Martin_Hornstein - © Leo Fellinger
Literatur

„und stellt alles in frage“

1945 1960 1980 2000 2020

Vor zehn Jahren starb der Cellist Martin Hornstein völlig überraschend kurz vor seinem 55. Geburtstag. Semier Insayif würdigt den Musiker nun mit den Mitteln seiner eigenen Kunst: der Prosa und Poesie.

1945 1960 1980 2000 2020

Vor zehn Jahren starb der Cellist Martin Hornstein völlig überraschend kurz vor seinem 55. Geburtstag. Semier Insayif würdigt den Musiker nun mit den Mitteln seiner eigenen Kunst: der Prosa und Poesie.

Martin Hornstein war Cellist des Wiener Schubert Trios und von 1994 bis 2004 Mitglied des Altenberg Trios Wien. Mit dem Schriftsteller Semier Insayif, der in „libellen tänze“ versuchte, die Bach’schen Cellosuiten in Texte zu übertragen, verband ihn eine enge Zusammenarbeit. Zehn Jahre nach Hornsteins überraschendem Tod am 27. Oktober 2009 hat Insayif eine literarische Hommage auf den großartigen Cellisten veröffentlicht.

DIE FURCHE: Sie schreiben dieses Mal über jemanden, den Sie gekannt und geschätzt haben. Das bringt doch einige Schwierigkeiten mit sich?

Semier Insayif: Wenn ich heute zurückblicke, waren die ersten Texte relativ knapp nach Martin Hornsteins Tod eine notwendige Reaktion, die Verlust und Trauer in Gang gesetzt haben. Schwierigkeiten gab es zunächst also nicht, weil ich reagiert habe. Punkt. Aber dann kamen mehr und mehr. Viele Fragen haben sich gestellt: Was mache ich da? Darf ich das, kann ich das? Soll ich das, muss ich das schreiben und wie gehe ich mit all den Identitäten und Intimitäten um? Missbrauche ich ihn für ein Buch? Das sind unangenehme Gedanken. Ich habe für mich beschlossen, ihnen so notwendig und offen wie möglich nachzugehen. Ausgangspunkt ist die Person Martin Hornstein und die Beziehung, die ich zu ihm hatte, und die Dinge, die wir miteinander geteilt haben. Gleichzeitig ist es aber eine Erfindung. Es gibt schon Gespräche, Szenen oder Situationen, von denen ich bestätigen würde, dass sie so waren, dass sie in meiner Erinnerung so abgespeichert sind. Aber viele Dinge sind erfunden. Sie nehmen eine Atmosphäre, Gespräche und Verbindungen auf und transformieren sie in andere Szenerien. Es gibt einen Text, der das in einer Art Kreislauf ganz explizit anspricht. Ich habe mit wenigen Menschen eine so intensive künstlerische Auseinandersetzung auf kognitiver und emotionaler Ebene gehabt. Für mich war es wichtig, noch einmal eine Auseinandersetzung zu führen mit all unseren künstlerischen Berührungspunkten. Das heißt, ich dialogisiere mit ihm weiter.

DIE FURCHE: Sie thematisieren auch die Sprache der Musik und der Literatur: was sie miteinander zu tun haben und wie sie einander befruchten können.
Insayif: Ja, dieses Kreisen um eine Idee von künstlerischem Sein und künstlerischen Arbeiten ist zentral. Musik, Poesie, Literatur und bildende Kunst sind immer mit eingeflossen. Wir hatten beide das Gefühl, dass wir einander in vielen Bereichen anreden. Ich wollte nicht ein Bild von einem Menschen zeichnen, den ich damals kannte, sondern eine Figur, die ausgeht von Martin Hornstein, die er nicht ist, nie sein kann, mich gleichzeitig aber nicht nur an die Erinnerungen, das Vergangene halten, sondern auch in das Gegenwärtige und vielleicht auch Zukünftige gehen. Diese Figur kann sich lösen von der Ausgangsfigur, obwohl das Buch auch eine Hommage ist.

DIE FURCHE: Hat sich Ihre Reflexion über Musik und Literatur verändert, während Sie dieses Buch geschrieben haben?
Insayif: Ich glaube nicht, dass ich heute noch einmal auf die Bach’schen Cellosuiten so reagieren könnte, wie ich es mit „libellen tänze“ gemacht habe. Ich habe schon damals, als wir das aufgeführt haben, begonnen, mich mehr und mehr von meinem Text zu lösen und zu improvisieren. Ich habe gesagt: „Martin, die nächsten Male müssen wir versuchen zu improvisieren, du über Bach und ich über das eigene Geschriebene.“ Er hat sehr gelacht. Er könne über die Suiten nicht improvisieren, das gehe nicht. Aber bei seinem Lachen hatte ich den Eindruck, da gab es etwas, das ihn schon gereizt hätte, das zu tun. Es war zumindest noch eine Idee, aber dazu kam es nicht mehr.

Martin Hornstein war Cellist des Wiener Schubert Trios und von 1994 bis 2004 Mitglied des Altenberg Trios Wien. Mit dem Schriftsteller Semier Insayif, der in „libellen tänze“ versuchte, die Bach’schen Cellosuiten in Texte zu übertragen, verband ihn eine enge Zusammenarbeit. Zehn Jahre nach Hornsteins überraschendem Tod am 27. Oktober 2009 hat Insayif eine literarische Hommage auf den großartigen Cellisten veröffentlicht.

DIE FURCHE: Sie schreiben dieses Mal über jemanden, den Sie gekannt und geschätzt haben. Das bringt doch einige Schwierigkeiten mit sich?

Semier Insayif: Wenn ich heute zurückblicke, waren die ersten Texte relativ knapp nach Martin Hornsteins Tod eine notwendige Reaktion, die Verlust und Trauer in Gang gesetzt haben. Schwierigkeiten gab es zunächst also nicht, weil ich reagiert habe. Punkt. Aber dann kamen mehr und mehr. Viele Fragen haben sich gestellt: Was mache ich da? Darf ich das, kann ich das? Soll ich das, muss ich das schreiben und wie gehe ich mit all den Identitäten und Intimitäten um? Missbrauche ich ihn für ein Buch? Das sind unangenehme Gedanken. Ich habe für mich beschlossen, ihnen so notwendig und offen wie möglich nachzugehen. Ausgangspunkt ist die Person Martin Hornstein und die Beziehung, die ich zu ihm hatte, und die Dinge, die wir miteinander geteilt haben. Gleichzeitig ist es aber eine Erfindung. Es gibt schon Gespräche, Szenen oder Situationen, von denen ich bestätigen würde, dass sie so waren, dass sie in meiner Erinnerung so abgespeichert sind. Aber viele Dinge sind erfunden. Sie nehmen eine Atmosphäre, Gespräche und Verbindungen auf und transformieren sie in andere Szenerien. Es gibt einen Text, der das in einer Art Kreislauf ganz explizit anspricht. Ich habe mit wenigen Menschen eine so intensive künstlerische Auseinandersetzung auf kognitiver und emotionaler Ebene gehabt. Für mich war es wichtig, noch einmal eine Auseinandersetzung zu führen mit all unseren künstlerischen Berührungspunkten. Das heißt, ich dialogisiere mit ihm weiter.

DIE FURCHE: Sie thematisieren auch die Sprache der Musik und der Literatur: was sie miteinander zu tun haben und wie sie einander befruchten können.
Insayif: Ja, dieses Kreisen um eine Idee von künstlerischem Sein und künstlerischen Arbeiten ist zentral. Musik, Poesie, Literatur und bildende Kunst sind immer mit eingeflossen. Wir hatten beide das Gefühl, dass wir einander in vielen Bereichen anreden. Ich wollte nicht ein Bild von einem Menschen zeichnen, den ich damals kannte, sondern eine Figur, die ausgeht von Martin Hornstein, die er nicht ist, nie sein kann, mich gleichzeitig aber nicht nur an die Erinnerungen, das Vergangene halten, sondern auch in das Gegenwärtige und vielleicht auch Zukünftige gehen. Diese Figur kann sich lösen von der Ausgangsfigur, obwohl das Buch auch eine Hommage ist.

DIE FURCHE: Hat sich Ihre Reflexion über Musik und Literatur verändert, während Sie dieses Buch geschrieben haben?
Insayif: Ich glaube nicht, dass ich heute noch einmal auf die Bach’schen Cellosuiten so reagieren könnte, wie ich es mit „libellen tänze“ gemacht habe. Ich habe schon damals, als wir das aufgeführt haben, begonnen, mich mehr und mehr von meinem Text zu lösen und zu improvisieren. Ich habe gesagt: „Martin, die nächsten Male müssen wir versuchen zu improvisieren, du über Bach und ich über das eigene Geschriebene.“ Er hat sehr gelacht. Er könne über die Suiten nicht improvisieren, das gehe nicht. Aber bei seinem Lachen hatte ich den Eindruck, da gab es etwas, das ihn schon gereizt hätte, das zu tun. Es war zumindest noch eine Idee, aber dazu kam es nicht mehr.

Ein Spruch von ihm war: ,Großartig technisch gespielt, aber 100 Prozent musikfrei.‘ Es geht ums Sich-Ereignen, um die Momenthaftigkeit.

DIE FURCHE: In Ihrem Buch wird „m“, wie Sie ihn nennen, mit einer Aussage über die Cellosuiten zitiert: „ich habe das gefühl es gibt keine wahrheit, die nicht ein schwebezustand ist. und genau das steckt da drinnen in den sechs suiten. das unglaubliche dabei ist, dass es bach geschafft hat das zu materialisieren. und zwar auf die schlichteste weise, die es gibt. genau damit reißt diese musik in einer einfachheit alles auf. und stellt alles in frage.“ Und danach wird erwähnt, wie komplex die Suiten gleichzeitig sind. In „libellen tänze“ haben Sie sich abgearbeitet an dieser Einfachheit und Komplexität. Hat Sie das gemeinsame Arbeiten literarisch woanders hingetrieben?
Insayif: Ich hatte das Gefühl, bereits auf diesem Weg gewesen zu sein. Aber über die Begegnung mit ihm und die Begegnung mit Bach durch ihn ist eine Infektion in Gang gekommen und dadurch habe ich ihn dann auch noch reinfiziert. Ich habe ihn ständig konfrontiert mit meinem Hören und mit der Idee, dass ich das machen und er das spielen muss. Damals hat er schon so gelacht und gesagt „das geht gar nicht“, denn da war er noch im Altenberg Trio, „ich habe keine Zeit dafür und es liegt zur Zeit überhaupt nicht auf meinem Weg.“ Irgendwie kam es dann aber doch dazu und er hat sich reinfizieren lassen mit großen Auswirkungen. Genau dieser zitierte Satz über den Schwebezustand, über scheinbare Einfachheit und scheinbare Komplexität, hat mir für mein eigenes Schreiben noch einmal klarer gemacht, was mich vorher schon und nachher auch fasziniert hat.

DIE FURCHE: Von diesem Weg damals ist er ja abgekommen durch seinen Ausstieg aus dem Altenberg Trio.
Insayif: Das war ganz schön heftig damals. Es gab viele Gründe, warum das passiert ist, ich weiß nur einige von ihm. Es war ein massiver Einschnitt, dass er da ausgestiegen ist. Für viele Beteiligte enorm schwierig. Aber es hat irgendwie auch zu ihm gepasst. Weil er das Risiko gesucht hat, ihn immer wieder etwas herausgefordert hat.

DIE FURCHE: Ein Thema dieses Buches ist das Aufzeichnen von Musik, die doch Ereignis ist und sein soll. Sie selbst schreiben über jemanden, der gestorben ist, was auch ein Versuch ist festzuhalten, und stecken damit drin in diesem Dilemma der Kunst.
Insayif: Ja. Es gibt unendlich viele Trio-Aufnahmen von Hornstein und trotzdem haben wir oft darüber gesprochen, welche Schwierigkeiten und Gefahren in diesem Festhalten stecken. Wie man damit umgeht, ob man das irgendwie produktiv machen kann für das eigene Schaffen. Es wäre schön, wenn das möglich wäre. Manchmal denke ich mir, es gibt eine Art des Schreibens, die einer Idee des Schwebezustandes folgt. Es ist ein Gestus des Fragens und Befragens. Das ist etwas, wo wir einander sehr nah waren: Wir wussten um die Notwendigkeit, konkret werden zu müssen, aber auf eine Weise, die alles in Schwebe lässt, in Frage stellt. Eine Frage war für mich etwa immer: Wie macht man das, wenn man einen Ton spielt, wenn man sich entscheiden muss, diesen Ton zu spielen, dass der Ton und der Klang konturiert sind und doch viele Fragen mitschweben?

DIE FURCHE: Der Vorbehalt gegenüber Tonträgern hat einen Grund: Man geht ins Konzert und ist enttäuscht, wenn es nicht so klingt wie die Aufnahme zu Hause. Auch den Furor gegenüber einem technischen Perfektionismus kann ich nach­vollziehen. Wieso sollte etwas gleich klingen wie am Vortag?
Insayif: Ja, er hat sich auch beim Unterrichten quergelegt gegenüber einer scheinbar häufig vorkommenden Weise, die klar formuliert, dass etwas so zu spielen sei und nicht anders. Das war ihm ein Gräuel. Ein Spruch von ihm war: „Großartig technisch gespielt, aber 100 Prozent musikfrei.“ Es geht ums Sich-Ereignen, um die Momenthaftigkeit: beim Lesen oder beim Rezitieren gibt es Berührungspunkte zur Musik. Es gibt eine Aussage von ihm, wo er meinte, ich versuche die ganze Zeit zu singen und er zu sprechen. Das ist ein schönes Bild und macht die Nähe von Musik und Poesie spürbar.

DIE FURCHE: Wie hat Hornstein versucht, Lebendigkeit umzusetzen in der Musik?
Insayif: Ich glaube, verspürt zu haben, dass er es sich selbst beim Spielen, und zwar besonders dann beim Solospielen von Bach, unglaublich schwer gemacht hat. Ich hatte den Eindruck, er spielte auf Messers Schneide. Jedes Mal. Und jedes Mal auf andere Weise. Das war beeindruckend und irritierend. Ich habe ihm einmal eine Aufnahme vorgespielt. Es war eine Art, die eine Leichtigkeit spürbar gemacht hat. Und er hat gesagt: „Ja, so kann man es spielen. So kann ich es auch spielen, aber das ist es nicht für mich.“ Ich hatte den Eindruck, jedes Mal, wenn er die Bachsuiten gespielt hat, war es ein Zusammenkommen von Leichtigkeit, Tiefe und Klang, aber auch von extrem holziger Arbeit. Ich hatte das Gefühl, ich höre das Holz ächzen. Immer wieder gab es so Momente, wo hörbar wurde, dass es Schwerarbeit war. Weil die ausschließliche Leichtigkeit nicht stimmt und auch die ausschließliche Schwere nicht stimmt. Es war existenziell.

DIE FURCHE: „Mondasche“ ist ein Werk mit formal heterogenen Texten, Prosa und Lyrik.
Insayif: Ja, es gibt zwar einen großen Bogen, aber sehr fragmentarisch angelegt, mit vielen Auslassungen. Was mir nicht stimmig erschienen wäre, ist eine Art Roman, der im Gestus einer Geschlossenheit oder eines Ganzen Illusion herstellt. Ich habe lange überlegt, ob ich dem eine ganz diffizile Struktur gebe, habe dann aber beschlossen, dass ich es nicht zu sehr forciere, weil es vielleicht zu mechanistisch würde, weil etwas verloren gehen könnte.

DIE FURCHE: Eine Hör-CD ergänzt das Buch.
Insayif: Mir war klar, da muss auch etwas hörbar werden. Cecilia Sipos ist eine wundervolle Cellistin, die bei Martin Hornstein studiert und mit ihm gearbeitet hat. Sie spielt sowohl modernes als auch Barockcello und auch das hat etwas mit ihm zu tun. Auf der CD sind beide Celli zu hören. Es sind Texte aus dem Buch, die ich – manche verändert – selber spreche, sie werden mit dem Cello teilweise verwoben, teilweise alternierend vorgetragen. Die CD erzählt „m“ noch einmal anders.

Veranstaltung

Buchpräsentation

mit Semier Insayif und Cecilia Sipos

Österreichische Gesellschaft für Literatur

18. November 2019, 19 Uhr, Info: www.ogl.at

MondascheCD - © semierinsayif.com
© semierinsayif.com
Musik

Mondasche

Von Semier Insayif und Cecilia Sipos

semierinsayif.com

CD, € 16,–

Mondasche - © Klever
© Klever
Buch

Mondasche

Von Semier Insayif

Klever 2019

124 S.,kart., € 16,–