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Blutleere Wahlkämpfe

Vom #Wiener Blut, vergeistigt# spricht der Kulturpublizist Oliver vom Hove in seiner Würdigung zum 100. Todestag des Schauspielers Josef Kainz (siehe Seite 13). Im Wiener Wahlkampf ist # allerdings nicht nur bei der FPÖ # von #vergeistigt# nicht viel zu spüren. Die ÖVP erwartet sich den #frischen Wind# für Wien nach ihren Plakaten zu schließen offenbar vom SPÖ-Bürgermeister. Der verkündet seinerseits #Jetzt geht#s um Wien# # als bewärbe er sich das erste Mal um das Amt und gälte es, eine jahrzehntelange Ära sozialer Kälte und Ausbeutung durch eine Politik der Menschenfreundlichkeit abzulösen.

Über die FPÖ ist eigentlich schon alles gesagt; und Walter Sonnleitner war ziemlich sicher als ORF-Wirtschaftserklärer der Nation besser denn als Politiker. Immerhin, bestünde das BZÖ aus lauter Leuten wie Sonnleitner, könnte man überlegen, es zu wählen. Ja, und dann gibt es noch die Grünen # aber dazu später #

Wohlfühlen mit Franz Voves

Dass Steirerblut kein Himbeersaft ist, haben wir spätestens bei Reinhard P. Gruber gelernt. Was aber strömt in den Adern der landespolitischen Elite? Weder das Gehaltvolle des Kernöls noch das Frisch-Resche des Schilchers prägen die Auseinandersetzung im Kampf um Landtagsmandate und den Sessel des Landeshauptmanns. Die ÖVP identifiziert sich mit der Steiermark, was ja 60 Jahre lang auch mehr oder weniger der Realität entsprochen hat # aber vielleicht doch nicht mehr ganz zeitgemäß ist. Und die SPÖ mit Landeshauptmann Franz Voves an der Spitze führt einen Wer-wenn-nicht-er-Wohlfühlwahlkampf, mit dem schon Wolfgang Schüssel 2006 verloren hat. Da aber Voves im Unterschied zu Schüssel lauter nette Sachen sagt, die die Leute gerne hören, könnte die Rechnung aufgehen.

Die steirischen Blauen unter Gerhard Kurzmann unternehmen den interessanten Versuch, sich haarscharf rechts von HC Strache zu positionieren. Immerhin dürften sie damit Erfolg haben: Bei der letzten Landtagswahl 2005 hieß es für die Blauen #Landtag baba# # nun ist laut Umfragen der Wiedereinzug ins Landhaus gesichert. Und Gerald Grosz ist einer der Gründe, warum # wie oben # über das BZÖ nur im Konjunktiv sprechen kann.

Vergleichbar sind die beiden Urnengänge also hinsichtlich der Inhalts- und Blutleere der vorgelagerten Wahlkämpfe. Was den jeweiligen Ausgang betrifft, so ist die Steiermark freilich deutlich interessanter. Während in Wien der Sieger feststeht, gibt es in Graz ein Kopf-an-Kopf-Rennen (mit leichtem SP-Vorsprung) zu verfolgen. Für beide Parteien ist das Ergebnis des 26. Septembers von hohem symbolischem Wert: Für die ÖVP geht es um die Rückeroberung eines schwarzen Kernlandes, für die SPÖ um die Absicherung der Gewissheit, die VP-Dominanz in den Ländern gebrochen zu haben. Wohl und Wehe von Voves und Herausforderer Hermann Schützenhöfer werden auch Wohl und Wehe der jeweiligen Bundespartei-Granden beeinflussen.

Existenzielle Sorgen der Grünen

In Wien dagegen stellt sich nur die Frage, ob Michael Häupls absolute Herrschaft auch durch eine absolute Mehrheit abgesichert ist oder dafür ein paar schwarze (oder grüne?) Einsprengsel nötig sind. Gewiss, Letzteres wäre ein Dämpfer für die SPÖ, aber doch verschmerzbar. Und: Ein vor Kraft strotzender Wiener Bürgermeister muss auch für den Bundesparteivorsitzenden nicht nur angenehm sein #

Von nicht nur symbolischer sondern existenzieller Bedeutung aber sind beide Wahlen für die Grünen. Den Umfragen nach stagnieren sie auf bescheidenem Niveau in der Steiermark und verlieren in Wien. Angesichts der politischen Konkurrenz ist das gelinde gesagt verwunderlich. Aber Selbst- und Fremdwahrnehmung klaffen bei den Grünen weit auseinander. Die Gewissheit moralischer Überlegenheit verstellt vielfach den Blick auf die Wirklichkeit.

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