Rotes Kloster - Das wegen seiner Verzierung mit rotem Porphyr so genannte Journalistik-Institut der Karl-MarxUniversität Leipzig (1954–90). - © Foto: Wikipedia/ Bundesarchiv, Bild 183-18814-0004 / Illner (cc-by-sa 3.0)

Das (medial) geteilte Deutschland

1945 1960 1980 2000 2020

Die Journalistenausbildung der DDR-Zeiten im „Roten Kloster“ Leipzig wurde mit der deutschen Vereinigung entsorgt. Das war nicht nur positiv zu sehen. Jedenfalls sind der Osten und der Westen Deutschlands medial noch lang nicht zusammengewachsen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Journalistenausbildung der DDR-Zeiten im „Roten Kloster“ Leipzig wurde mit der deutschen Vereinigung entsorgt. Das war nicht nur positiv zu sehen. Jedenfalls sind der Osten und der Westen Deutschlands medial noch lang nicht zusammengewachsen.

"Schreiben Medien die Teilung Deutschlands fest?“, fragte der Medienforscher und Journalist Lutz Mükke in einem Diskussionspapier für die gewerkschaftsnahe Otto Brenner Stiftung. Die Antwort ist erwartungsgemäß ein „Ja“ – aber warum es 30 Jahre nach der staatlichen Einigung weiterhin eine heftige mediale Spaltung und eine Unterrepräsentation des Ostens in der Berichterstattung gibt, bleibt eine spannende Materie. Sie beginnt zum Beispiel mit der Ausbildung des Nachwuchses: An den wichtigsten deutschen Journalistenschulen ist der Ostanteil unter den Eleven vernachlässigbar. Er schwankt zwischen null und 14 Prozent der Teilnehmer. Hinter dem ganzen Diskurs lauert letztlich, so Mükke, die Frage: „Braucht es eine Ost-Quote in den Medien?“

Wie der Osten medial abgehängt wurde

Wie es dazu kam, dass der Osten medial abgehängt wurde, reflektiert am Beispiel der Journalisten-Ausbildung und dreier spannender, ineinander verwobener Geschichten auch Michael Meyen. Er erzählt, wie zusammen mit dem DDR-Journalismus und dessen Kaderschmiede, dem „Roten Kloster“ in Leipzig, praxisnahe Ansätze der Journalisten-Ausbildung abgewickelt wurden, von denen man aus seiner Sicht im Westen hätte manches lernen können.

Zweitens zeichnet er nach, wie an den westlichen Universitäten die empirische Kommunikationswissenschaft einen Siegeszug ohnegleichen angetreten habe, auch wenn diese kaum öffentliche Resonanz bekomme. Damit einhergehend seien in Westdeutschland Ansätze einer praxisnahen hochschulgebundenen Journalistenausbildung plattgewalzt worden. Während man im Osten in der Gewissheit, von welch zentraler Bedeutung der dortige „Journalismus“ für die Propaganda des SED-Staats war, in der Journalistenausbildung klotzte und sie in Leipzig zentralisierte, wurde im Westen über lange Zeit hinweg eher gekleckert.

"Schreiben Medien die Teilung Deutschlands fest?“, fragte der Medienforscher und Journalist Lutz Mükke in einem Diskussionspapier für die gewerkschaftsnahe Otto Brenner Stiftung. Die Antwort ist erwartungsgemäß ein „Ja“ – aber warum es 30 Jahre nach der staatlichen Einigung weiterhin eine heftige mediale Spaltung und eine Unterrepräsentation des Ostens in der Berichterstattung gibt, bleibt eine spannende Materie. Sie beginnt zum Beispiel mit der Ausbildung des Nachwuchses: An den wichtigsten deutschen Journalistenschulen ist der Ostanteil unter den Eleven vernachlässigbar. Er schwankt zwischen null und 14 Prozent der Teilnehmer. Hinter dem ganzen Diskurs lauert letztlich, so Mükke, die Frage: „Braucht es eine Ost-Quote in den Medien?“

Wie der Osten medial abgehängt wurde

Wie es dazu kam, dass der Osten medial abgehängt wurde, reflektiert am Beispiel der Journalisten-Ausbildung und dreier spannender, ineinander verwobener Geschichten auch Michael Meyen. Er erzählt, wie zusammen mit dem DDR-Journalismus und dessen Kaderschmiede, dem „Roten Kloster“ in Leipzig, praxisnahe Ansätze der Journalisten-Ausbildung abgewickelt wurden, von denen man aus seiner Sicht im Westen hätte manches lernen können.

Zweitens zeichnet er nach, wie an den westlichen Universitäten die empirische Kommunikationswissenschaft einen Siegeszug ohnegleichen angetreten habe, auch wenn diese kaum öffentliche Resonanz bekomme. Damit einhergehend seien in Westdeutschland Ansätze einer praxisnahen hochschulgebundenen Journalistenausbildung plattgewalzt worden. Während man im Osten in der Gewissheit, von welch zentraler Bedeutung der dortige „Journalismus“ für die Propaganda des SED-Staats war, in der Journalistenausbildung klotzte und sie in Leipzig zentralisierte, wurde im Westen über lange Zeit hinweg eher gekleckert.

An den wichtigsten deutschen Journalistenschulen ist der Ostanteil unter den Eleven vernachlässigbar. Er schwankt zwischen null und 14 Prozent.

Meyen mokiert sich, die Kommunikations- und Publizistikwissenschaft sei 1970 ein Winzling gewesen, mit je einer Professur an sieben Standorten – „kein Vergleich mit dem Riesen, den die SED in Leipzig geschaffen hatte“. Geändert hat sich das wohl erst, als das Fach nach der deutschen Vereinigung von Bewerbern überrannt wurde, die „irgendwas mit Medien“ studieren wollten. Wobei Meyen sarkastisch hinzufügt, Journalismus habe im Westen „als Abbrecherberuf, als Sammelbecken für Arbeitsscheue und Weltverbesserer“ fungiert, „für einen Menschenschlag, den man nun über Studiengänge domestizieren wollte, die einen Abschluss ohne allzu großen Aufwand“ versprachen. Der „Wunsch nach Professionalisierung durch Wissenschaft“ habe in die Zeit gepasst, „in das Reformklima der Ära Willy Brandt, zu den Hoffnungen, die in die Pädagogik gesetzt wurden.“

Drittens erzählt Meyen seine eigene spannende Geschichte. Er volontierte bei der Ostsee-Zeitung und studierte Journalistik in Leipzig – prädestiniert für eine Führungsrolle „ganz oben“ in der DDR. Dann fiel die Mauer. Meyen wurde Zeitzeuge des Umbruchs und erlebte diesen aus nächster Nähe am „Roten Kloster“ mit. Noch heute befällt ihn Trauer: „Ich sehe, was 1989 und 1990 möglich schien, und kann zugleich erklären, warum alles ganz anders gekommen ist.“ Gefehlt habe damals „das Gespräch – der Versuch, die Erfahrungen Ost und die Erfahrungen West zusammenzubringen und so etwas zu bauen, was allen gehört“.

Bei Vereinigung schiefgelaufen

Prominente westliche Beobachter teilen Meyens wohlwollende Insider-Sicht auf das unerkannte Innovationspotenzial der Kloster-Insassen allerdings nicht: Der Mainzer Emeritus Hans Mathias Kepplinger hält zum Beispiel dagegen, er habe „mit den Kollegen aus Polen und Ungarn privat bei einem Bier völlig normal und offen reden“ können. Mit den Dozenten aus Leipzig sei das nicht möglich gewesen – von einer Ausnahme abgesehen. Heute ist der „Exil-Ostdeutsche“ Meyen, wie er sich selber nennt, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität München. Sein Buch ergänzt sich auf wunderbare Weise mit Mükkes Studie. Beide führen nochmals vor Augen, was bei der deutschen Vereinigung schief gelaufen ist. Mit der Leipziger Journalistik sei „ein Paradigma entsorgt worden, das Forschung und Berufspraxis verbunden hat und heute helfen könnte“. so Meyen. Zumindest zeigt Meyen glaubhaft, wie hochfliegende Ideen weggebügelt wurden, Journalisten-Ausbildung „out of the box“ zu denken. Statt Studenten ein selbstorganisiertes Studium mit minimalen Pflichtanteilen zu ermöglichen, habe es Bologna gegeben: „Stunden- und Semesterpläne. Klausuren mit Antwortvorgaben und Kästchen zum Ankreuzen, Hausarbeiten, bei denen die Plagiatssoftware wichtiger ist als die Dozentin. Wenig Selbstbestimmung und viel Schule.“ Mückkes und Meyens Sichtweisen mögen westliche Beobachter irritieren. In einem nach wie vor stark verminten Gelände sind beide als Aufklärer unterwegs – und das macht ihre Studien zur gewinnbringenden Leseerfahrung.

Der Autor ist em. Prof. für Journalistik sowie Gründer des Europäischen Journalismus-Observatoriums.

30 Jahre staatliche Einheit - 30 Jahre staatliche Einheit – 30 Jahre mediale Spaltung. Schreiben Medien die Teilung Deutschlands fest?, von L. Mükke. O. Brenner Stiftung 2021. Download: otto-brenner-stiftung.de
Buch

30 Jahre staatliche Einheit – 30 Jahre mediale Spaltung

Schreiben Medien die Teilung Deutschlands fest?
von L. Mükke.
O. Brenner Stiftung 2021.
Download: otto-brenner-stiftung.de

Das Erbe sind wir - Das Erbe sind wir. Warum die DDRJournalistik zu früh beerdigt wurde. Meine Geschichte, von Michael Meyen Herbert von Halem 2020.
Buch

Das Erbe sind wir

Warum die DDR-Journalistik zu früh beerdigt wurde. Meine Geschichte
von Michael Meyen
Herbert von Halem 2020
372 S., € 28,00

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