"Zu alt dafür kann ich überhaupt nie werden“

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Sie sind zwar alt, aber sie lassen sich nicht als Alte abstempeln: Als aktive Künstlerinnen präsentieren sie sich bewusst mit all ihren Makeln. Antonia Lersch ist eine von ihnen.

"Mit Mitte 50 bin ich unsichtbar für andere geworden. Plötzlich existiert man als ältere Frau nicht mehr im öffentlichen Raum. Wenn ich gut drauf bin, schaffe ich es, diese Mauer zwischen den Jüngeren und mir zu überwinden. Durch meinen schrägen Stil bin ich aber öfter mit kritischen oder abwertenden Blicken konfrontiert. Dann schau ich frech zurück, und diesen Blicken halten die wenigsten Menschen stand“, erklärt Antonia Lersch mit fester Stimme. Ihre braunen Augen blitzen schelmisch und herausfordernd hinter der markanten Brille mit dem roten Metallrahmen, das lange weiße Haar hat sie zu einem seitlichen Zopf gebunden. "Auf der Bühne stelle ich mir keine Sekunde lang die Frage nach meinem kalendarischen Alter. Im Gegenteil: Das ist Leben pur“, erzählt die 65-Jährige wild gestikulierend von ihren Auftritten mit der Age Company.

Die Gruppe von Frauen zwischen 50 und 70 möchte mit ihren zeitgenössischen Tanz-Performances eine politische Botschaft transportieren: "Wir zeigen uns als ältere Frauen ungeschminkt und mit viel Körpereinsatz öffentlich auf einer Bühne. Und zwar in unserer Eigenart und ohne Scham. Dafür kriegen wir viel Zuspruch von sämtlichen Altersgruppen.“ Auch für Männer wäre die Age Company prinzipiell offen. Es gab zwar Anfragen, zu den Informationsabenden sind die Männer dann aber doch nicht gekommen. "Wir sind schon ein geballter Block Frauenpower, vor dem ältere Männer vielleicht Angst haben“, meint sie.

Als Antonia Lersch vor vier Jahren zur Age Company kam, war die Sozialarbeiterin mit der Diagnose Burn-out konfrontiert. "Plötzlich haben meine fachlichen und menschlichen Qualitäten nichts mehr gezählt. Das hat mich sehr getroffen“, sagt sie mit leiserer Stimme und nach innen gewandtem Blick. Als eine Bekannte ihr von der Age Company erzählte, hatte sie drei Bandscheibenvorfälle hinter sich. Nach dem ersten Schnupperwochenende war ihr klar: Ja, sie will. Und diese Entscheidung sollte sich als richtungsweisend herausstellen. "Da habe ich gelernt, dem Lustprinzip nachzugeben. Ich möchte so intensiv wie möglich leben, damit ich jeden Abend das Gefühl habe, es war ein toller Tag und ich wäre jetzt tatsächlich bereit zu sterben. “

Die Woodstock-Generation will rocken

Antonia Lersch tanzt, obwohl sie täglich Schmerztabletten nehmen muss und zwei Drittel ihres linken Beines nicht mehr spürt. Der zeitgenössische Stil mit seinen Improvisationen erlaubt ihr viel Spielraum. "Antonia hatte früher Angst, zu stürzen. Jetzt bewegt sie sich auch im Alltag viel sicherer. Sie hat abgenommen, als bräuchte sie ihren äußeren Schutzmantel nicht mehr“, erzählt die Berliner Choreografin Nicole Berndt-Caccivio, die seit Tag eins mit der Age Company arbeitet. Die Tanzchoreografin hat ein eigenes Curriculum für ältere Menschen entwickelt, das sie am Konservatorium Wien unterrichtet: "Unsere 60-Jährigen kommen von der Woodstock-Flower-Power-Generation und wollen abrocken. Ich will die Einstellung ‚das tun, was halt noch geht‘ ersetzen durch den pädagogischen Ansatz ‚spielerisch aber gezielt das herauslocken, was gerne gemacht werden würde.‘“ Ihren Vorschlag, die Frauen könnten auch mit nacktem Oberkörper performen, haben einige umgesetzt, Antonia Lersch aber nicht.

"Trotzdem nehme ich heute meinen Wert als erotische Frau wahr. Endlich stehe ich zu meinem Dekolleté und meinen Hüften. Wem ich nicht gefalle, der soll wegschauen.“ Im Unterschied zur jungen Antonia Lersch kann sie ihre Schwächen eingestehen und sogar mit ihnen spielen. "Auf der Bühne nutze ich sie als Werkzeuge. Meine Weiblichkeit setze ich manchmal als bewusstes Mittel zur Manipulation ein. Früher habe ich das Kokettieren als unwürdiges Verhalten einer selbstständigen Frau verurteilt.“

An der Wand klebt eine großflächige Collage mit unzähligen Baby- und Kinder-Fotos. "Auch diese Enkelkinder sind ein wahres Geschenk des Alters. Es gibt keine Garantie, dass man jemals Enkel haben wird. Meine Liebe zu diesen sieben Menschlein ist mit keiner anderen vergleichbar.“ Seit 43 Jahren ist die 65-Jährige mit ihrem Mann zusammen. "Wir können jetzt Tabus ansprechen, über die wir nach 10 Jahren Beziehung noch nicht reden konnten. Sexualität spielt gerade keine Rolle, dafür haben wir eine ganz große Innigkeit und Achtung voreinander.“

Der Tod als Aufforderung zum Leben

Ihr aktuelles Programm "Achtung Deadline“ beschäftigt sich in einer klaren Symbolik mit dem Tod. "Als meine Mutter gestorben ist, wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich als Nächste dran bin.“ Also beschloss sie, in der Geriatrie zu arbeiten, um sich mit dem Sterben auseinanderzusetzen. "Dort habe ich oft miterlebt, dass Menschen nicht bereit waren, zu gehen, weil sie mit irgendetwas nicht abschließen konnten: Dem Streit mit einem Familienmitglied oder einem anderen Versäumnis. Ich möchte nicht, dass in meinem Leben noch irgendetwas ansteht, wenn es ans Sterben geht.“ Als gläubige Mormonin ist sie überzeugt, dass das irdische Leben nur ein Teil unserer ewigen Existenz ist. "Angst habe ich nicht vor dem Tod, sondern vor dem Sterben, weil ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Ich glaube aber fest, dass ich mich nach dem Tod mit meinen Lieben wiedervereinen werde. Dieser Gedanke schenkt mir viel Zuversicht.“

Das Alter bedeutet für die Künstlerin einen riesigen Erfahrungs- und Wissensschatz. Solange sie ihren Körper einsetzen kann, will sie auftreten. "Ich wünsche mir den internationalen Durchbruch mit der Age Company. Das hätten wir einfach verdient“, sagt sie schmunzelnd und zwinkert.

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