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Steirischer Kampf um die Lufthoheit

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Dossier. Steiermark wählt, wobei die erste Landtagswahl nach der blau-schwarzen Regierungsbildung auch bundespolitisch nicht unbedeutend ist. Rechtzeitig vor dem Wahlgang am 15. Oktober ergründet die furche bei einem Lokalaugenschein das Wesen zeitgemäßer Wahlwerbung. Weitere Beiträge widmen sich den zahlreichen Spitzenkandidatinnen und einem Thema, das nicht nur im Wahlkampf wenig präsent ist: den steirischen Slowenen.

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Zum Dossier. Steiermark wählt, wobei die erste Landtagswahl nach der blau-schwarzen Regierungsbildung auch bundespolitisch nicht unbedeutend ist. Rechtzeitig vor dem Wahlgang am 15. Oktober ergründet die furche bei einem Lokalaugenschein das Wesen zeitgemäßer Wahlwerbung. Weitere Beiträge widmen sich den zahlreichen Spitzenkandidatinnen und einem Thema, das nicht nur im Wahlkampf wenig präsent ist: den steirischen Slowenen.

Der Himmel über Graz ist blau. Ein paar Häufchenwolken und handbemalte "Widerstand"-Luftballons durchbrechen das blaue Einerlei, doch ein Luftschiff mit den Lettern "FPÖ" kann die Lufthoheit über dem Hauptplatz der Landeshauptstadt zurückerobern.

Während sich die politische Konkurrenz noch in Zurückhaltung übt, starten die steirischen Freiheitlichen bereits am 1. September mit Pauken, Trompeten und allen Regeln der Marketing-Kunst den Intensivwahlkampf. Vor dem Rathaus herrscht Jahrmarktstimmung: Präsente wie Kugelschreiber und der "Thesifant" aus blauem Plüsch werden ausgeteilt. "Hau den Lukas", Bullenreiten und ein Überschlagsimulator bieten die Möglichkeit, negative Energien abzubauen, noch bevor der politische Teil beginnt. Doch das Spektakel ist nicht nach jedermanns Geschmack: "Spült's a steirische Musi wenn's um d'Steiermark geht", mokiert sich ein älterer Herr über die Rhythmen der "Beatstreetband".

Aller Empörung zum Trotz: Er bleibt - in Erwartung deren, die da noch kommen sollen. Und sie kommen alle: Der nach Wien entschwundene Infrastrukturminister Michael Schmid, die steirische Spitzenkandidatin Theresia Zierler, Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer und Jörg Haider höchstselbst betreten hintereinander die Bühne. Das Publikum kommt auf seine Kosten: Faule Eier fliegen Richtung Haider, der zurückschimpft: "Und wenn ich nur noch in der Badehose dastehe, werde ich trotzdem nicht schweigen." Die Menge johlt.

Wahlkampf anno 2000: Der klassische Straßenwahlkampf ist längst großen, durchkomponierten Events gewichen, analysiert der Grüne Bundespressesprecher Stefan Schennach. Werbemittel Nummer eins in Österreich ist und bleibt jedoch das Plakat. Eigentlich unverständlich, meint Schennach: "Es provoziert eine Aufmerksamkeit von einer bis drei Sekunden, und wenn man noch die geringe Reichweite betrachtet, ist es eine recht teure Angelegenheit." Überaus wichtig seien Plakate jedoch zur Identifikation und Motivation der Funktionäre - und "um die Präsenz einer Partei zu unterstreichen".

Präsent sind die Freiheitlichen allemal: Hinter jeder Ecke formuliert Zierler "Mein Ziel" auf großflächigen Plakaten. Man habe versucht, "steirische Themen aufzugreifen", kommentiert Landesparteisekretär Karl Wiedner die Schwerpunkte Kinderschutz, Drogen, Gentechnik und Sicherheit. Diesmal sei aber alles anders: "Wir sind in der Regierung und es ist schon wegen der Sparmaßnahmen nötig zu argumentieren." Unter 20 Millionen Schilling wolle man in diesem "sehr, sehr sparsamen" Wahlkampf bleiben. Für Zierler wird es jedoch schwer: Laut Umfragen kann die ehemalige "Willkommen Österreich"-Moderatorin rund 20 Prozent zu einem blauen Kreuzerl motivieren. Gegenüber 1995 wäre das eine Steigerung von bis zu drei Prozent.

Während die bunten Bilder der Freiheitlichen zu Herzen gehen sollen, zeigen die Sozialdemokraten den "schwarz-blauen Kaputtsparern" in Wien "die rote Karte". Im Grazer Arbeiterkammersaal werden die Betriebsräte auf Linie gebracht: "Die Dritte Republik braucht nicht ausgerufen zu werden, sie ist schon da", wettert SP-Spitzenkandidat Peter Schachner-Blazizek und erntet tosenden Applaus. Nach der Absage an das "Schröpfungspaket" und dem obligaten "Freundschaft" laben sich die frisch motivierten Betriebsräte an Gulaschsuppe und Wiener Würstel. Ein plüschiger "Red Panther" macht die Runde, rote Fruchtgummis liegen auf. "Maximal 25 Millionen Schilling" lässt man sich nach eigenen Angaben den Wahlkampf kosten.

Der Erfolg der "roten Karten" nach dem Vorbild der "polarisierenden Benetton-Plakate" - so der Kommentar von SP-Wahlkampfleiter Hans-Joachim Ressel - hält sich in Grenzen: "Man hätte dem Erfinder dieser Plakate etwas überweisen sollen", reibt sich VP-Wahlkampfleiter Reinhold Lopatka die Hände. Kritik an den roten Karten kommt auch von einem Gesinnungsgenossen: "Das ist psychologisch falsch ausgelegt. Mit ,Stop' wird mich niemand wählen," wundert sich Sepp Hartinger, SP-Wahlkampfleiter in den 80er Jahren und zurzeit Präsident des "Internationalen Verbands politischer Berater".

Doch drei Wochen vor der Wahl scheint Fortuna den Sozialdemokraten wieder hold zu sein. Die Diskussion um Studiengebühren lieferte ihnen gute Gründe, die Parole zu wechseln: "Wir halten zu Euch!" versichert Schachner-Blazizek nun plakativ, Seite an Seite mit zuversichtlich blickenden Studierenden. Der Erfolg des Marketing-Schwenks wird sich weisen: Kam die SPÖ 1995 mit knapp 36 Prozent bis auf wenige Stimmen an die ÖVP heran, so zeichnet sich laut den Wahlprognosen diesmal ein Debakel ab: Bis zu minus vier Prozent wird der SPÖ vorausgesagt.

Wachsen, und zwar ordentlich wollen die steirischen Grünen. Stilecht feiern sie zum Wahlkampfauftakt eine "green party" im Studentenheim. Nicht nur klassische Themen wie Umwelt, öffentlicher Verkehr und Menschenrechte liegen am Tapet: Auch Häme kommt nicht zu kurz. "Schmid und Bartenstein: Mir wäre lieber, die Steiermark würde ihre besten Leute exportieren", ätzt Alexander Van der Bellen. Spitzenkandidatin Edith Zitz versucht jedoch den Schwenk zur Sachpolitik - und hier sei man auch zu Hause, stellt Wahlkampfleiterin Sonja Tautscher klar: "Die anderen machen bei den Themen sexueller Missbrauch und Kampfhunde ja Wahlkampf mit niederen Instinkten." Am Event führt jedoch auch bei den Grünen kein Weg vorbei: "Echt scharfer" grüner Pfeffer und "echt gute" biologische Schokolade sollen das Publikum überzeugen, zusammen mit Afro-Rhythmen und dem musikalischen Urgestein Otto Lechner am Akkordeon. Vier Millionen Schilling ist den Grünen der Wahlkampf wert, durch den ein Sprung von 4,3 auf sieben Prozent gelingen soll. Das Motto lautet frei nach Otto Lechner: "Es ist nie zu spät."

An diesen Spruch klammern sich auch die steirischen Liberalen. Bei der Grünen-Parole "Die einzige Opposition" vergeht jedoch Wahlkampfleiterin Claudia Babel das Lachen: "Das ist populistisch. Was die Blauen rechts tun, tun die Grünen jetzt links." Mit der Parole "Die Steiermark braucht Tempo" und einem täglichen Protestfrühstück im Grazer Stau versucht das LIF, die steirische Bastion zu retten. Ganze 650.000 Schilling stünden zur Verfügung, klagt Babel, für Plakate, Inserate und flaumige Sandkuchen. Nur karge drei Prozent versprechen jedoch die Prognosen für Spitzenkandidat Christian Brünner. Über die gezählten 16 LIF-Großformatplakate im Großraum Graz kann Stefan Schennach von den Grünen nur lachen: "Es hätten nicht einmal 300 einen Sinn. Wenn ich kein Geld habe, muss ich eben spritzig sein."

Viel mehr als Kreativität bleibt auch den Kommunisten zwischen den Standlern am Grazer Lendplatz nicht übrig: Ein Kollektiv von 15 Leuten kämpft mit 500.000 Schilling beharrlich um einen "Achtungserfolg", informiert Spitzenkandidatin Elke Kahr und verteilt Flugblätter am samstäglichen Bauernmarkt.

Ein paar Straßenzüge und Ideologien weiter findet der Auftakt zu jenem Wahlspektakel mit dem meisten Pomp statt: Die ÖVP huldigt im Jugendtheater "Next Liberty" ihrem Wahlprogramm mit Namen Waltraud Klasnic. Vor dem Eingang bietet ein Stand alles, was das Herz begehrt: Hans Rauschers Klasnic-Buch, Hosenträger oder einen Flachmann. Im Inneren tummelt sich zu Jazz-Klängen alles, was Rang und Namen hat - vorzugsweise in Steirertracht: Altlandeshauptmann Josef Krainer ebenso wie Wirtschaftsminister Martin Bartenstein und Vorarlbergs Landesvater Herbert Sausgruber. "Wir brauchen gar keine Zurufe von außen", propagiert er und erntet mit der "Los von Wien"-Ansage demonstrativen Applaus. Die Devise im Saal lautet nicht nur "Mit Waltraud Klasnic auf Erfolgskurs" sondern auch "Man darf den Tag nicht vor dem Abend loben". Die Wahlstrategen wissen warum: Klasnic wird zwar ein Zuwachs auf bis zu 40 Prozent prognostiziert, doch auch 1995 schaute es gut aus, und dann betrug der Vorsprung auf die SPÖ gezählte 2.414 Stimmen.

Bussis für Frau LH Im Bühnenraum hat sich derweil Waltraud Klasnic "nicht vor, sondern neben" die über hundert angereisten Listenkandidaten ans Rednerpult gestellt: "Ich will eine Steiermark, die Heimat ist und Zukunft hat". So oder ähnlich lauten auch die Parolen, die die Steiermark flächendeckend markieren. Mehr als 1.000 Team-Klasnic-Autos sind unterwegs, um die über 200.000 Unentschlossenen zu überzeugen. "Doch nicht mit einer Materialschlacht, sondern mit persönlichem Einsatz", hämmert VP-Wahlkampfleiter Lopatka den Parteifreunden ein. 19,8 Millionen Schilling gibt die ÖVP nach eigenen Angaben für die Eroberung steirischer Herzen aus - man habe sich "eben etwas Geld angespart".

Auch die Landesmutter selbst wirft sich nach dem Motto "Klasnic in the city" in die Schlacht. Ob am Wochenmarkt, bei Messeeröffnungen oder sonstigen Menschensammlungen: Klasnic schüttelt Hände, fragt nach dem Befinden oder erntet von gerührten Damen Wangenbussis. Auf den Vorwurf, die ÖVP mache eine Person und nichts sonst zum Programm, reagiert Wahlkampfleiter Lopatka amüsiert: "Es gibt nichts stärkeres als die Frau Landeshauptmann. Insofern haben die anderen Recht."

Schauplatzwechsel vom VP-Wahlkampfauftakt zurück zum Grazer Hauptplatz. Dort steht ein haushohes Ungetüm, gefüllt mit heißer Luft. Am grünen Heißluftballon prangt "Waltraud Klasnic". Aber nein, abfliegen wird der Koloss heute nicht mehr, erklärt der Bursch in der Gondel den Schaulustigen. Im Hintergrund ein verirrtes Liberales Großplakat: "Die Steiermark braucht Tempo."

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