Morales_Bolivien - © APA / Pedro Pardo
International

Déjà-vu in Bolivien

1945 1960 1980 2000 2020

Die Ära von Präsident Morales in Bolivien ist beendet. Er selbst hat dazu beigetragen. Aber welche Rolle spielen Brasilien, die USA und einige reiche Grundbesitzer?

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Die Ära von Präsident Morales in Bolivien ist beendet. Er selbst hat dazu beigetragen. Aber welche Rolle spielen Brasilien, die USA und einige reiche Grundbesitzer?

In Bolivien scheint das Rad der Zeit zurückgedreht: Koka-Bauern marschieren in Massen Richtung Provinzstadt Cochabamba und werden von Soldaten mit scharfer Munition empfangen. Mehr als 20 Tote haben Zusammenstöße in den letzten Tagen gefordert. Die Bilder erinnern an die Massenproteste gegen Präsident Gonzalo Sánchez de Losada, der 2003 auch in die Menge feuern ließ und schließlich dem Druck der Straße wich. Übergangspräsident Carlos Mesa organisierte damals Wahlen, aus denen dann Evo Morales, der Chef der Koka-Bauern-Gewerk­schaft, als klarer Sieger hervorging.

Die Ära Morales ist mit dem Rücktritt des Präsidenten am 10. November beendet. Ob man seine Flucht ins mexikanische Exil als Voraussetzung für die Wiederherstellung der Demokratie im Andenstaat feiert oder als Folge eines rechtsextremen Putsches verdammt, hängt nicht nur vom politischen Standpunkt ab, sondern auch von den Interessen.

Unbestritten ist, dass der 60-Jährige sein Land in 13 Jahren grundlegend verändert hat. Durch die Verstaatlichung der Erdöl- und Erdgasreserven hat er das BIP im ärmsten Land Südamerikas vervierfacht. Damit wurde Bolivien zum Land mit dem höchsten Wirtschaftswachstum in Amerika. Der Analphabetismus wurde laut offiziellen Angaben von 22,7 auf 2,3 Prozent gedrückt, das ist ein Niveau entwickelter Länder. Der Bau von mehr als 1000 Schulen hat dazu beigetragen.

Es wurden Straßen und Fabriken gebaut und die Armutsrate reduziert, Morales hat auch auf der symbolischen Ebene viel bewegt. Mit dem Rauswurf von acht Militärbasen der USA gewann das Land an Souveränität, die neue Verfassung definiert Bolivien als „plurinationalen“ Staat, in dem die indigene Bevölkerungsmehrheit anerkannt wird und Gleichberechtigung genießt. Mehr als die Hälfte der Beamten sind Frauen und davon wiederum 68 Prozent Indigene. Neben der rot-gelb-grünen Nationalflagge weht die Wiphala, die aus bunten Quadraten zusammengesetzte Fahne der Indigenen.

Evo Morales, der für sich in Anspruch nimmt, jahrhundertealtes Unrecht an der indigenen Bevölkerungsmehrheit wiedergutzumachen, feierte zwei triumphale Wahlerfolge mit absoluter Mehrheit, was keiner seiner Vorgänger auch nur annähernd erreicht hatte. Dennoch zeigte sich die deutsche Bolivien-Expertin Juliana Ströbele-Gregor, die die ersten Reformen begrüßt hatte, nach zwölf Jahren Regierung „entsetzlich enttäuscht“.

Korruption

Die Regierungspartei Bewegung zum Sozialismus (MAS) sei tief in Korruption verstrickt und betreibe eine Politik der Einschüchterung ihrer politischen Gegner. Waren es anfangs nur die weißen Großgrundbesitzer in den Tieflanddepartements im Süden und Osten, die gegen die Reformregierung opponiert und selbst Mordanschläge gegen Evo Morales ausgeheckt hatten, so protestierten bald auch jene Organisationen, die Morales an die Macht gebracht hatten. Darunter die indianischen Tieflandbewohner, die erkennen mussten, dass ihr Lebensraum für die Erschließung von Bodenschätzen geopfert wurde.
Adhemar Mole vom Volk der Mojeños im Tieflanddepartement Beni bemüht sich im Interview mit dieser Zeitung um vorsichtige Formulierungen: „Wir haben eine der schönsten Verfassungen. Es macht Freude, sie zu lesen. Sie garantiert die Rechte aller Menschen, aber leider wird sie nicht eingehalten.“