Ecuador - Der Vulkan Cayambe in der Region von Quito, Ecuador, 1810. - © Foto: Getty Images / DeAgostini
Feuilleton

Weltbürger mit Vision

1945 1960 1980 2000 2020

Zum 250. Geburtstag: Alles gehört zusammen. Das war eine Einsicht des „Weltdenkers“ Alexander von Humboldt.

1945 1960 1980 2000 2020

Zum 250. Geburtstag: Alles gehört zusammen. Das war eine Einsicht des „Weltdenkers“ Alexander von Humboldt.

Obwohl er kein Abenteurer war, trieb ihn sein Forschergeist in lebensgefährliche Unternehmungen. Obwohl er kein Seefahrer war, segelte er über die Weltmeere. Obwohl er kein Bergsteiger war, schaffte er den Höhenweltrekord. Obwohl er kein Schriftsteller war, wurde er zum internationalsten Publizisten seiner Epoche, erschienen zu seinen Lebzeiten rund 1000 Texte an mehr als 250 Orten auf fünf Kontinenten. Und obwohl er kein Politiker oder Diplomat war, intervenierte er für Menschenrechte, inspirierte er Freiheitskämpfer, und war dennoch gern gesehener Gast, egal ob in Europas Herrscherhäusern oder beim US-Präsidenten: Alexander von Humboldt war ein Universaldenker, dem es um das Universale, das Große, das Ganze, um nichts Geringeres als „die Vermessung der Welt“ (© Daniel Kehlmann) und die Beschreibung wie Erklärung ihrer innersten Zusammenhänge ging.

Ein kongeniales Brüderpaar

Nicht umsonst heißt eines seiner berühmtesten Werke, das auf einer triumphalen Vortragsreihe in der Berliner Singakademie (heute Maxim-Gorki-Theater) fußte „Kosmos: Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“. Ziel dieser Globalvorlesung war die „allgemeine Verkettung, nicht in einfacher linearer Richtung, sondern in netzartig verschlungenem Gewebe“. Diesen ganzheitlichen Zugang pflegte der Multi-Intellektuelle in seiner Forschung wie bei seinem Schreiben, attestiert der Potsdamer Humboldt-Experte Ottmar Ette im Metzler-Handbuch „Alexander von Humboldt“ (2018): „Dieses netzartig verschlungene Gewebe bildet das vielleicht anschaulichste Verstehensmodell, um die Komplexität der Publikationen Humboldts adäquat zu erfassen.“

Humboldt wurde 30 Tage nach Napoleon am 14. September 1769 in Berlin Mitte als zweiter Sohn eines preußischen Majors geboren. Der Verweis auf den französischen Kaiser ist insofern relevant, als Humboldt von seinen Zeitgenossen als der bekannteste Mann der Welt nach Napoleon bezeichnet wurde. Humboldts Vater verstarb früh, die Mutter blieb Witwe und für ihre Kinder unnahbar. „Wir waren uns von jeher fremd“, begründete Humboldt sein und das Fernbleiben seines Bruders Wilhelm bei ihrem Begräbnis. Was seitens der Eltern an familiärer Bindung fehlte, glichen Alexander und Wilhelm durch ihre brüderliche Beziehung aus, oder wie es das Metzler-Handbuch beschreibt: „Diese beiden Leben und diese beiden Werke gehören in ihrer gegenseitigen Bezugnahme aufs Innigste zusammen.“

Der um zwei Jahre ältere Wilhelm stand seinem Bruder an Forschergeist um nichts nach; seine anthropologischen und sprachwissenschaftlichen Studien gelten als Meilensteine in ihren Disziplinen und daneben profilierte er sich auch noch als Universitäts-Reformer und Diplomat. Die von beiden favorisierte Forschungsmethode war das Reisen und beider Bezugspunkt war die Idee einer alle „Gränzen, welche Vorurtheile und einseitige Ansichten aller Art feindselig zwischen die Menschen stellen“, aufhebenden Menschlichkeit: „Indem wir die Einheit des Menschengeschlechtes behaupten, widerstreben wir auch jeder unerfreulichen Annahme von höheren und niederen Menschenracen.“

Abscheu gegen „Sklaventhum“

Insofern war es nur folgerichtig, dass Humboldts Forschung und seine Reisen zwar primär einem naturwissenschaftlichen Interesse folgten, gleichzeitig interessierte er sich aber nicht minder für den „politischen Zustand“ und die gesellschaftlichen Verhältnisse. Durch das Werk Humboldts zieht sich wie ein roter Faden die Anprangerung der „Pest des Sklaven­thums“ und seine „moralische Abscheu“ dagegen. Er stellte die Befreiung der Sklaven und die der Indianer auf dieselbe Stufe wie die von ihm verfochtene Emanzipation der Juden, heißt es im Humboldt-Handbuch. Dieses zitiert auch ein nach wie vor aktuelles Diktum des Menschenfreundes: „Eine Regierung hat nicht das Recht, die Unmoralität zu billigen, welche schönen Vernunftgründe man sich auch erlauben mag, um den gesunden Sinn […] zu verwirren.“ Wobei der auf das Wohlwollen der jeweiligen Königshäuser, egal ob in Preußen oder Spanien, angewiesene Humboldt wusste, wo er seine Kritik äußern durfte, die in seinen Tagebuchaufzeichnungen deutlich schärfer zutage tritt als in seinen Reisewerken. Aber auch in der entschärften Form durften Humboldts „gefährliche Meinungen“ in den amerikanischen Kolonien nicht gedruckt werden.

Die Zensoren suchten vergeblich, Humboldt zu verbieten. Humboldt wollte Öffentlichkeit, und die „Popularisierung von Wissen“ ist eine weitere bemerkenswerte Konstante in Humboldts Werk. Bücher haben „kein Leben ohne Oeffentlichkeit“, schrieb er 1841 an den preußischen König. Andreas W. Daum streicht in seiner Biografie des Forschers (C. H. Beck 2019) hervor: „Gerade aus Sicht der globalen Wissensgesellschaft erscheint Humboldt als Trendsetter der epochalen Tendenz, Wissen zu demokratisieren“. Das hat maßgeblich zu Humboldts Ruhm als „Ideal eines erfolgreichen Wissenschaftspopularisators“ beigetragen. Dabei beschränkte sich Humboldt nicht nur auf das geschriebene Wort, sondern er versuchte auch mit Illustrationen, Kupfertafeln, Diagrammen, Karten und literarischen Formen „unwissenschaftliche Menschen“ für sein Anliegen zu mobilisieren.

Obwohl er kein Abenteurer war, trieb ihn sein Forschergeist in lebensgefährliche Unternehmungen. Obwohl er kein Seefahrer war, segelte er über die Weltmeere. Obwohl er kein Bergsteiger war, schaffte er den Höhenweltrekord. Obwohl er kein Schriftsteller war, wurde er zum internationalsten Publizisten seiner Epoche, erschienen zu seinen Lebzeiten rund 1000 Texte an mehr als 250 Orten auf fünf Kontinenten. Und obwohl er kein Politiker oder Diplomat war, intervenierte er für Menschenrechte, inspirierte er Freiheitskämpfer, und war dennoch gern gesehener Gast, egal ob in Europas Herrscherhäusern oder beim US-Präsidenten: Alexander von Humboldt war ein Universaldenker, dem es um das Universale, das Große, das Ganze, um nichts Geringeres als „die Vermessung der Welt“ (© Daniel Kehlmann) und die Beschreibung wie Erklärung ihrer innersten Zusammenhänge ging.

Ein kongeniales Brüderpaar

Nicht umsonst heißt eines seiner berühmtesten Werke, das auf einer triumphalen Vortragsreihe in der Berliner Singakademie (heute Maxim-Gorki-Theater) fußte „Kosmos: Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“. Ziel dieser Globalvorlesung war die „allgemeine Verkettung, nicht in einfacher linearer Richtung, sondern in netzartig verschlungenem Gewebe“. Diesen ganzheitlichen Zugang pflegte der Multi-Intellektuelle in seiner Forschung wie bei seinem Schreiben, attestiert der Potsdamer Humboldt-Experte Ottmar Ette im Metzler-Handbuch „Alexander von Humboldt“ (2018): „Dieses netzartig verschlungene Gewebe bildet das vielleicht anschaulichste Verstehensmodell, um die Komplexität der Publikationen Humboldts adäquat zu erfassen.“

Humboldt wurde 30 Tage nach Napoleon am 14. September 1769 in Berlin Mitte als zweiter Sohn eines preußischen Majors geboren. Der Verweis auf den französischen Kaiser ist insofern relevant, als Humboldt von seinen Zeitgenossen als der bekannteste Mann der Welt nach Napoleon bezeichnet wurde. Humboldts Vater verstarb früh, die Mutter blieb Witwe und für ihre Kinder unnahbar. „Wir waren uns von jeher fremd“, begründete Humboldt sein und das Fernbleiben seines Bruders Wilhelm bei ihrem Begräbnis. Was seitens der Eltern an familiärer Bindung fehlte, glichen Alexander und Wilhelm durch ihre brüderliche Beziehung aus, oder wie es das Metzler-Handbuch beschreibt: „Diese beiden Leben und diese beiden Werke gehören in ihrer gegenseitigen Bezugnahme aufs Innigste zusammen.“

Der um zwei Jahre ältere Wilhelm stand seinem Bruder an Forschergeist um nichts nach; seine anthropologischen und sprachwissenschaftlichen Studien gelten als Meilensteine in ihren Disziplinen und daneben profilierte er sich auch noch als Universitäts-Reformer und Diplomat. Die von beiden favorisierte Forschungsmethode war das Reisen und beider Bezugspunkt war die Idee einer alle „Gränzen, welche Vorurtheile und einseitige Ansichten aller Art feindselig zwischen die Menschen stellen“, aufhebenden Menschlichkeit: „Indem wir die Einheit des Menschengeschlechtes behaupten, widerstreben wir auch jeder unerfreulichen Annahme von höheren und niederen Menschenracen.“

Abscheu gegen „Sklaventhum“

Insofern war es nur folgerichtig, dass Humboldts Forschung und seine Reisen zwar primär einem naturwissenschaftlichen Interesse folgten, gleichzeitig interessierte er sich aber nicht minder für den „politischen Zustand“ und die gesellschaftlichen Verhältnisse. Durch das Werk Humboldts zieht sich wie ein roter Faden die Anprangerung der „Pest des Sklaven­thums“ und seine „moralische Abscheu“ dagegen. Er stellte die Befreiung der Sklaven und die der Indianer auf dieselbe Stufe wie die von ihm verfochtene Emanzipation der Juden, heißt es im Humboldt-Handbuch. Dieses zitiert auch ein nach wie vor aktuelles Diktum des Menschenfreundes: „Eine Regierung hat nicht das Recht, die Unmoralität zu billigen, welche schönen Vernunftgründe man sich auch erlauben mag, um den gesunden Sinn […] zu verwirren.“ Wobei der auf das Wohlwollen der jeweiligen Königshäuser, egal ob in Preußen oder Spanien, angewiesene Humboldt wusste, wo er seine Kritik äußern durfte, die in seinen Tagebuchaufzeichnungen deutlich schärfer zutage tritt als in seinen Reisewerken. Aber auch in der entschärften Form durften Humboldts „gefährliche Meinungen“ in den amerikanischen Kolonien nicht gedruckt werden.

Die Zensoren suchten vergeblich, Humboldt zu verbieten. Humboldt wollte Öffentlichkeit, und die „Popularisierung von Wissen“ ist eine weitere bemerkenswerte Konstante in Humboldts Werk. Bücher haben „kein Leben ohne Oeffentlichkeit“, schrieb er 1841 an den preußischen König. Andreas W. Daum streicht in seiner Biografie des Forschers (C. H. Beck 2019) hervor: „Gerade aus Sicht der globalen Wissensgesellschaft erscheint Humboldt als Trendsetter der epochalen Tendenz, Wissen zu demokratisieren“. Das hat maßgeblich zu Humboldts Ruhm als „Ideal eines erfolgreichen Wissenschaftspopularisators“ beigetragen. Dabei beschränkte sich Humboldt nicht nur auf das geschriebene Wort, sondern er versuchte auch mit Illustrationen, Kupfertafeln, Diagrammen, Karten und literarischen Formen „unwissenschaftliche Menschen“ für sein Anliegen zu mobilisieren.

Humboldt wollte Öffentlichkeit, und die ,Popularisierung von Wissen‘ ist eine bemerkenswerte Konstante in seinem Werk.

Zu seinen legendären Kosmos-Vorträgen kamen jedes Mal 1500 Besucher: Mitglieder der Königsfamilie, Beamte, Militärs, Bürger und ungewöhnlich viele Frauen strömten Woche für Woche in den Saal, so Daum. Und Humboldt freute sich, dass die „Lebendigkeit“ seiner Sprache „einigen Effect auf das Publikum“ erzielte. Diesem präsentierte er das „Bild eines Natur Ganzen“. Die Vitalität seiner Beschreibungen rührte daher, dass er dieses Naturuniversum selbst erlebt hatte – und erlitten.

Verhältnis zum Ganzen

Seine Forschungstouren glichen oft Straf­expeditionen. Stromschnellen, streikende Bootsmänner und Dauerregen begleiteten seine Fahrt zur Quelle des Orinoco. Um nicht ständig von Moskitos drangsaliert zu werden, grub sich Humboldt bis zum Kopf in die Erde ein oder suchte Schutz in rauchigen Öfen. Umsonst. Insekten aller Art krochen in Mund und Nase, nisteten in seinen Gelenken: Wundfieber, Hautausschläge, Juckreiz … Humboldt, trotz all der Plage immer noch und durch und durch Forscher, ärgerten die dichten Moskitoschwärme aber vor allem, weil sie ihm den Blick auf Flora und Fauna sowie den Sternenhimmel verdunkelten.

Nach den Sternen griff er mit seiner Fast-Besteigung des Chimborazo im heutigen Ecuador. 20 Jahre sollte sein dabei aufgestellter Höhenrekord von knapp 6000 Metern halten. Vom Fels aufgerissene Hände, vom Stapfen im Eis wunde Füße, Nasen- und Ohrenbluten, Erstickungsanfälle, Kopfschmerzen und Schwindel bis zur Ohnmacht plagten Humboldt und Gefährten: „Unser Aufenthalt in dieser ungeheuren Höhe zählte zum Traurigsten und Finstersten überhaupt.“ Doch wieder unten war Humboldt überzeugt, dass man „einen höheren Standpunkt“ einnehmen muss, um die Natur zu verstehen. Entscheidend für dieses Humboldtʼsche Naturverständnis ist, dass individuelle Phänomene nur von Bedeutung in ihrem „Verhältnis zum Ganzen“ sind. Was heute Globalisierung genannt wird, hat Humboldt bereits gesehen und beschrieben: Alles sucht und fordert und hat seinen Platz im großen Teppich des Lebens.