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Trau schau wem?

Es gibt multidimensionale Worte. Das Wort "trauen“ gehört dazu. In meiner Jugend lautete ein vielzitierter Appell "Trau schau wem?“, eine der vielen Wiederholungen des lateinischen "Fide sed cui vide!“ (das übrigens auch wieder aus eine Aesop-Fabel stammt); 1878 fand sich der Satz als Titel auf einem Flugblatt, das sich gegen Verleumdungen der Sozialdemokratie wandte.

Trauen spricht aber auch Mut an, und den braucht man oft, wenn man Misstrauen äußern will - beispielsweise in einer Arbeitswelt, in der Mobbing schon Sports-Charakter erlangt hat, wie auch das "Happy Slapping“, das "lustige Schlagen“ unbekannter Passanten auf der Straße. Viele rechnen damit, dass sich ohnedies niemand trauen wird, Einhalt zu gebieten.

Das Eingreifen verlernen

Aus der kaum zwanzig Jahre alten computergestützten Gehirnforschung wissen zumindest einige Fachleute, dass allein Zusehen schon bewirkt, dass man das abgeschaute Verhalten einübt - egal, ob es von Live-Darbietungen stammt oder aus der elektronischen Konserve. Wer viel zusieht, verlernt das Eingreifen. "Bystander“-Effekt heißt das in der Gewaltforschung, und die Experten, die allein dorther ihr Know-how beziehen, rätseln, ob dahinter die Angst liegt, selbst Opfer der nächsten Attacke zu werden oder listiges Abwarten, ob nicht jemand anderer aktiv wird. Dass einfach (noch) keine adäquaten Wahrnehmungs- und Handlungsnervenzellen gebildet wurden, weil es an mehrfach erlebten alternativen Vor-Bildern fehlt, erkennen die wenigsten. Deswegen ist ja Gewaltprävention (also etwas ganz anderes als Kriminalprävention!) ein Bildungsproblem und muss mit psychopädagogischen Mitteln "vorgeführt“ werden - eine Aufgabe für audiovisuelle Medien. (Das gleiche Prinzip gehört übrigens auch angewendet, wenn man die Rettungsgasse wirksam propagieren will.)

Was hingegen von Film, Fernsehen und Computerspielen überreich suggeriert wird, ist Aufbau von Feindbildern und folglich Angst - die primitivsten Abwehrmethoden gleich mitgeliefert. Kein Wunder, wenn dann Misstrauen wächst und Populisten reichlich Stoff für Tatsachenverdrehungen liefern. Ich habe in meiner Lebensphase als Kommunalpolitikerin im PR-Training gelernt: Für Medien ist nur berichtenswert, was das erste oder letzte Mal ist, ein Wunder oder ein Skandal. Nur echte Qualitätsmedien pflegen sich hier nicht missbrauchen zu lassen …

Gerade das Wort "Skandal“ wird layout-gerecht auch an Unpassendes angehängt, wenn es nur geeignet scheint, Neugier und Wut auszulösen - denken wir nur an den Pferdefleischskandal, wofür eigentlich das Wort Etikettenschwindel besser gepasst hätte, oder den Bankenskandal etc.

Oversexed und abgestumpft

Skandalisierung als Instrumentarium gegen unliebsame Konkurrenten oder Kritiker hat eine lange Tradition, vor allem, wenn irgend etwas Sexuelles mit ins Spiel gebracht werden konnte. Das regt heute nur mehr wenige auf, so oversexed und abgestumpft wie die meisten schon sind, Jugendliche inbegriffen. Auch hier geht es, wie überall, wo Menschen sich gegen andere zur Waffe machen, um den Vergleich, das Gefühl der Unterlegenheit und Neid - auch wenn heute die Skandalisierungsversuche mehr auf vermuteten Einfluss und Geldfluss zielen. So bauen sich entweder paranoide Geisteshaltungen auf, indem man sich ausgetrickst, diskriminiert, ausgeschlossen fühlt, sich aber nicht traut, offen nachzufragen - wie es der gesunde Menschenverstand eigentlich nahelegen würde; das wäre dann eine Therapie-Indikation. Oder man sucht gezielt hinterrücks das gesellschaftliche Vertrauen, den erarbeiteten Good Will eines Unternehmens oder einer Person, zu zerstören. Das gehört in den Bereich des Strafrechts.

Wer den Führerschein erwirbt, hört vom Vertrauensgrundsatz: Man darf vertrauen, dass sich andere wohlverhalten. Und dennoch gehört dieses vorauseilende Vertrauen mit jener Portion Misstrauen in Balance gebracht, die auftaucht, wenn man nach genauer Erhebung der Tatsachen die Berechtigung von Zweifel nachweisen kann, also nicht nur vermutet oder unterstellt. Wenn man etwas nicht beweisen kann, sollte man seine Angst, seinen Neid, seine Wut zurückhalten, beobachten, vor allem aber den Mut aufbringen, mit offenem Visier nachzufragen - auch bei sich selbst, nämlich nach den eigenen Motiven. Emotionen verdunkeln nur zu oft das Vernunftdenken: Man wünscht sich, dass die störende Person weg wäre oder dass man selbst quasi wie ein Großwildjäger den Fuß auf eine respektable Trophäe setzen kann - und hofft auf Ansteckung potenzieller Verbündeter mit diesem Virus. Die Impfung gegen diese Infektion heißt Wertschätzung.

* Die Autorin ist Psychoanalytikerin und leitet dass Institut für Stressprophylaxe & Salutogenese (ISS) in Matzen (NÖ).

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