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"Mein täglicher kleiner Protest"

Bruno Aigner: Erst 68er, dann SPÖ-Querkopf und heute Sprecher von Bundespräsident Heinz Fischer über ein bewegtes Jahr und Zurückhaltung in den Hofburg-Mauern.

Die Furche: Herr Aigner, was verbinden Sie mit dem Jahr 1968?

Bruno Aigner: Viele politische Ereignisse wie die Ermordung von Martin Luther King oder den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in der damaligen Tschechoslowakei. Natürlich aber auch den weltweiten Studenten- und Jugendprotest unter Slogans wie "Unter den Talaren der Mief von tausend Jahren", "Vietnam wird nie Ami-Kolonie" oder "Die Fantasie an die Macht".

Die Furche: Sie waren 1968 26 Jahre alt. Wie haben Sie persönlich am damaligen Protest mitgewirkt?

Aigner: Ich war einer der protestierenden Studenten in der dritten Reihe und habe an Demonstrationen, Sit-Ins und Teach-Ins teilgenommen.

Die Furche: Gibt es ein Ereignis, an das Sie sich besonders gut erinnern?

Aigner: An den Protest gegen die sozialdemokratische Kundgebung am 1. Mai. "Weniger Blasmusik, mehr Sozialismus" war unsere Parole. Zehn von uns, darunter auch ich, wurden wegen "Verstellung des Gehsteiges" für kurze Zeit festgenommen und in die Rossauerkaserne gebracht. Allerdings war dort ein netter Wärter, der uns im Radio das Fußballspiel Österreich-Bulgarien mitverfolgen hat lassen. Was ich damit sagen will: In Österreich ist es im Gegensatz zu Paris und Berlin eher gemütlich zugegangen.

Die Furche: Sie waren 1968 noch nicht für eine politische Partei aktiv. War 1968 der Auslöser für Ihre politische Karriere?

Aigner: Ich war damals noch in keiner politischen Partei, wohl aber durch meine Mutter sozialdemokratisch geprägt. So wie andere in die Kirche gegangen sind, bin ich am 1. Mai mit meiner Mutter im schönsten Gewand zur Mai-Kundgebung in die Provinzstadt gegangen, aus der ich komme. Der Mai 1968 hat mich dann so richtig politisiert.

Die Furche: Was war dann der Auslöser?

Aigner: Eine Auswirkung von 1968 war, dass sozialdemokratische Leitfiguren wie Willy Brandt in Deutschland oder Bruno Kreisky in Österreich durch den globalen und lokalen Studentenprotest quasi Flügel bekommen haben. Sie haben gemerkt, dass die Zeit reif ist für notwendige Veränderungen in einer verkrusteten Gesellschaft. Willy Brandt hat das in Deutschland "Mehr Demokratie wagen" genannt. Bruno Kreisky ist mit dem Slogan "Alle Lebensbereiche mit Demokratie durchfluten" angetreten. Ich habe mich dann im Wahlkampf 1975 in der Aktion "Junge Österreicher für Kreisky" für Kreisky engagiert. Das war auch der Zeitpunkt, zu dem ich in die SPÖ eingetreten bin.

Die Furche: Wenn Sie heute jung wären, würden Sie sich dann politisch engagieren und warum?

Aigner: Ja, natürlich. Für mich gilt auch heute noch die Erkenntnis von 1968: "Alles Politische ist privat, und alles Private ist politisch." Ich kann es auch nur jedem raten, die Dinge, die einen bewegen und angehen, selbst in die Hand zu nehmen, Zivilcourage zu zeigen, Dinge zu hinterfragen und - wenn eindeutig - zum Tanzen zu bringen.

Die Furche: Warum tun das heute so wenig junge Menschen?

Aigner: Ich habe nicht den Eindruck, dass junge Leute heute unpolitisch sind. Sie engagieren sich vielleicht nicht in einer Partei, aber für eine Sache. Ich habe sehr positive Erfahrungen mit jungen Menschen gemacht, die sich z. B. für eine soziale Sache engagieren, für die Dritte Welt oder in der Ausländerpolitik.

Die Furche: Also sind die Parteien selbst schuld, dass sich keine jungen Menschen für sie engagieren wollen?

Aigner: Zu einem großen Teil. Man muss aber auch noch einen anderen Aspekt sehen. 1968 war sicher so etwas wie eine Initialzündung für die grüne Bewegung, die Frauenbewegung oder die Anti-Atombewegung. Und daraus sind wieder NGOs wie Greenpeace oder Attac hervorgegangen. In diesen Organisationen, die global agieren, sind sehr viele Menschen im weitesten Sinne politisch engagiert.

Die Furche: Wollen Sie damit sagen, NGOs sind die Parteien von heute?

Aigner: Es gibt gute Gründe, warum sich viele junge Menschen außerhalb der Parteigrenzen bestätigen. Ich denke mir, dass den etablierten Parteien einfach die Visionen, was die Zukunft einer Gesellschaft betrifft, fehlen. Sie führen nur einen verkümmerten intellektuellen Diskurs und treten in der Praxis am Stand.

Die Furche: Heißt das, wenn Sie heute jung wären, würden Sie sich auch eher für eine NGO engagieren und nicht unbedingt in einer Partei?

Aigner: Beides ist wichtig. Aber NGOs sind heute eine Hefe für unsere Gesellschaft.

Die Furche: Sie haben einmal Rot-Grün als einzige Koalitionsmöglichkeit bezeichnet. Sehen Sie das nach wie vor so?

Aigner: Ich sehe das nicht als einzige Möglichkeit, so wie viele hätte ich mir das aber gewünscht. Dafür hätte die SPÖ schon vor der vorletzten Wahl Signale in Richtung Grüne aussenden müssen. Die SPÖ benimmt sich aber hochnäsig den Grünen gegenüber, nach dem Motto "Die Grünen gehören sowieso zu uns, wir müssen uns nicht um sie bemühen". Die SPÖ muss sich aber bemühen.

Die Furche: Sehen Sie derzeit eine realistische Chance, dass eine Koalition Rot-Grün einmal zustandekommt?

Aigner: Als Mitarbeiter des Bundespräsidenten muss ich mich zurückhalten, was konkrete politische Koalitionsüberlegungen betrifft. Das eigentliche Thema hier ist doch 68.

Die Furche: Um darauf zurückzukommen: Wann waren Sie denn zum letzten Mal demonstrieren?

Aigner: Ich habe über die Jahre eine Demonstrationskarte erworben, die ziemlich viele Punkte hat. Zum letzten Mal habe ich mich in eine Solidaritätsdemonstration für die Kurden vor zwei Jahren eingereiht.

Die Furche: Sie werden ja selbst als Revoluzzer oder als Querdenker bezeichnet. Sehen Sie sich heute auch noch so?

Aigner: Nein, man bezeichnet sich ja selbst nicht so. Wenn man öffentliche Aussagen macht, die gegen den Strich gebürstet sind und sich über die Jahre hinweg in einer Partei seine Ecken und Kanten bewahrt, kriegt man ein Etikett umgehängt, auf dem Revoluzzer, Querdenker oder Vordenker draufsteht.

Die Furche: Haben Sie diese Ecken und Kanten noch?

Aigner: Das kann ich selbst schwer beurteilen. Ich mache mir nach wie vor Gedanken über die politische Entwicklung, versuche aber, mich in der Öffentlichkeit zurückzuhalten. Mitarbeiter des Bundespräsidenten sind nun einmal zur Zurückhaltung und Überparteilichkeit angehalten.

Die Furche: Fühlen Sie sich in Ihrer derzeitigen Position eingeengt?

Aigner: Manchmal schon. Ich habe früher oft Kommentare geschrieben, dafür bekam ich dann auch das Etikett eines Querdenkers umgehängt. Wenn es wieder einmal besonders turbulent zugeht in Österreich, wie in den letzten Monaten, und ich den intellektuellen Kleinmut und den mangelnden Diskurs sehe, hätte ich schon Lust, mich ins Getümmel zu werfen. Andererseits kann man ja alles niederschreiben und später rausgehen und etwas veröffentlichen.

Die Furche: Ist die Hofburg also eine Art "goldener Käfig" für Sie?

Aigner: Die Hofburg wirkt dämpfend, die Umgebung und das kaiserliches Ambiente wirken beruhigend.

Die Furche: Würden Sie lieber im Nationalrat als in der Hofburg sitzen?

Aigner: Nein, heute nicht mehr. Ich habe sicher einmal die Ambition gehabt, aber die SPÖ hat mich an unwählbarer 49. Stelle in der Steiermark gereiht. Das heißt, die Chance, einen Sitz im Nationalrat zu bekommen, war eigentlich gleich Null. Meine Lehre daraus war: Entweder du passt dich an, oder du behältst dir deinen "Eigensinn".

Die Furche: Sie haben doch Ihre ganze politische Laufbahn lang versucht, die SPÖ umzukrempeln. Haben Sie das irgendwann aufgegeben?

Aigner: Nein, für mich ist meine derzeitige Funktion nur eine Unterbrechung. Jetzt ist Pause. Aber man kann auch ohne Scheinwerfer und hinter den Kulissen einen Diskurs führen.

Die Furche: 2001 haben Sie zur APA gesagt, Alfred Gusenbauer sei der politisch klügste Kopf an der SPÖ-Spitze seit Kreisky. Was sagen Sie jetzt?

Aigner: Dazu kann ich leider aufgrund meiner derzeitigen Position nicht Stellung nehmen.

Die Furche: Ist es ein kleines 1968, wenn sich heute die junge SPÖ gegen die etablierte Partei wendet?

Aigner: Im Gegenteil, ich höre zu wenig von den Jungen. Da war es in den 70iger Jahren lauter, auch unter Bruno Kreisky. Ich kann mich noch erinnern, als er uns zu sich zitiert hat, weil wir einen frechen Leitartikel "König Brunos Tafelrunde" geschrieben haben. Allerdings hat er uns das Gefühl gegeben, wir hätten mit unserer Kritik nicht so Unrecht und sollten dranbleiben. Das fehlt heute. Aber ich will auch nicht nostalgisch sein.

Die Furche: Wird 1968 im Allgemeinen zu nostalgisch betrachtet?

Aigner: 1968 war keine Heldentat, aber es hat einen geprägt, wenn man dabei war. Zum Beispiel das Verhältnis Frau-Mann: Am Tag ist man demonstrieren gegangen für die Gleichstellung der Geschlechter, nach zwanzig Uhr war man dann wieder der Urmacho.

Die Furche: Sie auch?

Aigner: Ja, auch ich habe mich machomäßig aufgeführt, ich habe auch nicht allzu viel darüber nachgedacht. Es war halt vieles Theorie. Trotzdem ist man einige Meter weitergekommen seit 1968. Die Hierarchien sind flacher, die Mitbestimmung stärker, viele gehen aufrechter.

Die Furche: Außerdem muss heute der Pressesprecher des Bundespräsidenten keine Krawatte tragen?

Aigner: Ja, die Krawatte. Sie war ein Symbol für das "Establishment". Ich trage auch heute keine, weil sie mich in der Arbeit stört. Und ich bin froh, dass man nichts dabei findet, wenn ich auch einem George W. Bush oder einem Wladimir Putin im Anzug und schwarzem Polo gegenübertrete. Sie haben sich nicht beschwert. Das ist mein täglicher kleiner Protest.

Die Furche: Was halten Sie von dem Sprichwort "Wer mit 20 kein Linker ist, hat kein Herz, wer aber mit 40 noch immer einer ist, hat kein Hirn"?

Aigner: Gar nichts. Ich denke, es ist schön, mit zwanzig links zu sein und mindestens so schön, noch mit 60, 70, 80 Jahren links zu sein. Der Gedanke, dass man die Demokratie bewegen muss, damit sie stabil bleibt, ist in jedem Alter richtig.

Das Gespräch führten Cornelia Girardi und Michael Weiß.

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