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"Ich fürchte, die Kluft wird tiefer"

1945 1960 1980 2000 2020

Am 20. März feiert Rudolf Kirchschläger seinen 85. Geburtstag. Das folgende Furche-Gespräch mit dem als Autorität geschätzten Altbundespräsidenten ist eine Gelegenheit, auf sein Leben zurückzublicken und zu erfahren, wie er die derzeitige politische Situation einschätzt.

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Am 20. März feiert Rudolf Kirchschläger seinen 85. Geburtstag. Das folgende Furche-Gespräch mit dem als Autorität geschätzten Altbundespräsidenten ist eine Gelegenheit, auf sein Leben zurückzublicken und zu erfahren, wie er die derzeitige politische Situation einschätzt.

Die Furche: Sie feiern demnächst Ihren 85. Geburtstag. Wie haben Sie die Zeit des Alters erlebt?

Rudolf Kirchschläger: Ich habe das Alter von 70 an genossen. Es kam doch eine etwas stärkere Ruhe über mich. Ich begann, Zeit zu haben, einmal Dinge bis zum Ende durchzudenken. Allerdings ist es in den letzten Jahren durch alle möglichen Krankheiten, die sich zum Alter gesellten, etwas mühseliger geworden. Krankheiten machen es manchmal schwerer, noch ein normales Leben zu führen.

Die Furche: Was hat Sie in dieser Zeit besonders beschäftigt?

Kirchschläger: Ich bin zurückgegangen zu den Anfängen meiner Freizeitbeschäftigung: zu der Gartenarbeit, zum Wandern - aber alles in maßvollen Grenzen.

Die Furche: Haben Sie sich schwer auf ein Pensionistendasein umgestellt?

Kirchschläger: Eigentlich nicht. Und zwar deswegen nicht, weil die Briefe mit persönlichen Anliegen, die ich als Bundespräsident bekommen hatte, auch nachher weiter gekommen sind. Es hat lang gedauert, bis die Bevölkerung festgestellt hat: Er ist wirklich nicht mehr im Amt. Ich habe noch lange Gnadenbitten bekommen. So ist ein großer Keller voll Post zusammengekommen.

Die Furche: Sie sagten, Sie hätten Zeit gehabt, Dinge zu Ende zu denken. Um welche Fragen handelte es sich da?

Kirchschläger: Auf der einen Seite das eigene Leben. Warum ist es so gegangen? Auf der anderen Seite wohl auch das Schicksal der Gemeinschaft: Auf welchem Weg befinden wir uns?

Die Furche: Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Kirchschläger: Ich bin Gott wirklich dankbar für dieses Leben. Denn ich habe nie etwas angestrebt. Ich weiß: Das ist schwer zu glauben, aber ich habe nie etwas angestrebt. Als ich studierte, war mein Ziel, zugeteilter Beamter der Bezirkshauptmannschaft Linz-Land zu werden. Ich bin ja aus Oberösterreich. Aber das ist mir versagt geblieben. Denn es haben sich immer andere Entscheidungen ergeben. Manchmal war ich vielleicht ein bißchen waghalsig, habe mit einem gewissen Mut zugegriffen und dann versucht, möglichst viel zu arbeiten, bis ich einen guten Ruf hatte.

Die Furche: Sie sagten, Sie seien Gott für Ihr Leben dankbar. Hat Ihnen der Glaube im Leben, im Alter, geholfen?

Kirchschläger: Ja. Der Glaube hat mir so ziemlich - ich sage bewußt ziemlich - in allen Lebenslagen geholfen. Er hat mich vor allem schon in meiner ersten Jugend davor behütet, in die Extreme: links (Kommunisten) - rechts (Nationalsozialisten) hineinzuschlittern. Und ich habe dadurch auch viele Freunde ganz links und ganz rechts. Der Glaube hat sich in seiner Intensität verstärkt. Ich hatte ihn stärker von 14 bis 20 Jahren, dann etwas schwächer und als meine Kinder zur Welt kamen, wieder stärker. Es ist so, daß man nicht immer im gleichen Ton und mit der gleichen Innigkeit und Aufrichtigkeit mit Gott reden kann. Ich zumindest kann mir das nicht vortellen.

Die Furche: Sie waren viele Jahre Diplomat. Können Sie sich aufgrund Ihrer Erfahrungen erklären, warum es zu den heftigen ausländischen Reaktionen gegen Österreich, die wir derzeit erleben, kommen konnte?

Kirchschläger: Erklärungsversuche gibt es viele - angefangen von der Gefahr im eigenen Land. Was mich an der ganzen Sache betrübt und verwundert, ist, daß wir so wenige Freunde in der Welt haben: Nicht einer der 14 Staaten ist aufgestanden und hat gesagt: "Ich kenn' die Österreicher. Habt keine Angst, die machen nichts ..." Ein Kontumazurteil ist nicht schön.

Die Furche: Ich stelle mir vor, Sie sind froh, daß Sie nicht in dieser Situation Bundespräsident sind ...

Kirchschläger: Ich war gerne Bundespräsident und bin gerne in Pension gegangen. Die Lösungsmechanismen, die dem Bundespräsidenten zur Verfügung stehen, sind nicht sehr groß.

Die Furche: Welche Faktoren haben Ihrer Meinung nach zur jetzigen Krise geführt?

Kirchschläger: Was mich nachdenklich macht und warum ich auch relativ stark für eine rot-schwarz Koalition eingetreten bin, ist der Umstand, daß ich die Jahre 1929 bis 1934 schon als reifer, denkender Mensch miterlebt habe. Die damalige Teilung Österreichs in den Bürgerblock auf der einen Seite und die sogenannte Arbeiterschaft auf der anderen Seite war so böse und hatte so schwerwiegende Folgen, daß wir sie jetzt bei Wahlkämpfen noch immer spüren.

Die Furche: Gibt es diese Kluft noch?

Kirchschläger: Sie ist aufgetan - und ich fürchte, sie wird tiefer - eine Gefahr für Österreich. Denn: Einmal demonstriert die eine Seite, dann zeigt die andere ihre Stärke, dann haben wir schon die Aufmärsche mit spanischen Reitern dazwischen. So ist es letzten Endes zu Schattendorf und den weiteren Ereignissen gekommen ...

Die Furche: Die Zweite Republik hat doch die Lager halbwegs versöhnt ...

Kirchschläger: Ich habe das auch gemeint, war eine Zeitlang davon überzeugt. Bei meinen Wahlkampagnen als Bundespräsident - wo Friede im Haus war - habe ich aus einzelnen Bemerkungen herausgehört, wie stark für die einen rot ein Schimpfname ist, schwarz für die anderen. In unserem Volk ist noch etwas von dem alten Gift drinnen. Ich fürchte, das bekommt neue Nahrung.

Die Furche: Die Gesellschaft hat sich doch verändert: Die Arbeiter sind eine aussterbende Klasse, ebenso die Bauern. Die soziale Zuordnung ist doch recht diffus geworden ...

Kirchschläger: Das stimmt schon. Aber die Grundmuster werden meinem Gefühl nach jetzt von den Parteien übernommen.

Die Furche: In welcher Polarität?

Kirchschläger: Mit Worten. Man ist mit Worten ungemein großzügig. Man überlegt nicht, was man sagt. Und Worte können sehr verletzen.

Die Furche: Sind die Politiker früher behutsamer miteinander umgegangen?

Kirchschläger: Ich glaube ja. Zwischen ihnen gab es ein besseres persönliches Verhältnis.

Die Furche: Ist Österreich in dieser Hinsicht stärker gefährdet als andere europäische Länder?

Kirchschläger: Ich glaube nicht. Die romanischen Völker sind leicht aufgeregt. Sie sind stärker gefährdet. Dafür regen sie sich aber auch schnell wieder ab. Bei uns werden die Dinge aber eher nachgetragen.

Die Furche: Wir hätten also nichts aus der Geschichte gelernt?

Kirchschläger: Für eine bestimmte Zeit schon. Dann sind wir des Gelernten müde geworden. Gelernt hat die Generation, die die schlechten Zeiten erlebt hat und die nächste noch. Es müßten sachte wieder die Kontakte zwischen den Parteien geknüpft werden und eine interne Sprachregelung geben: "Achte auf die Worte!"

Die Furche: Auch ein Appell an die Medien?

Kirchschläger: Die Medien haben sicher Mitverantwortung. Die Politik ist heute mehr medienorientiert. Wenn ich an die Zeit denke, als wir den Staatsvertrag verhandelt haben: Hätten wir damals nach heutigem Muster um das Haus der Industrie die Journalisten gehabt und wären wir herausgekommen, um zu sagen, der Artikel 13 hat jetzt diese Fassung - das wäre schlimm gewesen. Ich bin kein Freund von Geheimdiplomatie. Das Ziel der Diplomatie muß erkennbar sein und erklärt werden. Man soll sie jedoch nicht am Marktplatz austragen. Aber das ist ein Erbe, das auf Bundeskanzler Kreisky zurückgeht.

Die Furche: Sie sprachen von fehlenden Freunden im Ausland. Wie gewinnt man solche?

Kirchschläger: Ich dachte, wir haben sie und müßten uns keine machen. Die Freundschaft zwischen Völkern und Regierungen ist etwas sehr Schillerndes. Das Eigeninteresse spielt da eine etwas größere Rolle als die Freundschaft.

Die Furche: Vor welcher Herausforderung steht jetzt eigentlich die EU?

Kirchschläger: Ich glaube, sie muß in angemessener Zeit - das wird schon ein Jahr dauern - wieder zu normalen Grundsätzen des zwischenstaatlichen Verkehrs zurückfinden. Man darf dort nicht immer von Europa reden, sondern muß auch ein bißchen europäisch handeln.

Die Furche: Was ist die Bilanz Ihres Appells, "saure Wiesen" in Österreich trockenzulegen?

Kirchschläger: Die Bilanz ist negativ. Aber man kann von Reden nicht erwarten, daß die Leute zu Hunderten in die Kirche strömen. Man kann nur aufrütteln und sagen: Das ist Recht. Erwartet man mehr, wird man enttäuscht sein.

Das Gespräch führte Christof Gaspari ZUR PERSON Berufsziel: Beamter der Bezirkshauptmannschaft Rudolf Kirchschläger ist am 20. März 1915 in Niederkappel in Oberösterreich geboren. Schon früh verlor er seine Eltern (1918 die Mutter, 1926 den Vater). Durch Gelegenheitsarbeiten finanzierte er sich die Bahnfahrt zur Hauptschule in Steyr. Am Aufbaugymnasium in Horn maturierte er 1935 mit Auszeichnung. Es folgten Jusstudium (Promotion 1940) und Kriegseinsatz (mit schwerer Verwundung). 1947 wurde er Bezirksrichter in Langenlois und 1954 übersiedelte er in die Völkerrechtsabteilung des Außenministeriums. Dieses vertraute ihm 1967 den Posten eines Gesandten in Prag an, wo er bis 1970 blieb, um im Anschluß daran die Leitung des Außenministeriums in der Regierung Kreisky zu übernehmen. 1974 wurde er zum Bundespräsidenten gewählt. Dieses Amt bekleidete er bis 1986. Altbundespräsident Rudolf Kirchschläger ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

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