er kann sich eine neue erschaffen.

Und der Gott des Christentums, ist er nicht angetreten mit dem Versprechen, die Welt zu retten? Auch hier empfiehlt sich genaue Textlektüre: In der Tat verspricht Jesus Rettung: "Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet" (Mk 16,16). Dieser Glaube steht, so die ab Paulus etablierte Lesart, der ganzen Welt offen. Also kann auch die ganze Welt gerettet werden -unter der Bedingung des Glaubens an Jesus. Auf alle anderen wartet die Verdammnis, wie der zweite Teil aus Mk 16,16 sehr klar sagt: "wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden." Gerettet werden damit, wie schon im Alten Testament, Individuen, nur dass es potentiell mehr sind. Gerettet wird - am Ende der Zeiten -wiederum vor dem von Gott in die Wege geleiteten Weltuntergang, wie ihn die Offenbarung des Johannes in bis heute für die mediale Aufbereitung wirksamen Bildern ausmalt. Die Welt als Ganzes, soll heißen alle zur damaligen Zeit bekannten Regionen mit ihren Bewohnern, ihrer Fauna und Flora, sie werden nicht gerettet, sondern einer umfassenden Revision unterzogen: "Seht, ich mache alles neu!"(Offb 21,5). Gott erschafft: "einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr."(Offb. 21,1)

Die Welt in ihrem aktuellen Zustand ist aus christlicher Sicht nicht mehr zu retten.

Überhaupt gewinnt die Hoffnung auf eine Rettung AUS dieser Welt IN eine bessere Welt, sprich den Himmel, rasch an Bedeutung, sei es im Martyrium, sei es in den Verwerfungen des zerfallenden römischen Imperiums, seien es auch in den normalen Widrigkeiten irdischen Daseins im Mittelalter oder der frühen Neuzeit. Die gerettete Welt ist eine neue Welt im Sinne der oben zitierten Offenbarung nach dem Jüngsten Gericht, in leuchtenden Farben an Innenund Außenwänden von Kirchen porträtiert, mit grün schimmernden Wiesen und goldenen Arkaden. Und es ist eine sehr exklusive Welt, minus all jener, die nicht gerettet werden, sondern als massa damnata in der Hölle landen, die nun wahrlich eine unrettbare Welt ist, wie sie kein Filmemacher oder Umweltschützer abschreckender imaginieren könnte: Rauch, Feuer, extreme Hitze und Kälte, akuter Platzmangel, grotesk deformierte Lebewesen -so sieht der nicht gerettete Teil der Welt aus.

Geschäftsmodell

Diese Rettung aus dieser Welt in eine neue, bessere Welt ist nun in der Tat das Geschäft der christlichen Religion und sie entwickelt sich zu einem äußerst erfolgreichen Geschäftsmodell. Das wiederum basiert auf folgenden Annahmen: (1) Die Welt, in der wir leben, ist schlecht und permanent vom Bösen bedroht. (2) Es gibt Rettung aus dieser Welt in eine neue, bessere Welt. (3) Diese Rettung gibt es nicht umsonst: Man muss an Jesus Christus als Retter glauben und den Geboten der Kirche, die sich auf ihn beruft, folgen. (4) Die Konsequenzen für jene, die sich nicht retten lassen wollen und Punkt 3 ignorieren, sind eine noch viel schlimmere Welt als die gegenwärtige, die dann wirklich auf ewig unrettbar sein wird, auch bekannt als Hölle.

Lange Zeit war die Kirche der einzige Anbieter in diesem Rettungsgeschäft, was durchaus zur diversen Korruptionserscheinungen, wie man sie aus Monopolbetrieben kennt, geführt hat, Stichwort Ablass.

Mit der Neuzeit wird das christliche Rettungsmodell zum oft blutigen Feigenblatt der Eroberung der Welt -immerhin werden die Seelen der Eingeborenen ja gerettet, auch wenn ihre Welt zerstört und ausgebeutet wird.

Die erste große Wende in Sachen Weltrettung kommt mit der Aufklärung. Die versprochene Rettung aus dieser Welt in eine andere Welt wird -nicht ganz zu Unrecht -als Ursache des aktuellen rettungsbedürftigen Zustands identifiziert. Fortan wird Rettung IN der Welt versprochen. Die Revolutionäre von 1789 und des Marxismus, sie alle propagieren Rettung hier und jetzt, gerade auch vor den alten jenseitigen Rettungsvertröstungen. Ironischerweise ändert sich sonst nicht arg viel an der Grundstruktur der Rettungsmission: Sie wird wiederum allen versprochen, die an sie glauben (bei gleichzeitiger Verdammnis der Ungläubigen und Sünder, sprich der Aristokraten, Bourgeoisie, Kapitalisten ). Sie ist keine Rettung der bestehenden Welt, sondern deren völlige Umgestaltung. Das "Seht, ich mache alles neu" lässt wie in der Johannesapokalypse alte Bauten stürzen und in Flammen aufgehen, Widersacher fallen der Vernichtung anheim, alte (Gesellschafts-)Ordnungen, die als Manifestationen der alten, bösen Herren der Welt enttarnt wurden, werden hinweggefegt. Ja, sogar neue Körper, wie vormals die Leiber der Auferstandenen, kreieren die Weltretter des 18.-20. Jahrhunderts, nicht mehr auf Kirchenportalen, sondern in übergroßen Bronzestatuen zu bestaunen, als welche auch die neuen Rettergestalten über ihrem irdischen Himmel thronen.

Die Rettung der Welt durch die großen Revolutionen von 1789 bis 1917 ist ebenso wenig Rettung der Welt als Ganzes wie es die christliche Rettungsagenda war. Gerettet werden soll der Mensch durch Vernichtung seiner alten (Lebens-)Welt und Errichtung einer schönen neuen Welt. Die Rettung der Welt ist zum Geschäft der philosophischen Gesellschaftsutopien und daraus abgeleiteter Ideologien geworden.

Das fromme Weltrettungsmodell interessiert sich schlicht nicht für die Welt jenseits des Menschen, sie ist als Lebensgrundlage nach der jenseitigen Totalreform nicht mehr nötig. Das revolutionäre Modell sieht die Welt rund um den Menschen -kurz die Umwelt -als Ressource, die es zu nutzen gilt, um die neue Welt möglichst rasch aus dem Boden der alten zu stampfen.

Rettung der Natur

Bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus ist die Rettung der Welt jenseits des Menschen schlicht nobody's business, allenfalls ist sie Vergnügen einiger Romantiker.

Die Rettung der Welt als Bewahrung der Umwelt, der Fauna und Flora, ja des Bodens um ihrer selbst willen oder auch nur aus der Erkenntnis heraus, dass dem Menschen jenseits des bloßen Nutzens etwas abginge, hat keine lange Ideengeschichte. Die Rettung der Welt in ihrer Naturhaftigkeit um eben dieser selbst willen rückt als massentaugliches Programm erst in dem Moment der Geschichte in den Blick, wo sich die bisherigen Rettungsmodelle als für die meisten unglaubwürdig oder ungeeignet erwiesen haben und die Umwelt als essentiell für die Rettung des Menschen erkannt wird. Rettungserzählungen sind seit dem Alten Testament letztlich immer auch Beweise für den eigenen Wert: Jene Menschen, die als erste den drohenden Untergang durch die Sünden der anderen erkennen, sind auch jene, die sich als rettenswert qualifizieren. Ob "2012","Eis -wenn die Welt erfriert", oder "The Day after Tomorrow", jeder erfolgreiche Katastrophenfilm funktioniert nach diesem alten Drehbuch. Allerdings spielen wir mittlerweile alle Rollen selbst: Sünder, zu Rettende und zürnende Gottheit -und damit natürlich auch Retter und Retterin der Welt.

Die Rettung der Welt ist im Zeitalter des globalisierten Kapitalismus everybody's business geworden, die alten Monopolisten sind entweder Pleite oder haben sich Geschäftsnischen gesucht. Die Zahl der Anbieter ist dementsprechend unübersichtlich, ebenso wie die Rettungsmethoden. Die meisten greifen auf die beiden bekannten Modelle religiöser oder gesellschaftsutopischer Rettungsnarrative zurück, allerdings erweitert um eine wesentliche Facette: Aus dem "Seht, ich mach alles neu" ist oft ein "Seht, ich mache alles, wie es früher einmal war" geworden. Dass die Welt früher genauso rettungsbedürftig war, ist eine historische Pointe, die vielen entgeht. Aber vielleicht ist Weltrettung auch nur als Tagesgeschäft verträglich, wie es bei den Eurythmics schon 1999 heißt: "Hey, hey, I saved the world today, everbody's happy now, the bad things gone away."

| Die Autorin ist Leiterin des Studiendekanats an der Theologischen Fakultät der Universität Graz |