#Scham

Scham

Feuilleton

"Sexualität ist ein großes Tabu“

1945 1960 1980 2000 2020

16 Kinder und Jugendliche werden in Bolivien Tag für Tag vergewaltigt. Inmitten der von Armut und Machismus geprägten Großstadt El Alto versucht Rosario Espinal, Sozialarbeiterin der NGO "Sepamos“, gegen sexuellen Missbrauch anzukämpfen und mit jungen Menschen einen guten Umgang mit ihrem Körper einzuüben.

1945 1960 1980 2000 2020

16 Kinder und Jugendliche werden in Bolivien Tag für Tag vergewaltigt. Inmitten der von Armut und Machismus geprägten Großstadt El Alto versucht Rosario Espinal, Sozialarbeiterin der NGO "Sepamos“, gegen sexuellen Missbrauch anzukämpfen und mit jungen Menschen einen guten Umgang mit ihrem Körper einzuüben.

Der Fokus liegt auf "Ciudadania“ (Stärkung der gesellschaftlichen Teilhabe) - ein präventiver Ansatz, der auch für Österreich interessant sein könnte. Auf Einladung des Welthauses der Katholischen Aktion Wien und der Dreikönigsaktion hat Espinal vergangenen Mittwoch gemeinsam mit drei anderen Expertinnen und Experten über die Hintergründe von und Auswege aus Missbrauch und Gewalt diskutiert. Wie groß diese Herausforderungen gerade in Bolivien sind, hat sie der FURCHE im Interview erzählt.

Die Furche: Frau Espinal, welche Maßnahmen setzt "Sepamos“ konkret gegen sexuelle Gewalt?
Espinal: Wir arbeiten im Bereich der Prävention, Beratung und Hilfe für Opfer, betreiben Lobbying und forcieren die Koordination mit öffentlichen Stellen. Vor Ort arbeiten wir in Workshops mit Kindern, Eltern, Lehrern, Beamten, Studierenden oder mit Polizeischulen, um darüber zu reden, welche Strategien es gegen sexuelle Gewalt gibt. Bei der Hilfestellung für Opfer nehmen wir Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre auf. Hier geht es darum, die emotionalen Schäden wieder zu beseitigen, so gut es geht. Wichtig ist, dass auch die Familie involviert ist. Manchmal braucht auch die Mutter eine Therapie. Beim Lobbying versuchen wir, Gemeinden und Bevölkerung zu sensibilisieren und Netzwerke gegen sexuelle Gewalt aufzubauen.

Die Furche: Wird das alles angenommen?
Espinal: Am Anfang war es schwierig, da niemand über sexuelle Gewalt reden wollte. Wir haben bei 20 Schulen angeklopft, aber keiner wollte mitmachen. Dann haben sie sich langsam geöffnet. Heute betreuen wir im Jahr 60 bis 80 Fälle von sexueller Gewalt. Einer der größten Erfolge ist, dass man einfach angefangen hat, über das Thema zu reden. Und, dass man die Opfer sichtbar macht und ihnen das Recht zugesteht, psychologische Hilfe zu bekommen. Wir sehen auch, dass sich die Eltern immer mehr mit dieser Frage beschäftigen und auch staatliche Institutionen - etwa bei Gerichtsverfahren - sensibler mit den Opfern umgehen.

Die Furche: Die Missbrauchszahlen in Bolivien sind erscheckend hoch. Kann man sagen, dass sexuelle Gewalt alltäglich ist?
Espinal: Sie ist leider tatsächlich ein alltägliches Phänomen, passiert aber versteckt. Von zehn Fällen ereignen sich sieben in der eigenen Familie. Das bedeutet, dass das Zuhause, das eigentlich der sicherste Ort für ein Kind sein sollte, genau das Gegenteil ist. Die Beziehung der Eltern zu ihren Kindern sind oft äußerst unterkühlt. Es herrscht Misstrauen. Gerade wenn das Kind keine herzliche Beziehung von den Eltern erfährt und immer nur geschimpft und bestraft wird, kommt dann ein Onkel oder Opa und nutzt das aus: Indem er dem Kind etwas schenkt, es umarmt, sein Bedürfnis nach Liebe und Zuneigung ausnutzt. Und irgendwann geht das schließlich über in sexuellen Missbrauch.

Die Furche: Sie sagen, dass viele Burschen und Mädchen dieses gestörte Verhältnis verinnerlicht haben. Wie wirkt sich das auf das eigene, spätere Leben aus?
Espinal: Wenn das Kind selbst erwachsen wird und realisiert, dass das nicht o.k. war, was passiert ist, beschützt es die eigenen Kinder oft zu sehr. Und die trauen dann niemandem mehr. Es kommt wieder zu diesem grundsätzlichen Misstrauen in der Familie, von dem ich gesprochen habe. Später kommt es häufig dazu, dass sich die Betroffenen gegen Körperlichkeit wehren. Sie möchten nicht berührt werden! Manchmal können sie das überwinden und sich trotzdem auf einen Partner einlassen. Doch dann sehen wir wieder Frauen, die sich ständig die Hände waschen, weil sie sich beschmutzt fühlen…

Die Furche: El Alto gilt als machistisch geprägte Großstadt. Wie zeigt sich das im Alltag?
Espinal: Die männliche Dominanz ist groß - und die Rollen sind patriarchal geprägt: Die Männer gehen arbeiten und haben oft zwei, drei Familien. Den Frauen ist das häufig egal, schließlich sollen sie ohnehin daheim bleiben: Hauptsache, sie haben einen Mann, der sie versorgt. Denn eine unverheiratete Frau wird in der bolivianischen Gesellschaft als minderwertig angesehen.

Die Furche: Inwiefern ist Armut ein genereller Verstärker von sexueller Gewalt?
Espinal: Armut ist eine wesentliche Ursache! Denken Sie etwa daran, wie es ist, wenn in einem kleinen Raum bis zu zwölf Personen schlafen müssen und etwa Bruder und Schwester nebeneinander liegen müssen. Unter solchen Umständen wird es natürlich wahrscheinlicher, dass es zu Übergriffen kommt. Vor allem dann, wenn der Bruder keine sexuelle Aufklärung erhalten hat. Womit wir bei der zweiten Ursache sind: Kinder und Jugendliche werden nicht aufgeklärt, man spricht nicht über Sexualität. Sex ist noch immer ein großes Tabu, die Scham ein wesentlicher Teil unserer Kultur. Und nachdem die Eltern es selbst nicht anders gelernt haben, wissen sie auch nicht, wie sie mit ihren Kindern reden sollen.

Die Furche: Auch in den Schulen wird nicht aufgeklärt?
Espinal: In den Schulen wird den Kindern gesagt, dass sie nicht darüber reden sollen. Die Opfer von sexuellem Missbrauch empfinden deshalb eine große Scham, die noch wesentlich verstärkt wird, weil die meisten Täter aus der gleichen Familie stammen. Wenn der Vater derjenige ist, der die Tochter missbraucht, ist er zugleich der Haupternährer. Wenn sich dann das Kind der Mutter anvertraut, sagt diese oft: "Sag nichts, sonst haben wir kein Geld.“

Die Furche: Diese Dynamik gibt auch hierzulande häufig. Was machen Sie mit dem Täter, wenn es trotzdem jemand wagt, Ihnen von Missbrauch zu erzählen?
Espinal: Ist der Täter erwachsen, etwa ein Vater, der vielleicht schon fünf Jahre lang seine Tochter missbraucht, dann hofft man nicht mehr darauf, dass er sich durch eine Therapie ändert. Hier raten wir dazu, Anzeige zu erstatten, damit er festgenommen wird. Eine solche Anzeige ist vom Gesetz her verpflichtend, doch wir zwingen niemanden dazu, denn die Prozesse dauern drei bis vier Jahre, und die Opfer müssen bis zu 14 Mal aussagen. Wir bieten aber Therapien an und kümmern uns darum, dass das Opfer medizinisch gut versorgt wird. Ist der Täter hingegen ein Jugendlicher - etwa ein Cousin, der seine Cousine missbraucht -, dann gibt es durchaus die Möglichkeit, ihm eine Therapie anzubieten. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt ja gerade darin, männliche Jugendliche wieder in richtige Bahnen zu lenken.

Der Fokus liegt auf "Ciudadania“ (Stärkung der gesellschaftlichen Teilhabe) - ein präventiver Ansatz, der auch für Österreich interessant sein könnte. Auf Einladung des Welthauses der Katholischen Aktion Wien und der Dreikönigsaktion hat Espinal vergangenen Mittwoch gemeinsam mit drei anderen Expertinnen und Experten über die Hintergründe von und Auswege aus Missbrauch und Gewalt diskutiert. Wie groß diese Herausforderungen gerade in Bolivien sind, hat sie der FURCHE im Interview erzählt.

Die Furche: Frau Espinal, welche Maßnahmen setzt "Sepamos“ konkret gegen sexuelle Gewalt?
Espinal: Wir arbeiten im Bereich der Prävention, Beratung und Hilfe für Opfer, betreiben Lobbying und forcieren die Koordination mit öffentlichen Stellen. Vor Ort arbeiten wir in Workshops mit Kindern, Eltern, Lehrern, Beamten, Studierenden oder mit Polizeischulen, um darüber zu reden, welche Strategien es gegen sexuelle Gewalt gibt. Bei der Hilfestellung für Opfer nehmen wir Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre auf. Hier geht es darum, die emotionalen Schäden wieder zu beseitigen, so gut es geht. Wichtig ist, dass auch die Familie involviert ist. Manchmal braucht auch die Mutter eine Therapie. Beim Lobbying versuchen wir, Gemeinden und Bevölkerung zu sensibilisieren und Netzwerke gegen sexuelle Gewalt aufzubauen.

Die Furche: Wird das alles angenommen?
Espinal: Am Anfang war es schwierig, da niemand über sexuelle Gewalt reden wollte. Wir haben bei 20 Schulen angeklopft, aber keiner wollte mitmachen. Dann haben sie sich langsam geöffnet. Heute betreuen wir im Jahr 60 bis 80 Fälle von sexueller Gewalt. Einer der größten Erfolge ist, dass man einfach angefangen hat, über das Thema zu reden. Und, dass man die Opfer sichtbar macht und ihnen das Recht zugesteht, psychologische Hilfe zu bekommen. Wir sehen auch, dass sich die Eltern immer mehr mit dieser Frage beschäftigen und auch staatliche Institutionen - etwa bei Gerichtsverfahren - sensibler mit den Opfern umgehen.

Die Furche: Die Missbrauchszahlen in Bolivien sind erscheckend hoch. Kann man sagen, dass sexuelle Gewalt alltäglich ist?
Espinal: Sie ist leider tatsächlich ein alltägliches Phänomen, passiert aber versteckt. Von zehn Fällen ereignen sich sieben in der eigenen Familie. Das bedeutet, dass das Zuhause, das eigentlich der sicherste Ort für ein Kind sein sollte, genau das Gegenteil ist. Die Beziehung der Eltern zu ihren Kindern sind oft äußerst unterkühlt. Es herrscht Misstrauen. Gerade wenn das Kind keine herzliche Beziehung von den Eltern erfährt und immer nur geschimpft und bestraft wird, kommt dann ein Onkel oder Opa und nutzt das aus: Indem er dem Kind etwas schenkt, es umarmt, sein Bedürfnis nach Liebe und Zuneigung ausnutzt. Und irgendwann geht das schließlich über in sexuellen Missbrauch.

Die Furche: Sie sagen, dass viele Burschen und Mädchen dieses gestörte Verhältnis verinnerlicht haben. Wie wirkt sich das auf das eigene, spätere Leben aus?
Espinal: Wenn das Kind selbst erwachsen wird und realisiert, dass das nicht o.k. war, was passiert ist, beschützt es die eigenen Kinder oft zu sehr. Und die trauen dann niemandem mehr. Es kommt wieder zu diesem grundsätzlichen Misstrauen in der Familie, von dem ich gesprochen habe. Später kommt es häufig dazu, dass sich die Betroffenen gegen Körperlichkeit wehren. Sie möchten nicht berührt werden! Manchmal können sie das überwinden und sich trotzdem auf einen Partner einlassen. Doch dann sehen wir wieder Frauen, die sich ständig die Hände waschen, weil sie sich beschmutzt fühlen…

Die Furche: El Alto gilt als machistisch geprägte Großstadt. Wie zeigt sich das im Alltag?
Espinal: Die männliche Dominanz ist groß - und die Rollen sind patriarchal geprägt: Die Männer gehen arbeiten und haben oft zwei, drei Familien. Den Frauen ist das häufig egal, schließlich sollen sie ohnehin daheim bleiben: Hauptsache, sie haben einen Mann, der sie versorgt. Denn eine unverheiratete Frau wird in der bolivianischen Gesellschaft als minderwertig angesehen.

Die Furche: Inwiefern ist Armut ein genereller Verstärker von sexueller Gewalt?
Espinal: Armut ist eine wesentliche Ursache! Denken Sie etwa daran, wie es ist, wenn in einem kleinen Raum bis zu zwölf Personen schlafen müssen und etwa Bruder und Schwester nebeneinander liegen müssen. Unter solchen Umständen wird es natürlich wahrscheinlicher, dass es zu Übergriffen kommt. Vor allem dann, wenn der Bruder keine sexuelle Aufklärung erhalten hat. Womit wir bei der zweiten Ursache sind: Kinder und Jugendliche werden nicht aufgeklärt, man spricht nicht über Sexualität. Sex ist noch immer ein großes Tabu, die Scham ein wesentlicher Teil unserer Kultur. Und nachdem die Eltern es selbst nicht anders gelernt haben, wissen sie auch nicht, wie sie mit ihren Kindern reden sollen.

Die Furche: Auch in den Schulen wird nicht aufgeklärt?
Espinal: In den Schulen wird den Kindern gesagt, dass sie nicht darüber reden sollen. Die Opfer von sexuellem Missbrauch empfinden deshalb eine große Scham, die noch wesentlich verstärkt wird, weil die meisten Täter aus der gleichen Familie stammen. Wenn der Vater derjenige ist, der die Tochter missbraucht, ist er zugleich der Haupternährer. Wenn sich dann das Kind der Mutter anvertraut, sagt diese oft: "Sag nichts, sonst haben wir kein Geld.“

Die Furche: Diese Dynamik gibt auch hierzulande häufig. Was machen Sie mit dem Täter, wenn es trotzdem jemand wagt, Ihnen von Missbrauch zu erzählen?
Espinal: Ist der Täter erwachsen, etwa ein Vater, der vielleicht schon fünf Jahre lang seine Tochter missbraucht, dann hofft man nicht mehr darauf, dass er sich durch eine Therapie ändert. Hier raten wir dazu, Anzeige zu erstatten, damit er festgenommen wird. Eine solche Anzeige ist vom Gesetz her verpflichtend, doch wir zwingen niemanden dazu, denn die Prozesse dauern drei bis vier Jahre, und die Opfer müssen bis zu 14 Mal aussagen. Wir bieten aber Therapien an und kümmern uns darum, dass das Opfer medizinisch gut versorgt wird. Ist der Täter hingegen ein Jugendlicher - etwa ein Cousin, der seine Cousine missbraucht -, dann gibt es durchaus die Möglichkeit, ihm eine Therapie anzubieten. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt ja gerade darin, männliche Jugendliche wieder in richtige Bahnen zu lenken.