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DISKURS

Corona: Aus der neuen Welt

1945 1960 1980 2000 2020

Nach dem Lockdown wagt man nun den Aufbruch in die „neue Normalität“. Um dort nicht verloren zu gehen, ist ein guter Kompass nötig. Und Bereitschaft zur Manöverkritik.

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Nach dem Lockdown wagt man nun den Aufbruch in die „neue Normalität“. Um dort nicht verloren zu gehen, ist ein guter Kompass nötig. Und Bereitschaft zur Manöverkritik.

Dass die „Auferstehung nach Ostern“ mit langen Schlangen vor den Baumärkten begonnen hat, mag irritieren – kommt aber nicht überraschend. Nach einem Monat Lockdown, nach Wochen der Unsicherheit und Isolation – gefangen in einer Gefühlswelt zwischen Biedermeier und Apokalypse –, ist der Drang groß, endlich selbst tätig zu werden, Neues zu pflanzen, Ordnung zu schaffen. Zumindest im eigenen Zuhause, wo es noch ein Mindestmaß an Überblick gibt.

Was die Welt da draußen oder gar die Zukunft betrifft, ist dergleichen schließlich Mangelware. Keiner kann abschätzen, was die nächsten Monate oder gar Jahre bringen werden, wie fundamental diese Krise die Grundfesten unseres Zusammenlebens erschüttern, wie sehr sie Gesellschaft, Wirtschaft und (Geo-)Politik verändern wird. Klar scheint nur, dass die Kosten enorm sein werden: die bezifferbaren, in Form von sich auftürmenden Schuldenbergen und Einbrüchen des Wirtschaftswachstums (die WTO sprach zuletzt von minus sieben Prozent in Österreich und der „schlimmsten Rezession zu Lebzeiten“) – aber auch und besonders jene Kosten, die nicht quantifizierbar sind.

Beginnen wir mit den sozialen Folgen, die nach der ersten Phase des Ausnahmezustands mehr und mehr sichtbar werden. Dass nach Ansicht von Experten seit den Schulschließungen etwa 6,8 Prozent der Sechs- bis 14-Jährigen „verloren“ gegangen sind, muss alarmieren. Die Ausstattung mit Leih-Laptops (über deren Finanzierung der im Bildungsbereich übliche Bund-Länder-Disput ausgebrochen ist) hilft hier nur teilweise. Einmal mehr wird klar, wie notwendig jetzt – und noch mehr in der „neuen Normalität“ mit dramatisch höherer Arbeitslosigkeit und zugespitzten familiären Konflikten – mehr nachgehende Sozialarbeit im Schulbereich wäre.

Fähig zur Selbstkritik?

Auch die Auswirkungen der Krise auf den Rechtsstaat müssen nun in den Fokus rücken. Ja, außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen: Die österreichische Bundesregierung hat durch ihr rasches und entschlossenes Vorgehen eine Eskalation, wie sie in anderen Ländern beobachtbar ist, verhindert und damit zahllose Leben gerettet. Das ist nicht hoch genug einzuschätzen.

Dass die „Auferstehung nach Ostern“ mit langen Schlangen vor den Baumärkten begonnen hat, mag irritieren – kommt aber nicht überraschend. Nach einem Monat Lockdown, nach Wochen der Unsicherheit und Isolation – gefangen in einer Gefühlswelt zwischen Biedermeier und Apokalypse –, ist der Drang groß, endlich selbst tätig zu werden, Neues zu pflanzen, Ordnung zu schaffen. Zumindest im eigenen Zuhause, wo es noch ein Mindestmaß an Überblick gibt.

Was die Welt da draußen oder gar die Zukunft betrifft, ist dergleichen schließlich Mangelware. Keiner kann abschätzen, was die nächsten Monate oder gar Jahre bringen werden, wie fundamental diese Krise die Grundfesten unseres Zusammenlebens erschüttern, wie sehr sie Gesellschaft, Wirtschaft und (Geo-)Politik verändern wird. Klar scheint nur, dass die Kosten enorm sein werden: die bezifferbaren, in Form von sich auftürmenden Schuldenbergen und Einbrüchen des Wirtschaftswachstums (die WTO sprach zuletzt von minus sieben Prozent in Österreich und der „schlimmsten Rezession zu Lebzeiten“) – aber auch und besonders jene Kosten, die nicht quantifizierbar sind.

Beginnen wir mit den sozialen Folgen, die nach der ersten Phase des Ausnahmezustands mehr und mehr sichtbar werden. Dass nach Ansicht von Experten seit den Schulschließungen etwa 6,8 Prozent der Sechs- bis 14-Jährigen „verloren“ gegangen sind, muss alarmieren. Die Ausstattung mit Leih-Laptops (über deren Finanzierung der im Bildungsbereich übliche Bund-Länder-Disput ausgebrochen ist) hilft hier nur teilweise. Einmal mehr wird klar, wie notwendig jetzt – und noch mehr in der „neuen Normalität“ mit dramatisch höherer Arbeitslosigkeit und zugespitzten familiären Konflikten – mehr nachgehende Sozialarbeit im Schulbereich wäre.

Fähig zur Selbstkritik?

Auch die Auswirkungen der Krise auf den Rechtsstaat müssen nun in den Fokus rücken. Ja, außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen: Die österreichische Bundesregierung hat durch ihr rasches und entschlossenes Vorgehen eine Eskalation, wie sie in anderen Ländern beobachtbar ist, verhindert und damit zahllose Leben gerettet. Das ist nicht hoch genug einzuschätzen.

Solidarität und Mitgefühl: Diese Orientierungspunkte dürfen bei dieser Expedition nicht verloren gehen.

Nun braucht es freilich eine neue Gangart – und Bereitschaft zur Manöverkritik. Dass Kanzler Sebastian Kurz zum jüngsten Hinweis von Verwaltungsrichtern auf Grundrechtsverstöße von Regierungserlässen meinte, man dürfe derlei „nicht überinterpretieren“, gibt zu denken. Ja, im Ausnahmezustand passieren Fehler. Es zeugte von Souveränität, sie (wie Minister Rudolf Anschober) einzugestehen und daraus Schlüsse für den weiteren Marsch in diese neue Welt zu ziehen.

Hierbei wird es – nicht nur in Österreich – bei allen Entscheiderinnen und Entscheidern einen funktionsfähigen Kompass brauchen. Worauf kommt es nun an? Und wo ist es nötig, von der bisherigen Marschroute abzuweichen – schlicht um der Menschlichkeit willen? Die Frage der Aufnahme minderjähriger Flüchtlinge aus griechischen Lagern gehört paradigmatisch in diese Kategorie. Dieser Tage wurden die ersten zwölf Kinder nach Luxemburg geflogen, am Samstag werden weitere 50 nach Deutschland gebracht. Dass es (als Folge europäischer Unentschlossenheit samt Aufnahmeweigerung Österreichs) überhaupt zu solchen Kontingentierungen mit vorherigen „Aussortierungen“ kommt, ist beschämend.

Solidarität und Mitgefühl: Diese Orientierungspunkte dürfen bei der Expedition in diese neue, ungewisse Welt nicht verloren gehen. Aber eine Beobachtung vom ersten Tag nach der Lockdown-Lockerung stimmt zuversichtlich. Die Stimmung in den Schlangen vor den Baumärkten soll gut gewesen sein: strahlende Gesichter, dankbare Kunden, kaum Pöbeleien. Wenn das nicht hoffen lässt.

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