"Rückbesinnung tut not"

Der Physiker herbert pietschmann setzt auf die Abkehr vom bloß materialistischen Denken, warnt aber vor metaphysischer Vereinnahmung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse.

Im Rahmen der gemeinsam mit der furche veranstalteten Vortragsreihe "Forum Sacré CSur" war zuletzt der emeritierte Universitätsprofessor für Theoretische Physik und Philosoph Herbert Pietschmann im Gymnasium am Rennweg zu Gast. In seinem Referat sprach er über die Veränderung des naturwissenschaftlichen und spirituellen Weltbildes im Laufe der Geschichte. Im Anschluss gab es eine Diskussionsrunde mit Schülern und Schülerinnen der Maturaklasse des Gymnasiums, die wir hier auszugsweise wiedergeben.

Wie kamen Sie von der theoretischen Physik zur Philosophie?

Herbert Pietschmann: Die theoretische Physik ist mein Hauptbetätigungsfeld, darüber hinaus aber habe ich immer versucht, ein ganzer Mensch zu bleiben. Schon als Student war mir klar, dass ich drei Bereiche meines Lebens intensiver verfolgen werde: die Physik, die Philosophie und die Musik; und diesen bin ich auch treu geblieben.

Muss ein guter Wissenschafter auch gleichzeitig ein guter Philosoph sein?

Pietschmann: Ob ein Wissenschafter ein sehr spiritueller oder gläubiger Mensch ist oder ein reiner Materialist, hat keinerlei Einfluss auf die Qualität seiner wissenschaftlichen Arbeit. Unter den großen Naturwissenschaftern, ja sogar Nobelpreisträgern, gibt es welche, die sehr gläubig sind oder einen naiven Glauben gehabt haben, wie zum Beispiel Albert Einstein - aber es gibt natürlich auch militante Atheisten.

Heutzutage wird das spirituelle Weltbild sehr getrennt vom naturwissenschaftlichen betrachtet. Denken Sie, dass es zwischen diesen beiden Anschauungen Berührungspunkte geben kann, und wenn ja, wo liegen diese?

Pietschmann: Es gibt drei Ebenen, auf denen solche Berührungspunkte möglich sind. Zunächst gibt es die primitive Ebene, die von Naturwissenschaftern abgelehnt wird. Das ist dann der Fall, wenn man Analogieschlüsse zieht. Insbesondere die Quantenmechanik eignet sich sehr gut dafür - zum Beispiel Teleportationen oder Aussagen wie "Alles ist Schwingung" oder ähnliches. Das kann man mit Recht als Unsinn bezeichnen. Auf der zweiten Ebene versucht man den Teil der Welt, den man nicht mit den Sinnen erfassen kann, erfassbar zu machen. Das wird auch von Wissenschaftern betrieben. Ich halte das aber auch nicht für einen endgültigen Weg. Es ist erstens einmal eine Modeerscheinung, und außerdem übersieht dieser Ansatz, dass die Welt mehr ist, als wir mit den Sinnen erfassen können. Die dritte Ebene, von der ich selbst am meisten halte, lässt sich am besten mit den Worten Albert Einsteins beschreiben: "Das Unbegreiflichste an der Welt ist ihre Begreiflichkeit". Das meint: Wir können zwar mit Hilfe der Naturgesetze die materielle Welt beschreiben, aber wir können nicht erklären, warum es solche Naturgesetze überhaupt gibt. Die Offenheit des Systems lässt jedem Einzelnen die Freiheit, Stellung zu nehmen zum Sinn des Ganzen. Wäre es möglich zu einer gesicherten Aussage über die Existenz Gottes im Sinne der Naturgesetze zu kommen, wäre dies das Ende des Glaubens. Die Möglichkeit des Glaubens setzt voraus, dass es keinen Gottesbeweis gibt.

Wie sieht es in anderen Religionen aus? Werden da das naturwissenschaftliche und das spirituelle Weltbild auch so strikt voneinander getrennt?

Pietschmann: Da muss ich ein Erlebnis erzählen: Ich habe eine Tagung in Japan veranstaltet. Bei der Ankunft zu einer Tagung erhält man meist ein Bulletin, in dem steht, dass man nicht vergessen soll, bei der Abreise seinen Zimmerschlüssel abzugeben. Dort stand allerdings, dass man nicht vergessen solle seinen Zimmerschlüssel abzugeben, sonst würde der Geist des Besuchers ewig an das Seminarhaus gebunden bleiben. Das war allerdings kein Witz. Einer meiner Kollegen hat mir erzählt, dass er bei einer Konferenz in Japan war und dass am Anfang eine Schweigeminute für alle Frösche gehalten wurde, die für den Fortschritt der Forschung ums Leben gekommen waren. Das wäre bei uns undenkbar.

Woran, glauben Sie, liegt es, dass sich viele Menschen ein Leben ohne Glauben nicht mehr vorstellen können oder vorstellen wollen?

Pietschmann: Viktor Frankl hat einmal gesagt: Der Mensch kann nicht leben ohne die Sinnfrage zu stellen, und käme er zu der inneren Überzeugung, dass das Leben sinnlos ist, müsste er sich eigentlich sofort umbringen. Das war auch seine Behandlungsmethode. Er hatte als Psychiater eine Praxis im 25. Stock eines Hochhauses, und zu ihm kam ein Mann, der keinen Sinn mehr im Leben erkennen konnte. Frankl sagte zu dem Mann, dass er aus dem Fenster springen solle. Der Mann ist dann erschrocken und ist nicht gesprungen - und ist dann draufgekommen, dass das Leben doch nicht so sinnlos ist. Es war nur die Ungewissheit, die ihn gequält hatte. Dieses innere Bedürfnis nach einem Sinn ist in jedem drinnen, denke ich.

Woran werden sich Ihrer Meinung nach die Menschen in Zukunft eher orientieren? An Dingen, die wir mit unseren Sinnen erfassen können, oder an nicht erfassbaren?

Pietschmann: Ich hoffe - und erwarte eigentlich auch ein wenig -, dass es eine Rückbesinnung geben wird auf die Dinge, die wir nicht mit den Sinnen erfassen können. Ich halte das auch politisch für notwendig, weil ja die heutige Zeit erschreckend materialistisch ist.Unlängst war ich schockiert: In meinem alten Institut ist die Laborantin in Pension gegangen; der Posten ist ausgeschrieben worden, und es hat 200 Bewerber für eine Stelle gegeben, die nun wirklich nicht sehr gut bezahlt ist. Es ist unglaublich, wie viele Menschen in Österreich ohne Job sind. Ich bin kein Wirtschaftsexperte, aber ich denke, ein Grund für diese Entwicklung ist, dass wir die menschliche Dimension völlig außer Acht lassen. Wir legen zu viel Wert auf das, was wir mit den Sinnen wahrnehmen können - und Geld können wir mit den Sinnen wahrnehmen. Dabei vergessen wir immer mehr auf die zwischenmenschlichen Aspekte. Aber man soll nicht immer nur anprangern, was man sowieso nicht ändern kann, sondern bei sich selber anfangen, einfach ein Gespür dafür zu entwickeln, welcher Dinge andere Menschen bedürfen.

Was kann man von den Philosophen von der Antike bis heute profitieren?

Pietschmann: Man soll nicht denken, dass man mehr weiß, als man eigentlich weiß, sondern sich ganz einfach eingestehen, dass man auf die eine oder andere Frage einfach keine Antwort hat. Ein weiteres Beispiel ist die Kausalität. Muss ich für alles den Grund kennen? Es muss nicht immer alles reibungslos ablaufen, Widersprüche können durchaus bestehen bleiben.

Bearbeitet von Alexander Raidl (8a).

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