7006833-1987_45_12.jpg
Digital In Arbeit

Die Geister, die sie riefen

Ein gutaussehendes Ehepaar: Er Mitte Fünfzig, sie um einiges jünger. Wie viele Österreicher sind sie getauft, gefirmt, kirchlich verheiratet... aber kaum wirklich vom Glauben bewegt worden. Anfang der sechziger Jahre sind sie in den Sog des Materialismus geraten: Sein Welthandelsstudium hatte ihn ins Management, dann in die USA geführt, zu einem Marketing-Studium in Harvard und dann aufwärts die Karriereleiter.

Zurück in Osterreich, befreundet er sich mit einem Künstler: „Eines Abends haben wir lange miteinander gesprochen, und er hat mich esoterisch geöffnet“, erinnert sich H. Eine neue Welt tat sich auf jenseits von Geld und Macht, von Haus und Auto. Es folgte eine Einführung in das „I Ging“, eine chinesische Weisheitslehre, die nicht nur Einblick in die Wandlungen des Lebens eröffnet, sondern mittels Münzwurfs auch Fragen über die jeweilige Lebenssituation beantwortet.

„Von da an wurde alles vom Orakel her bestimmt: mein persönliches, mein familiäres Leben, aber auch meine wirtschaftlichen und finanziellen Entscheidungen.“ H. meinte, nun könne er sich in der kosmischen Ordnung wie auf einer Landkarte orientieren.

Seine Frau war schon lange auf der Suche nach Sinnerfüllung und unzufrieden mit dem rein weltlich bezogenen Leben. Der Kirche hatte sie längst den Rücken .zugekehrt, ihre Moral schien ihr oberflächlich. Das Neue, das H. entdeckt hatte, faszinierte daher auch sie — allerdings ganz anders: „Das Meditieren, das Anknüpfen an Transzendentes wurde für mich sehr wichtig. War der Kosmos geordnet oder chaotisch? Gibt es Gott? Das waren Fragen, die mich schon lange beschäftigt hatten. In der Meditation erkannte ich nun die Ordnung.“

H. meditierte auch, jedoch mit anderem Akzent: „Für mich war alles wie eine Geheimwissenschaft.“ Und aus deren reichem Angebot schöpften sie nun mit vollen Händen: I Ging, dann Astrologie („Ich hatte einen eigenen Astrologen in meiner Firma angestellt“), Yoga, Rückführung in frühere Leben... „Wir haben tanzende Derwische erlebt und ihre Trance geteilt und wurden von Indianern in die Welt der Magie, des Schamanismus eingeführt“, erinnert sich H.

I., seine Frau, meint, es sei normal, daß man früher oder später das ganze Angebot probiere: „Man strebt ja nach neuem Bewußtsein, und das erreicht man über verschiedene Methoden.“ Und diese scheinen einander zu ergänzen. Jede neue Methode verheißt einen neuen Durchbruch. „Dieser umfassende Zugang hat uns fasziniert. Körper, Seele und Geist, die Gesamtheit des menschlichen Seins beginnt da zu blühen“, so erlebten es die zuvor rein materiell ausgerichteten Karrieremenschen.

„Es ging immer um das Aha-Erlebnis'. Wir wollten über all das nicht nur in Büchern lesen, wir wollten es auch leben“, unterstreicht I. die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens. „Und damit wurde unser Leben sehr bunt.“

Alles erschien zunächst faszinierend. Da war etwa sein Berufsleben: Er macht sich selbständig, und es geht steil aufwärts. Nach zwei Jahren wächst sein Unternehmen von Null auf 27 Mitarbeiter, ist sein Produkt europaweit bekannt, bekommt er als Anerkennung Staatspreise und sogar „Eurostars“. Hoch ist aber auch die Verschuldung. Sie geht in die -zig Millionen. Zwar geschieht alles auf legalem Weg, aber an der Hand des Astrologen und des Orakels. „Ich wußte immer die richtige Zeit für Kontakte mit der richtigen Person.“

Die Firma wuchs und wuchs — aber weit und breit war keine Stabilisierung in Sicht. Sorgen? Ja, aber selten, denn „mein .Freund im All' (der durch ein Medium in Trance zu mir sprach) ließ mich wissen, in einem Jahr sei alles bereinigt. Und mit Meditation kam ich innerlich zur Ruhe.“

Und die Familie? Zunächst schien die gemeinsame Faszination, die Gemeinschaft mit Menschen der „Neuen Zeit“, das Uber-legenheitsgefühl, das die neue Einsicht vermittelte, die beiden zu verbinden. Aber dann wurde doch deutlich: Jeder ging seinen Weg. „Mir war vor allem wichtig, meinen geistigen Weg zu gehen. Ich habe viel gelesen, meditiert, Erfahrungen gesammelt. Ich war auf der Suche nach einer neuen Art des Seins, und Selbstverwirklichung war mir wichtig“, erinnert sich I.

Aber bald erkannte sie die Gefahr. Da waren zunächst die Maßlosigkeit und Rücksichtslosigkeit, mit der H. im Beruf agierte. Er ge-bärdete sich als Ubermensch. Weiters erlebte sie schmerzlich den Konflikt zwischen der Hingabe, die ihre Aufgabe als Mutter von ihr verlangte, und dem Aufruf zur Selbstverwirklichung im New Age.

Bald hatten auch die Kinder die Herrschaft des Orakels satt. „Immer waren das Weisheitsbuch und Pendel zwischen ihnen und dem Vater. Er verlor jede Autorität dadurch“, kennzeichnet I. die damalige Lage, um zusammenzufassen: „New Age ist familienfeindlich bis zum Exzeß. Jeder geht nur seinen Weg.“

Miteinander zu reden, war schwer. Jeder meinte nämlich, der andere habe eben noch nicht das rechte Bewußtsein. Bald war unübersehbar, daß rund um sie bedrohliche Kräfte am Werk waren: eine aussichtlose Geschäftslage, eine zerbrechende Familie, ein lähmendes Gefühl der Unfreiheit, das sich mit dem Morgen zu trö-

sten versuchte, innere Knechtschaft und Gebundenheit.

I. erkannte die Gefahr und begann, um ihre Familie zu kämpfen. H. wiederum verspurte die Gefahr eher unbewußt, und so zogen sich beide—ohne viel darüber zu reden - aus ihrem New-Age-Kreis zurück.

„Ich habe alles persönlich zu leben versucht, aber immer wieder deutlich erfahren: ,Das ist nicht der richtige Weg.' Heute weiß ich, daß ich unbewußt auf der Suche nach einem Du, nach dem persönlichen Gott war. Der unpersönliche, kosmische Geist, die Ordnung waren mir zuwenig“, sieht I. heute die Lage viel klarer.

„Der Geist, den wir erfahren haben, war kalt, elektrisierend, beängstigend — aber trotz alldem wieder faszinierend, weil man Teü hatte an einer «anderen Wirklichkeit'“, ergänzt H.

Eine schwere, aussichtlos erscheinende gesundheitliche Krise eines der Kinder machte schließlich den Weg frei für einen neuen Anfang. Obwohl H. enorm skeptisch war und das Ganze lächerlich fand, holte I. in letzter Verzweiflung eine Nachbarin, die ein Jahr zuvor zum Glauben gefunden hatte, damit diese für das Mädchen bete. Und dabei erfuhren sie, daß Gebet eine stärkere Macht ist als alles, was sie bisher gekannt hatten. Licht und Friede zogen bei ihnen ein. Verändert war nicht nur ihre Tochter.

Ein neues Leben beginnt. Sie erleben, daß Gott einen Namen hat: Jesus Christus, daß er Geborgenheit schenkt - gerade dem Zerrissenen, daß er heilt. Ein langjähriger, oftmals auch schmerzhafter Heilungsprozeß setzt ein. Langsam findet die auseinanderstrebende Familie zusammen. Mit Gottes Hilfe kommt H. zwar schlagartig von seinen Götzen Astrologie, Orakel, Pendel los, aber dann kommt die berufliche Krise: „Obwohl weltlich vieles schlechter geworden ist, fühle ich mich frei und bin voll Hoffnung“, stellt H. fest. „Jesus hat mich durch all das hindurchgetragen.“

Im Rückblick erkennen beide, daß sie sich leichtfertig der Welt der Dämonen geöffnet hatten: „Wenn man den Weg beginnt, weiß man davon nichts. Der aufgeklärte Mensch belächelt Satan und weiß nichts von Jesus Christus, der diesen besiegt hat und der uns konkret heilen und führen will. Denn nur er ist der .Weg, die Wahrheit und das Leben'.“

Name und Adresse der Gesprächspartner sind der Redaktion bekannt.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau