Drago Jancar - © Foto: picturedesk.com  / Roni Rekomaa / Lehtikuva
Literatur

Katja Gasser: Laudatio auf Drago Jančar

1945 1960 1980 2000 2020

Drago Jančar hat am 3. August 2020 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur erhalten. Wir bringen die Laudatio von Katja Gasser.

1945 1960 1980 2000 2020

Drago Jančar hat am 3. August 2020 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur erhalten. Wir bringen die Laudatio von Katja Gasser.

Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie sitzen in einem leeren Zimmer, auf einem Stuhl, dürfen oder wollen nur in die Richtung schauen, in die Sie sitzen, weg vom Fenster, bewegungslos: vor Ihnen eine weiße Wand. Das Zimmer ist klein, dennoch viel größer, viel aufregender, viel weiter als das, was Sie in diesem Zustand sehen können. Drago Jančar schreibt seit jeher gegen die Verengung des Blicks, gegen Bewegungsverweigerung beziehungsweise gegen Bewegungsverbot im Denken wie im Empfinden an – beides auch zutiefst körperliche Ereignisse.

Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie sitzen in einem leeren Zimmer, auf einem Stuhl, dürfen oder wollen nur in die Richtung schauen, in die Sie sitzen, weg vom Fenster, bewegungslos: vor Ihnen eine weiße Wand. Das Zimmer ist klein, dennoch viel größer, viel aufregender, viel weiter als das, was Sie in diesem Zustand sehen können. Drago Jančar schreibt seit jeher gegen die Verengung des Blicks, gegen Bewegungsverweigerung beziehungsweise gegen Bewegungsverbot im Denken wie im Empfinden an – beides auch zutiefst körperliche Ereignisse.

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Dass dem so ist, das zeigt sich auch in der multiperspektivischen Anlage seiner Romane, die etwas gemeinsam haben: Sie veranschaulichen, ganz ohne pädagogischen Eifer freilich, dass so etwas wie Wahrheit, dass Gerechtigkeit, dass das Gute stets nur von kurzer Dauer ist, ephemer und – sich plötzlich realisiert. „Die Wahrheit wartet, dann bricht sie hervor, tritt zutage“, ist in Drago Jančars jüngstem, auf Deutsch in der Übersetzung von Daniela Kocmut erschienenen Roman „Wenn die Liebe ruht“ zu lesen. Das heißt auch: Verhindern lässt sie sich, die Wahrheit, auf Dauer ebenso wenig, wie sie für immer festgezurrt werden kann. Der „revoltierende Sinn“, er kennt kein Ankommen für immer. Um Missverständnissen vorzubeugen: Drago Jančars Literatur hat etwa mit der ironischen Postmoderne nichts zu tun. Hier hält sich niemand mit den Mitteln der Literatur die Welt vom Leib, und hier beschwört niemand die Arbitrarität, also die Willkürlichkeit von allem. In Drago Jančars Literatur, die jede Indienstnahme verweigert, gibt es durchaus so etwas wie moralische Gewissheiten, ethische Prinzipien als Bojen – welcher Art diese sind, das unter anderem werde ich in meiner Laudatio zu zeigen versuchen.

Kultur ist niemals Monokultur

Kunst, die den Namen verdient – daran zumindest will ich festhalten –, hat das Potenzial, den Menschen vor der „absoluten Realität“ und damit vor dem eindimensionalen Blick, von dem ich zu Anfang gesprochen habe, zu bewahren. Drago Jančars Literatur ist durchdrungen von der Einsicht in die Gefährlichkeit, auch politische Gefährlichkeit, des „eindimensionalen Blicks“. Folgt man Drago Jančar, so ist Eindimensionalität, Monoperspektivität überhaupt, etwas, das dem, was Kultur ist, widerspricht. Drago Jančar schreibt in seinem Text „Kurzer Bericht über eine lange belagerte Stadt. Gerechtigkeit für Sarajevo“: „Ein kultureller, also schöpferischer oder zumindest neugieriger Mensch ist per definitionem multikulturell. Kultur, wenn sie wirklich Kultur ist, ist niemals Monokultur. Monokultur ist eine Frage für Agronomen, nicht für kreative Menschen.“ Verengung und Verfinsterung der Welt, das lehrt uns die Geschichte: Sie gehen stets Hand in Hand. In gewisser Weise ähnelt Drago Jančar Robert Musil, der auf dem legendären Pariser Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur im Juni 1935 den Individualismus des Künstlers verteidigte und vor dem aufkommenden Kollektivismus warnte: Musil wusste nicht, dass der Kongress eine kommunistische Veranstaltung war und deshalb dort nur das Hitler-Regime, nicht aber die Sowjetunion kritisiert werden durfte.

Auch betonte er in diesem Rahmen, dass Kultur und Politik getrennte Bereiche seien, die Kultur sei ihrem Wesen nach hochsensibel, unstet und unvorhersehbar. Drago Jančar wird einige Jahrzehnte später schreiben: „Die Welt der Politik, der Herrschaft und der Macht ist in Wahrheit eine ganz andere als die Welt der Literatur.“ Robert Musil wurde bei dem erwähnten Kongress im Jahr 1935 von all jenen Teilnehmern ausgepfiffen, die keine fein durchdachte, widerständige Rede, sondern Propaganda erwarteten. Robert Musil wurde von Nazis und Kommunisten gleichermaßen attackiert. Nicht unähnlich erging es Drago Jančar, der sich heute als „Jugo-Nostalgiker im kulturellen Sinne“ bezeichnet. In einem Interview, das ich Anfang 2019 mit ihm in seiner Geburtsstadt Maribor geführt habe, sagt er: „Die kulturelle Vielfalt dieses Landes Jugoslawien vermisse ich. Aber ich vermisse nicht das Machtgehabe der Kommunisten. Jugoslawien war, das darf man nicht verharmlosen, trotz allem eine Diktatur, die totalitären Strukturen vermisse ich nicht.“ Anfang der 1990er Jahre schrieb er: „Ich glaube, nicht nur im eigenen Namen zu sprechen, wenn ich sage, dass ich Jugoslawien, dieses Kulturkonglomerat, mag; das Jugoslawentum, das heißt die jugoslawische Idee aber lehne ich ab. Mehr noch: Ich behaupte, dass gerade die sogenannten Jugoslowenen Jugoslawien auch definitiv vernichtet haben.“

Kultur, wenn sie wirklich Kultur ist, ist niemals Monokultur. Monokultur ist eine Frage für Agronomen, nicht für kreative Menschen.

Drago Jančar

Drago Jančar hat für seinen Widerstand gegen den Totalitarismus jugoslawischer Prägung und die damit einhergehenden Sprechverbote – „feindliche Propaganda“ nannte man das aus dem ideologischen Innenraum heraus – Mitte der 1970er Jahre mit Inhaftierung bezahlt, und zwar in jenem Gefängnis, in dem 30 Jahre zuvor sein Vater von der Gestapo gefangen gehalten wurde. Geschichte und Literatur, die Arbeit an der Sprache, an der Form und die Arbeit an der Erinnerung sind bei Drago Jančar immer schon aufs Engste miteinander verwoben gewesen. „Ich denke an eine Literatur“, schreibt er, „die davon weiß, dass die Paradoxa der Geschichte und ihre ironischen Witze vor allem der Mensch, auf seiner eigenen Haut, mit seinem Herzen, mit seinem Verstand ertragen muss.“ Eine solche Literatur ist die seine. Drago Jančar erzählt in seinem Werk eindringlich von den schrecklichen historischen Verwerfungen, den politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts anhand der Leben von Einzelnen – auf dass auch unser kollektives Gedächtnis davor bewahrt werde, der Neigung zu, dem Drängen nach Amnesie und Ungenauigkeit anheimzufallen.

Widerspruch und Freiheit

Drago Jančar hat sich zu Zeiten Jugoslawiens für die Demokratisierung dieses multiethnischen und multireligiösen Staates eingesetzt, ist für Pluralismus und Meinungsfreiheit eingetreten. Als Alternative zu Jugoslawien hatte er nie kleingeistigen Nationalismus oder Patriotismus im Sinn – „was ist das alles, wenn nicht die Liebe zum Tod?“ ist in Zusammenhang mit dem Begriff „Heimatliebe“ in „Wenn die Liebe ruht“ zu lesen. In seinem Essay „Erinnerungen an Jugoslawien“ schreibt er, ernüchternde Bilanz ziehend: „Die Hälfte meines Lebens plädiere ich bereits für die Achtung der Unterschiede, für die Anerkennung von nationalen, kulturellen, persönlichen und schöpferischen Verschiedenheiten. Das Resultat ist immer wieder das nämliche: Am Ende stehen sich die Unterschiede mit gebleckten Zähnen gegenüber.“

In Drago Jančars Literatur wird alles Totalitäre, alles Absolute, alles in eine Idee, eine Ideologie, eine starre Ordnung sich Verhärtende, als etwas sichtbar gemacht, das gegen den Menschen gerichtet ist und seine Fähigkeit zu Liebe und Schönheit und Freiheit und Verwandlung zerstört. „Vom Idealismus zum Sadismus ist es manchmal nicht weit“, schreibt Drago Jančar. Er macht den Menschen in seiner Komplexität, seiner Vielstimmigkeit sichtbar, wozu tiefe, nicht aufzuhebende Widersprüche gehören. Wobei der Widerspruch nicht als Negatives gezeichnet, sondern als ein produktiver, überlebensnotwendiger Freiraum markiert wird: Ist der Mensch nicht im Widerspruch am freiesten? Drago Jančar schreibt: „Jede Ideologie, die im Namen einer irdischen Heilslehre gewaltsam dem Menschen aufgezwungen wird, die nach seiner persönlichen Integrität greift und sich dabei zynisch auf „salus publica“ beruft, versucht die üppige Verschiedenartigkeit des menschlichen Geistes auszulöschen. Die kollektive Gleichmachung nivelliert die Unterschiede und stellt ihre ‚erlösende‘ Idee über und gegen die Natur des Lebens.“ Das Wissen darum, dass die Begabung des Menschen, sich für das Schöne zu öffnen, unversöhnt neben seiner Fähigkeit zu Hässlichkeit in allen Spielarten besteht, gibt den Grundton an, in dem die Texte Drago Jančars gehalten sind. Versöhnung kann, wenn überhaupt, nur die Kunst, die Literatur stiften, und zwar eine, die sich nicht als „Generator für Optimismus“ versteht.

Es ist vielmehr eine, die ohne die Bitternis der individuellen Erfahrung, ohne das Zerstörende der Historie, ohne Sehnsucht nach Unerfüllbarem nicht zu denken ist. Die Literatur wird hier gedacht als Ort, an den man sich vor den Zumutungen der Welt flüchten, an dem man sich von den Zurichtungen des Existierens befreien kann, und vorgestellt als Raum, an dem sich der Mensch immer wieder aufs Neue aus dem Zustand des Abgestumpft-Seins aufrichten und einem Du zuwenden kann – niemals endgültig, versteht sich. „Die Literatur tut eigentlich mit uns die ganze Zeit nichts anderes, als uns einander näherzubringen“, schreibt Drago Jančar.

Versöhnung kann, wenn überhaupt, nur die Kunst stiften – eine, die sich nicht als ‚Generator für Optimismus‘ versteht.

So spielt die Literatur, Lyrik zumal, im Roman „Wenn die Liebe ruht“ die Hauptrolle, wenn auch erst auf den zweiten Blick: Sie ist es, die den durch den Krieg, der „alles bezwingt“, zutiefst beschädigten, verrohten Figuren zumindest die Möglichkeit einer anderen Welt in Erinnerung hält. Und dennoch heißt es im Roman an einer Stelle: „Poesie überwindet alles. Außer den Krieg.“ Und an anderer Stelle: „[...] die Menschen beginnen einander zu hassen. Dort ist Krieg.

Niemand ist mehr, was er war oder was er sein wollte.“ Die Frage, wie aus einem Liebenden ein Hassender wird, wie aus einem Menschen eine Bestie werden kann: Sie ist es, die als große, historisch sich wiederholende Qual das Werk dieses Autors durchzieht. „Wie ist es möglich, dass diese Leute solche Schweine geworden sind?“, wird im Roman „Wenn die Liebe ruht“ gefragt. Drago Jančars Literatur ist auch eine akribische Studie menschlicher Verrohung und ihrer katastrophalen Folgen für Generationen. Er schreibt: „Das Böse hört nicht einfach so auf, es wütet noch lange.“ In dem Text „Gerechtigkeit für Sarajevo“ referiert Drago Jančar auf Munchs Bild „Der Schrei“, das 1893 entstanden ist. Dieser „Schrei der absoluten Todesstille“ ist es, der als nicht zu bändigender Schrecken die Literatur dieses großen europäischen Autors motiviert.

Ich schreibe über die dunklen Seiten des Lebens, um im Lesenden die Sehnsucht nach Licht zu entfachen und damit sich der Schrecken der Vergangenheit nicht wiederhole.

Drago Jančar

Drago Jančar sagt, indirekt den bedeutendsten slowenischen Autor der Moderne, Ivan Cankar, zitierend – mit dem er im Übrigen, neben Sarkasmus und Pessimismus, auch den nüchternen Blick auf das zu Selbstheroisierung neigende Europa teilt: „Ich schreibe über die dunklen Seiten des Lebens, um im Lesenden die Sehnsucht nach Licht zu entfachen und damit sich der Schrecken der Vergangenheit nicht wiederhole. Ich wünschte, dass man in meiner Literatur die ethische Betonung sieht: Es geht mir um das Aufzeigen von Dilemmata, darum, eine humanistische Vision zu entwerfen.“ Und im Herzen dieser humanistischen Vision steht das Bild des Menschen als verletzliche, vergängliche, brüchige Existenz, die immer wieder aufs Neue von der Geschichte und ihren jeweils aktuellen Eschatologien bedrängt wird. Drago Jančar: „Wir wissen nämlich genau, dass der Mensch nicht nur nach der Geschichte definiert wird, sondern dass er unendlich mehr und gleichzeitig unendlich weniger von ihr ist.“

Aufstand der Leser

Drago Jančar ist einer, der sich am Schreibtisch den „Attacken der wilden Welt“ (Formulierung übernommen von Adam Zagajewski) aussetzt: und das mit dem Anspruch, „Offenheit voller Zweifel“ hervorzubringen – in seinem Essay „Der Aufstand der Leser“ spricht er davon. Darin zeigt sich Drago Jančar übrigens doch auch als Optimist, und zwar was das Lesen angeht: „Immer wird es welche geben, die in den Büchern die Welt und sich selbst suchen werden, die Flamme des Verstandes und die Intuition der Erkenntnis, immer wird es neugierige Menschen geben, die wissen werden wollen, wie die Geschichten anderer Leben verlaufen, ihrer Hoffnungen, Ahnungen und Sehnsüchte, die den Reichtum der Sprache und die Eleganz des Stils, das anziehende Geschick des Erzählens, den Wagemut der fabulativen Wenden und die Herausforderung des Andersdenkenden bewundern werden. Darum wird der Aufstand der Leser erfolgreich sein […].“ Lieber Drago Jančar, ich will mit Ihnen an diesen Aufstand der Leser und Leserinnen glauben und gratuliere Ihnen aus ganzem Herzen zum Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur – Ihr Werk möge uns überleben! Cestitam, dragi Drago Jančar, iz celega srca! Vase knjige nas bodo prezivele!

Die Autorin leitet das Literaturressort im ORF-Fernsehen.

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