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Die Nation, die keiner wollte

Alfred Missong - katholischer Querdenker und zu Unrecht vergessener Ehrenretter Österreichs.

Gegen Hitler und Rassismus zu sein, für eine eigenständige österreichische Nation mit Vermittlerfunktion in Europa: heute Selbstverständlichkeiten. Aber vor und nach 1934, vor und nach 1938: War da Deutschtümelei nicht in allen politischen Lagern Österreichs an der Tagesordnung? Ein neues Buch beweist: tendenziell ja - aber es gab auch klare Voraussicht bei katholischen Publizisten wie Alfred Missong, die zu Unrecht vergessen würden.

Das ja war eine Hauptquelle der Verunsicherung, dass 1918 allen noch "unerlösten" Völkern Europas Nationalstaatslösungen zuerkannt, den Deutschsprachigen in Österreich, Böhmen und Südtirol aber verweigert wurden. Hitlers Verwirklichungsversprechen wurde zur großen Versuchung. Dem gläubigen Katholiken Alfred Missong trübte diese Aussicht nicht den Blick für den Menschen verachtenden Nationalsozialismus, den er schon 1924 und umfassend im "Nazispiegel" 1932 messerscharf analysierte.

Den Gedanken einer von der deutschen klar unterscheidbaren österreichischen Nation entwickelte er mit Leidenschaft und machte ihn im Verein mit wenigen Gleichgesinnten (E. K. Winter, A. M. Knoll, W. Schmid, H. K. Zeßner-Spitzenberg) zu seiner Lebensaufgabe. Die Zerrüttung der Ehe seiner Eltern (die österreichische Mutter fand er viel sympathischer als den deutschen Vater) spielte dabei erkennbar mit, war aber nicht ursächlich. Er sah das genuin Österreichische im übernationalen Kaiserreich verwirklicht und lehnte die Ständestaatsideologie vom "zweiten deutschen Staat" vehement ab.

Diese Denkweise machte ihn zeitweise auch zu einem Legitimisten, der sich von Kaiser Karl stark beeindruckt zeigte und dessen Sohn Otto zur Forderung, als Bundeskanzler ernannt zu werden, drängte. Während der NS-Herrschaft verfolgt, ins Exil getrieben, zweimal eingesperrt und gerettet nur, weil er die schärfste Kritik unter Pseudonymen veröffentlicht hatte, setzte er 1945 sein Nationsplädoyer auch als Programmdenker der Volkspartei fort. Die ÖVP fand daran nur mäßig Gefallen, sein Karriereende als Presseattaché bedrückte ihn, aber die österreichische Nation setzte sich im Gestaltwandel zur Staatsnation endgültig durch und wurde zu einem festen Fundament des selbstständigen neuen Österreich.

Auch an diese positive Wirkung sollte man denken, wenn man Österreichs angebliche "Lebenslüge", wonach am Nationalsozialismus allein "die Deutschen" schuld gewesen seien, als schlitzohrige Finte geißeln möchte. So argumentiert heute auch Gerald Stourzh. Dieser angesehene Historiker war es auch, der die Idee einer (von Cornelia Hoffmann besorgten) Sammlung, Sichtung und selektiven Veröffentlichung der ungezählten Publikationen des "Publizisten von hohen Graden" förderte.

Alfred Missongs Sohn Alfred, ein Spitzendiplomat im Nachkriegsösterreich, hat diese Edition nun herausgebracht und uns neuen Zugang zu einem im eigenen Lager vielfach angefeindeten katholischen Querdenker der Zwischen-und ersten Nachkriegszeit verschafft. Was dieser über den Verfassungsbruch 1934, Österreichs "Vulgärantisemitismus", über Neutralität und europäische Integration, aber auch über christliche Laienpflicht zum politischen Engagement vor Jahrzehnten schrieb, liest sich noch heute exemplarisch.

CHRISTENTUM UND POLITIK IN ÖSTERREICH

Ausgewählte Schriften 1924-1950 von Alfred Missong. Hg. von Alfred Missong jun. Böhlau Verlag, Wien 2006

476 Seiten, geb., e 45,--

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