Das Gute an SCHULD & SÜHNE

1945 1960 1980 2000 2020

"Schuld und Sühne" war das Thema des diesjährigen Philosophicum Lech. Die FURCHE sprach darüber mit dem Philosophen Michael Schefczyk.

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"Schuld und Sühne" war das Thema des diesjährigen Philosophicum Lech. Die FURCHE sprach darüber mit dem Philosophen Michael Schefczyk.

Der an der Leuphana-Universität Lüneburg lehrende Michael Schefczyk, Jahrgang 1967, hat sich in seiner jüngsten Publikation mit der "Verantwortung für historisches Unrecht" auseinandergesetzt. Er plädiert für ein "individualistisches Verständnis von Kollektivschuld".

DIE FURCHE: "Schuld" und "Sühne", das sind ja ideologisch, zum Teil auch religiös hoch aufgeladene Begriffe. Lassen Sie sich überhaupt in einem säkularen Umfeld noch verwenden?

Michael Schefczyk: Ja, ich denke schon. Sie haben natürlich recht, das sind Begriffe, die auch in einer religiösen Tradition stehen, und manchmal werden auch ganze Kulturen danach unterschieden, ob sie eher schuld- oder schamgeprägt sind. Ob also die Menschen ihr Handeln danach orientieren, dass sie versuchen beschämende Situationen, das Entblößt-vor-anderen-Stehen zu vermeiden - oder ob es um die in die Tiefe gehende Situation der Schuld geht. Demnach würde die jüdisch-christliche Tradition Schuldkulturen aubilden, Schamkulturen wären eher fernöstlichen Traditionen zuzuordnen. Diese Prägungen dauern fort, auch wenn die religiöse Grundlage verloren gegangen ist. Ich glaube daher, dass etwas wie Schuldgefühl, als eine Möglichkeit des Empfindens, nach wie vor Realität ist, auch für Leute, die nicht in die Kirche gehen und vielleicht auch gar keinen Gottesglauben haben.

DIE FURCHE: Inwieweit gibt es so etwas wie historische Schuld - etwa im Hinblick auf die NS-Zeit oder aber auch, weiter zurückgehend, auf die Geschichte des Kolonialismus?

Schefczyk: Zunächst muss ich sagen, dass mein Verständnis von historischem Unrecht nicht fixiert ist auf lange zurückliegendes Unrecht, sondern ich denke dabei auch an Unrecht, das zu den Zeiten, als es begangen wurde, nicht als Unrecht gegolten hat. Die Frage, die sich dabei stellt, lautet: Erwachsen den Nachgeborenen aus dem Unrecht vergangener Generationen Pflichten? Ich meine ja, weil wir politische Gemeinschaften bilden und durch Körperschaften vertreten sind. Staaten handeln im Namen von politischen Gemeinschaften, Gerichte sprechen im Namen des Volkes Urteile etc. Staaten gehen normative Verbindlichkeiten ein, schließen Verträge ab, nehmen Pflichten auf sich. Und zu diesen Pflichten gehört meines Erachtens auch die Wiedergutmachung vergangenen Unrechts. Solche Pflichten treffen auch Personen, die selber nichts falsch gemacht, also kein Unrecht begangen haben, insofern sie eben Mitglieder von politischen Gemeinschaften sind; so wie etwa spätere Generationen auch die Pflicht haben, Staatsschulden zu begleichen, die sie nicht aufgenommen haben. Nun stellt sich die Frage, wie lange das fortdauert: Da würde ich sagen, dass man die Pflicht der Wiedergutmachung zeitlich auf das Verstreichen von zwei, drei Generationen begrenzen sollte. Warum? Weil sich in dem generationellen Ablauf die Zusammensetzung der politischen Gemeinschaft ändert - und damit auch der Anteil derjenigen Menschen, die normativ durch die Handlungen eines Staates, der in ihrem Namen handelt, gebunden werden.

DIE FURCHE: Muss sich also ein Brite oder ein Franzose für die koloniale Vergangenheit seines Landes verantwortlich fühlen?

Schefczyk: Also ich würde meinen, die ist noch nahe genug. Aber man muss unterscheiden: Es geht da eher nicht um Schuldgefühle, sondern um eine Art Identifikation mit einer Körperschaft, von der man der Meinung ist, dass sie unrecht getan hat. Die Handlungen, die im 20. Jahrhundert liegen, fallen in den Horizont dessen, was materielle Verpflichtungen für die Gemeinschaft auslöst. Aber diese materiellen Verpflichtungen dauern eben nicht ewig an.

DIE FURCHE: Wie stehen Sie zum Begriff der "Kollektivschuld"?

Schefczyk: Der Begriff ist etwas mit Vorsicht zu genießen, weil er so verstanden werden kann, als könnten Völker als ganze schuldig werden und als würde diese Schuld dann für alle Zeiten auf einem bestimmten Volk lasten. Das ist ein unvernünftiges - und auch unmoralisches - Verständnis von Kollektivschuld, das mit guten Gründen zurückgewiesen wird. Allerdings glauben viele irrigerweise, dass, wenn sie dieses Verständnis zurückweisen, damit auch schon gesagt ist, dass bestimmte historische Verbrechen nicht unter massenhafter Beteiligung von Individuen zustandegekommen wären. Daher braucht es so etwas wie ein individualistisches Verständnis von Kollektivschuld.

DIE FURCHE: Die Frage nach der Verantwortung für Ereignisse, an denen man nicht selbst beteiligt war, stellt sich ja nicht nur historisch sondern auch synchron -beispielsweise bei der Finanzkrise. Ein Slogan der Protestbewegung hat gelautet: "Wir zahlen nicht für eure Krise". Wer ist denn da "wir" und wer sind die "anderen"?

Schefczyk: Ich denke, der Slogan ist schon nachvollziehbar, weil man stark den Eindruck gewinnen musste, dass diejenigen, die die Finanzkrise durch ihr Handeln maßgeblich verursacht haben, nicht in angemessener Weise an den Kosten der Bewältigung der Krise beteiligt wurden. Ich glaube auch, dass auf der Ebene der Ursachenanalyse - das wäre ja eine Minimalforderung gewesen - zu wenig gemacht wurde. In Deutschland beispielsweise hat es seitens der Politik immer geheißen, dass sich der Finanzplatz modernisieren müsse, und die Landesbanken sind ermutigt worden, bestimmte Finanzinstrumente aggressiver zu nutzen, von denen wir heute wissen, wie gefährlich die sind.

DIE FURCHE: Am Pranger steht das System - aber sind das System nicht letztlich wir alle?

Schefczyk: Ja, das stimmt, es geht natürlich um ein Versagen auf verschiedenen Ebenen. Nur muss man sehen, dass die Verantwortung ungleich verteilt ist, weil die Kompetenzen ungleich verteilt sind.

DIE FURCHE: Oft ist auch bei Krisen - von Flüchtlingselend bis zum Klimawandel - davon die Rede, man dürfe "nicht wegschauen". Überfordert uns aber nicht, dass wir in unserem Medienzeitalter quasi zwangsläufig ständig auf alles hinschauen - und wird das nicht möglicherweise kontraproduktiv?

Schefczyk: Ich glaube, was wir bräuchten, wäre eine Orientierung, wann wir unseren Teil getan, unsere Pflicht erfüllt haben. Die Krisen sind zu viele, unsere Handlungsmöglichkeiten sind zu klein. Ich würde sagen, dass in einer liberalen Gesellschaft es dem Einzelnen anheim gestellt ist, die Entscheidung für sich zu treffen, für welche Dinge er Verantwortung übernehmen will. Wenn jemand etwa moralisch in besonderer Weise dadurch beunruhigt ist, was vor Lampedusa geschieht, ist das in Ordnung, wenn er sich hier engagiert, und sei es durch Spenden. Das dispensiert die betreffende Person aber dann davon, sich um alle anderen Probleme, beispielsweise im Kongo oder in Syrien, auch noch kümmern zu müssen. In modernen Gesellschaften darf man auch darauf vertrauen, dass es für fast alle wesentlichen Probleme einschlägige Organisationen gibt, und es scheint mir nicht unvernünftig, es den Leuten zu überlassen, sich um Dinge zu kümmern, die sie besonders wichtig finden. Und es ist nicht von ihnen gefordert, sich um alle Probleme in der Welt zu kümmern.

DIE FURCHE: Noch schwerer als mit der Schuld tun wir uns wohl mit der Sühne. Was lässt sich denn aus Ihrer Sicht dazu sagen?

Schefczyk: Persönlich bin ich nicht religiös verankert, aber unabhängig davon finde ich, dass die christlich-jüdische Tradition durch ihr Sünde-und Sühne-Bewusstsein viel zur Intelligenz unserer Kultur beigetragen hat. Weil ich glaube, dass die Frage, was man persönlich getan -und möglicherweise eben auch falsch getan - hat, einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung unseres Handelns geleistet hat und leistet.

DIE FURCHE: Gibt es auch so etwas wie ein säkulares Verständnis von Sühne?

Schefczyk: Das erste, was man demjenigen schuldet, den man durch eigenes Verhalten geschädigt hat, ist die Anerkennung des Fehlverhaltens. Das muss dann das Bemühen um Wiedergutmachung ebenso nach sich ziehen wie die Bereitschaft, das Verhalten in Zukunft zu korrigieren. Dies wäre meines Erachtens eine durchaus säkulare Form von Sühnebewusstsein.

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