Läuferin - © Foto: iStock / Drazen Zigic

Jogging einst und jetzt: Krampf und Flow

1945 1960 1980 2000 2020

Trotz Corona-Maßnahmen bleibt immer noch das Laufen. Es fördert nicht nur die Gesundheit, sondern bringt auch eine verschüttete Vergangenheit zum Klingen: Denn dieses urzeitliche Erbe war wohl ein Erfolgsgeheimnis für den einzigartigen Triumphzug des „Homo sapiens“.

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Trotz Corona-Maßnahmen bleibt immer noch das Laufen. Es fördert nicht nur die Gesundheit, sondern bringt auch eine verschüttete Vergangenheit zum Klingen: Denn dieses urzeitliche Erbe war wohl ein Erfolgsgeheimnis für den einzigartigen Triumphzug des „Homo sapiens“.

Wer läuft, lebt intensiv. Binnen Stunden, ja Minuten, kann da schon vieles zusammenkommen: Frustration, Krampf und Verzweiflung ebenso wie Hochgefühle, Flow-Zustände und Erfolgsmomente. Eine körperliche Katharsis ist immer zu haben. Und wer dranbleibt, kann lebenslang lernen – selbst wenn man das bei einer solch monotonen Tätigkeit zunächst nicht erwarten würde. Denn das Laufen ermöglicht nicht nur beflügelnde „Transzendenzerfahrungen“ hinsichtlich der eigenen Leistungsfähigkeit. Es fordert auch dazu auf, etwas sehr Wesentliches im Blick zu haben: die Beziehung zu sich selbst. In jedem Augenblick. Nur wer beim Laufen auf seine Bedürfnisse achtet, wird langfristig Freude daran finden.

Dass das Laufen eine simple Sportart ist, die kaum eines finanziellen Aufwands bedarf und quasi überall und jederzeit praktiziert werden kann, hat sich gerade in Corona-Zeiten bewährt. Man ist gern mit sich allein, und alles was es braucht, sind Laufschuhe. Zudem ist das Jogging ein effektives Programm zur Förderung von Fitness und Gesundheit, vorausgesetzt man überfordert sich nicht. Doch pragmatische Überlegungen zum körperlichen Nutzen reichen wohl nicht aus, um die weltweite Faszination dieser Sportart zu erklären.

Die Geschichte des Laufens beginnt in Afrika, an der Wiege der Menschheit – am Weg aus dem Wald in eine offene Savannenlandschaft. Und sie ist unauflösbar verknüpft mit der großen Geschichte des Fressens und Gefressenwerdens. Der aufrechte Gang ermöglichte den Hominiden damals, einen neuen Lebensraum und damit neue Nahrungsquellen zu erschließen. „Tierkadaver waren so leichter auffindbar. Unsere frühesten Vorfahren wurden daher zu Aasfressern und steigerten allmählich ihren Fleischkonsum“, erläutert der Historiker Ilja ­Steffelbauer, der in seinem Buch „Fleisch“ (Brandstätter, 2021) aktuelle Debatten zum Thema Fleischkonsum tiefgehend beleuchtet.

Das ist der Kern der „Ausdauerläufer-Hypothese“, die etwa der US-­Anthropologe Daniel Lieberman vertritt: Um Kadaver schneller zu erreichen als andere Aasfresser, mussten die menschlichen Vorfahren laufen. „Und um den Tod der Tiere zu beschleunigen, entwickelten sie die Hetzjagd im Dauerlauf. Gute Läufer hatten somit einen Überlebensvorteil“, betont Steffelbauer. Vieles spricht heute dafür, dass die Hetzjagd die erste Jagdtechnik der Hominiden war. Denn brauchbare Fernwaffen wie gehärtete Speere oder Pfeil und Bogen wurden erst vom „Homo sapiens“ erfunden.

Herzhaft schwitzen

Am Anfang der Jagd stand also nicht die Waffe, wie die „Killeraffen-Hypothese“ behauptet, sondern das Laufen. Das bedeutet ein bisschen Entlastung für unser Selbstverständnis: Der Mensch stammt nicht von mörderischen Affen ab, sondern war ein „Lauftier“, das nun einmal den Fleischgenuss für sich entdeckt hat.

Wer läuft, lebt intensiv. Binnen Stunden, ja Minuten, kann da schon vieles zusammenkommen: Frustration, Krampf und Verzweiflung ebenso wie Hochgefühle, Flow-Zustände und Erfolgsmomente. Eine körperliche Katharsis ist immer zu haben. Und wer dranbleibt, kann lebenslang lernen – selbst wenn man das bei einer solch monotonen Tätigkeit zunächst nicht erwarten würde. Denn das Laufen ermöglicht nicht nur beflügelnde „Transzendenzerfahrungen“ hinsichtlich der eigenen Leistungsfähigkeit. Es fordert auch dazu auf, etwas sehr Wesentliches im Blick zu haben: die Beziehung zu sich selbst. In jedem Augenblick. Nur wer beim Laufen auf seine Bedürfnisse achtet, wird langfristig Freude daran finden.

Dass das Laufen eine simple Sportart ist, die kaum eines finanziellen Aufwands bedarf und quasi überall und jederzeit praktiziert werden kann, hat sich gerade in Corona-Zeiten bewährt. Man ist gern mit sich allein, und alles was es braucht, sind Laufschuhe. Zudem ist das Jogging ein effektives Programm zur Förderung von Fitness und Gesundheit, vorausgesetzt man überfordert sich nicht. Doch pragmatische Überlegungen zum körperlichen Nutzen reichen wohl nicht aus, um die weltweite Faszination dieser Sportart zu erklären.

Die Geschichte des Laufens beginnt in Afrika, an der Wiege der Menschheit – am Weg aus dem Wald in eine offene Savannenlandschaft. Und sie ist unauflösbar verknüpft mit der großen Geschichte des Fressens und Gefressenwerdens. Der aufrechte Gang ermöglichte den Hominiden damals, einen neuen Lebensraum und damit neue Nahrungsquellen zu erschließen. „Tierkadaver waren so leichter auffindbar. Unsere frühesten Vorfahren wurden daher zu Aasfressern und steigerten allmählich ihren Fleischkonsum“, erläutert der Historiker Ilja ­Steffelbauer, der in seinem Buch „Fleisch“ (Brandstätter, 2021) aktuelle Debatten zum Thema Fleischkonsum tiefgehend beleuchtet.

Das ist der Kern der „Ausdauerläufer-Hypothese“, die etwa der US-­Anthropologe Daniel Lieberman vertritt: Um Kadaver schneller zu erreichen als andere Aasfresser, mussten die menschlichen Vorfahren laufen. „Und um den Tod der Tiere zu beschleunigen, entwickelten sie die Hetzjagd im Dauerlauf. Gute Läufer hatten somit einen Überlebensvorteil“, betont Steffelbauer. Vieles spricht heute dafür, dass die Hetzjagd die erste Jagdtechnik der Hominiden war. Denn brauchbare Fernwaffen wie gehärtete Speere oder Pfeil und Bogen wurden erst vom „Homo sapiens“ erfunden.

Herzhaft schwitzen

Am Anfang der Jagd stand also nicht die Waffe, wie die „Killeraffen-Hypothese“ behauptet, sondern das Laufen. Das bedeutet ein bisschen Entlastung für unser Selbstverständnis: Der Mensch stammt nicht von mörderischen Affen ab, sondern war ein „Lauftier“, das nun einmal den Fleischgenuss für sich entdeckt hat.

Der Mensch stammt nicht von Killeraffen ab, sondern war ein Lauftier, das den Fleischgenuss für sich entdeckt hat.

Dass unsere Vorfahren allmählich von Gehern zu Läufern wurden, darauf deuten auch die untersuchten Skelette von Hominiden hin. Im Vergleich zu den Neandertalern hatte der moderne Mensch vor allem einen Vorteil: Er konnte schneller und ausdauernder rennen. Seine Anatomie und Physiologie waren besser an das Laufen angepasst. Das beginnt schon bei der federnden Funktion der menschlichen Füße, die mehr als ein Fünftel der eingesetzten Energie für die laufende Fortbewegung wiederverwerten können. Wie wichtig das Fußgewölbe beim Laufen ist, lässt sich überprüfen, wenn man einmal probeweise auf den Fersen aufkommt: Das sanfte Jogging wird plötzlich zu einer harten, höchst unangenehmen Angelegenheit.

Ebenso wichtig ist das raffinierte Kühlsystem, das den menschlichen Körper mit zahlreichen Schweißdrüsen gesegnet hat. Diese sind notwendig, um einer gefährlichen Nebenwirkung des Laufens entgegenzuwirken: der Überhitzung. Statt wie Hunde zu hecheln, sich wie Schweine in den Schlamm zu werfen oder wie ­andere Tiere im Schatten kauern zu müssen, kann der Mensch einfach schwitzen, sobald es ihm zu heiß wird. Über seine ­unbehaarte Haut vermag er bis zu 1400 Watt Wärme loszuwerden – eine Fähigkeit, die ihn im Wettlauf mit Tieren einen unschätzbaren Vorteil verlieh. So kommt es, dass ­gute Läufer bei Hitze sogar hochentwickelte Lauftiere wie Antilopen schon nach wenigen Kilometern einholen können, wie der Ultra­läufer Josef Kladensky in seinem Laufbuch „So weit? So gut!“ (Egoth, 2019) bemerkt: „Ein kleiner, irgendwann vom Baum gestiegener, zerbrechlicher, praktisch waffenloser Zweibeiner hetzt plötzlich doppelt oder dreimal so schnelle Tiere zu Tode.“ Vielleicht entspricht das Erlebnis beim Ultralauf, der extremen Bewegung über einen oder sogar mehrere Tage hinweg, am ehesten der urtümlichen Erfahrung von Jägern, die ihre Beute über lange Distanzen unablässig verfolgten und nicht zur Ruhe kommen ließen.

Die Anpassung des Menschen an das Laufen zeigt sich aber auch im Gehirn, das größere Laufleistungen mit einem prickelnden Cocktail aus körpereigenen Drogen wie Endorphine, Cannabinoide etc. belohnen kann: Die Ausschüttung dieser Neurohormone beim Langstreckenlauf sorgt für jene Wohl- und Hochgefühle, die in größerer Intensität als „Runner's High“ bezeichnet werden. Und diese Gefühle haben ihren evolutionären Zweck: Sie sollen dafür sorgen, dass der Mensch gerne läuft, mitunter sogar süchtig danach wird.

Wunderläufer in Sandalen

Während heutige Läufer mit federleichten Schuhen ausgestattet sind, die ihre Schritte sanft abfedern und die Energie­effizienz des Fußgewölbes noch zu steigern vermögen, setzten die archaischen Jäger auf eine ganz andere Lauftechnologie: die Trinkflasche. Der frühe „Homo sapiens“ wusste angesichts der sengenden Sonne Afrikas wohl nur zu gut, wie wichtig ausreichend Flüssigkeitszufuhr beim Langstreckenlauf ist. Gefäße aus getrockneten Kürbissen oder hohlen Straußen­eiern werden ­heute noch bei den Jäger- und Sammlergesellschaften in der Kalahari als Trinkflaschen verwendet. „Die Hetzjagd funktionierte noch besser, wenn sich der Jäger selbst gut hydriert halten konnte und wenn man im Team arbeitete“, so Historiker Steffelbauer.

Als heroische Einzelleistung bleibt das Jagen ein Initiationsritual: Bei den San im südlichen Afrika müssen junge Burschen eine Kudu-Antilope ohne Fernwaffen zu Tode hetzen, um „ein Mann zu werden“ – eine fordernde Aufgabe, die angeblich bis zu 40 Stunden dauern kann. Bei den Tarahumara hingegen ist auch die kollektive Hetzjagd auf Wildtiere weiterhin verankert. Die indigene Ethnie in Nordmexiko gilt als Volk von Wunderläufern: In ihrem Alltag ist es ganz normal, lange Distanzen über Wüsten, Schluchten und Berge oft mit nur Sandalen zurückzulegen. Spätestens seit der amerikanische Autor Christopher McDougall das Geheimnis der „besten und glücklichsten Läufer der Welt“ in seinem Buch „Born to run“ (2015) zu lüften versuchte, ist ihre Heimat an der schroffen „Sierra ­Madre Occidental“ zum Ziel eines neuartigen Lauftourismus geworden.

Während heutige Läufer mit gedämpften Schuhen ihre Schritte abfedern, setzten die urzeitlichen Jäger auf eine ganz andere Lauftechnologie: die Trinkflasche.

Egal, ob in der Alten oder Neuen Welt: Vor allem in unwegsamen Gebieten waren Läufer gegenüber Reitern stets im Vorteil, berichtet Steffelbauer: „Läuferstaffeln für die Post waren in manchen europäischen Regionen bis spät in die Neuzeit verankert.“ Kein Wunder, dass die Königsdisziplin des Laufens, der Marathon, auf die ­Legende einer übermittelten Nachricht zurückgeht. Ein Laufbote im antiken Griechenland brachte die Kunde einer geschlagenen Schlacht heim nach Athen. „Wir haben gesiegt“, soll er gesagt haben, bevor er am Ende der Strapazen tot zusammenbrach.

Was aber steckt hinter dem Laufboom, der seit einigen Jahrzehnten in den modernen Gesellschaften zu beobachten ist? Ist es die Wiederentdeckung unseres urzeitlichen Erbes als jagende „Lauftiere“? Oder nur der Spleen von Menschen, die zu viel im Büro sitzen und dringend einen Ausgleich brauchen? Historiker ­Ilja Steffelbauer hat ­eine andere Erklärung parat: Die kulturelle Weiche in Richtung Jogging wurde im 19. Jahrhundert gestellt, als in England die moderne Idee des Sports geboren wurde. „Sport ist eine Erfindung an britischen Schulen im 19. Jahrhundert. Erstmals hat sich dort eine Elite herausgebildet, die gänzlich vom Zwang der körperlichen Betätigung befreit war.“ Um sich fit zu halten, konnte sie sportlichen Spielen frönen. Aus diesem bürgerlichen Elitensport hat sich dann allmählich der Breitensport entwickelt. Heute komme freilich der Hang zur ökonomisch getriebenen Selbstoptimierung hinzu: „Laufen ist eine sehr neoliberale Sportart“, sagt Steffelbauer. „Während viele Mannschaftssportarten ums ­Überleben kämpfen, blüht der Individualismus, um die eigene Fitness zu steigern.“

Mit Blick auf hunderttausende Jahre an Menschheitsgeschichte könnte man das Laufen aber auch anders deuten: als archaisches Vergnügen, das gänzlich vom Zwang des Tötens befreit worden ist.

Fakt

Wie eng die Geschichte des Laufens und jene der Jagd miteinander verwoben sind, zeigt der Historiker Ilja Steffelbauer in seinem neuen Buch „Fleisch“: Es nimmt die aktuell hitzigen Debatten zur Frage Fleischverzehr vs. Fleischverzicht zum Anlass, um das Thema von den Tiefen der Menschheitsgeschichte her zu beleuchten. Das bedeutet, diese Geschichte bei unseren tierischen Vorfahren und Verwandten sowie in der prähistorischen Jäger-und-Sammler-Zeit zu beginnen. Diese ungewöhnliche Tiefenperspektive schafft eine profunde Grundlage für heutige Diskussionen, die vor dem Hintergrund globaler Bedrohungen wie Klimawandel und Bevölkerungswachstum geführt werden müssen. Nur so viel sei verraten: Am Ende bekommt der moderne Veganismus ganz schön sein Fett ab.

Fleisch - © Brandstätter Verlag
© Brandstätter Verlag
Buch

Fleisch

Weshalb es die Gesellschaft spaltet
Von Ilja Steffelbauer
Brandstätter 2021
216 S., geb., € 22,–

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